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Der Schatz am Ende des Regenbogens

Dieses Thema im Forum 'Benutzerecke' wurde von -kulli- gestartet, 16 November 2013.

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  1. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 40
    Nacheinander betraten die Männer eine riesige Höhle, die schon fast den Eindruck einer überdimensionalen Halle vermittelte und sofort war ein jeder von dem prunkvollen Anblick gefangen.
    Hunderte Stalaktiten hingen von der gewölbten Decke herab, in denen sich der warme Lichtschein brach und ihnen ein Funkeln verlieh, als wären es die kostbarsten Edelsteine.
    Mit offenen Mündern standen alle und konnten sich an dem Anblick nicht satt sehen.
    Begeistert verteilten sich die Männer, um sich weiter umzusehen. An eine mögliche Gefahr dachte dabei niemand mehr. Fast hatte es den Anschein, als hätten die Männer den wahren Grund ihrer Unternehmung schon lange vergessen.
    Selbst Joe, dem der magische Stein unmissverständliche Signale sandte, schien dies vollkommen zu ignorieren. Fasziniert schritt er vorwärts und gelangte nach einer Weile zu einer kleinen Senke, die sich im Zentrum des Gewölbes befand.
    Am tiefsten Punkt dieser Mulde befanden sich seltsame Zeichen im Boden.
    Joe trat näher und ging in die Knie, um sie noch besser ansehen zu können, indessen erfasste ihn ein seltsames Gefühl. Er war sich sicher, diese Zeichen schon einmal gesehen zu haben, konnte sich jedoch nicht erinnern, wann und wo dies gewesen war.
    Vorsichtig, ja fast andächtig, strich er mit den Fingern über die rätselhaften Zeichnungen. Direkt in der Mitte befand sich eine kleine rundliche Vertiefung.
    So sehr Joe sich jedoch auch anstrengte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich zu erinnern.
    Juan trat zu ihm und ging ebenfalls in die Knie. „Captain, hast du jemals so viel Schönheit und Pracht gesehen? Wer hätte geglaubt, dass auf diesem grässlichen Eiland eine solche Vollkommenheit versteckt liegt.“
    Während Joe noch immer fasziniert die Zeichnungen betrachtete, entgegnete er euphorisch: „Du sagst es mein Freund! Wir sind schon so lange unterwegs und haben in all den Jahren große Schätze gesehen. Nie hätte ich geglaubt, dass all das noch übertroffen werden könnte. Sieh dir einmal diese Zeichnungen an! Ich bin mir ganz sicher, sie schon einmal gesehen zu haben. Welche Bedeutung mögen sie wohl haben?“
    „Nun ich glaube nicht, jemals etwas Derartiges gesehen zu haben. Tut mir leid! Vielleicht kehrt deine Erinnerung ja doch noch zurück.“ Mit einer entschuldigenden Geste hob Juan die Hände, um dann nach einem Blick auf den Kristall in Joes Händen doch noch die Frage auszusprechen, die ihm auf dem Herzen lag. „Joe, was sagt der Stein? Glaubst du immer noch, dass uns Gefahr droht?“
    Eine Antwort sollte Juan jedoch nicht mehr bekommen.
    „Zum Henker! Männer was ist das!?“ Die aufgeregten Rufe ihrer Kameraden hallten durch die Höhle, erneute Flüche und panische Hilfeschreie drangen an ihre Ohren.
    Ruckartig schnellten Joe und Juan hoch und beide sahen sich um. Was ging hier vor?
    Ein seltsamer Nebel drang durch den Höhleneingang und breitete sich unaufhaltsam über den steinigen Boden aus.
    Schnell hatte er sich seinen Weg bis in die hinterste Ecke gebahnt und während die Rufe der Piraten immer verzweifelter klangen und der Dunst wabernd in die Höhe kroch, um langsam alles und jeden scheinbar zu verschlingen, versuchte Joe, seinen Männern zur Hilfe zu eilen. Vergeblich!
    Obwohl am restlichen Teil seines Körpers keine Veränderungen zu bemerken waren, schienen seine Füße mit dem felsigen Boden verwachsen.
    Trotz größter Kraftanstrengung gelang es Joe nicht, sich von der Stelle zu bewegen. Wie ein verzweifelter Blick zu seinen Begleitern bestätigte, schien es denen ähnlich zu ergehen.
    Weiter und weiter breitete sich der düstere Schleier aus und wirkte seinen Bann und es schien kein Entkommen zu geben.
    Verzweifelt versuchten die Männer, etwas gegen ihre unvorhergesehene Gefangenschaft zu unternehmen, denn noch waren sie nicht bereit, sich einfach so ihrem Schicksal zu ergeben. Doch es war vergeblich.
    Die Flüche, die durch die Nebelwand drangen, wurden immer leiser, nur noch verzerrt drangen sie an Joes Ohr.
    Die Dunkelheit nahm zu und schien im Begriff, alles zu verschlucken.
    Joe wandte den Kopf zu dem direkt neben ihm stehenden Juan, der verzweifelt in Richtung ihrer Kameraden deutete. Von denen waren jetzt nur noch schattige und verzerrte Umrisse zu erkennen. Nur manchmal drang noch ein einzelner Wortfetzen herüber.
    „Verdammt Joe, wir sitzen in der Falle und diesmal scheint es kein Entkommen zu geben. Wer oder was sollte uns jetzt noch retten können!?“
    „Mein Freund sag nicht so etwas! Dies kann nicht das Ende sein, es muss einen Ausweg geben. Denk nach!“
    Und an seine restlichen Begleiter gewandt schrie Joe in der Hoffnung, irgendjemand möge ihn hören: „Bleibt ruhig Männer! Ich hole euch hier raus. Gebt mir nur einen kurzen Moment zum Nachdenken.“

    Ein scheußliches Lachen drang durch die Dunkelheit, dass den Männern das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ihr Narren! Habt ihr tatsächlich geglaubt, ihr könntet es mit mir aufnehmen?“
    Fast lautlos bewegten sich Joes Lippen, als er den Namen hauchte: „Phylixa!!!
     
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  2. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 41
    Joe konnte es einfach nicht fassen. Phylixa war aus ihrem nassen Element gestiegen und nun waren er und seine Männer ihr hilflos ausgeliefert.
    Instinktiv zuckte seine Hand zu seiner Pistole, obwohl nicht einmal wusste, in welcher Richtung die Hexe zu finden war. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass Juan es ihm gleich tat.
    Ein greller Blitz zuckte durch den dunklen Nebelschleier und erhellte für den Bruchteil einer Sekunde die Umgebung und schon fanden sich die beiden Männer auf dem Rücken liegend wieder.
    Wieder ertönte Phylixas lachen. „Habt ihr Dummköpfe denn in all den Jahren immer noch nicht begriffen, dass ihr es nie mit mir aufnehmen könnt? Nichts und niemand kann mich aufhalten!“
    Joe versuchte wieder auf die Beine zu kommen, während er einen derben Fluch ausstieß. Doch vergeblich! Unsichtbare Kräfte schienen ihn und auch seinen Gefährten niederzudrücken.
    „Du Scheusal!“, stieß Juan hervor. „Hast du denn immer noch nicht genug Unheil angerichtet?“
    „Oh nein mein lieber! Es fängt gerade erst an. Heute aber bin ich ein entscheidendes Stückchen weitergekommen, denn ihr könnt ab sofort keinen meiner Pläne mehr durchkreuzen.“
    Wieder ertönte das grässliche Lachen. „Dass ihr es mir aber so einfach macht, beweist einmal mehr, was für entsetzliche Dummköpfe ihr doch seid. Sehenden Auges seid ihr mir in die Falle gegangen. Ich musste einfach nur abwarten, bis sie zuschnappt.“
    „Warum das alles?“, brachte Joe mühsam hervor, da der Druck, welcher ihn am Boden hielt, immer weiter zunahm und das Atmen mehr und mehr erschwerte. „Reicht dir deine Macht denn immer noch nicht aus!? Was willst du denn noch?“
    Ein schemenhafter Schatten erschien in der Nebelwand und bewegte sich scheinbar schwebend auf die beiden Männer zu, um dann kurz vor ihnen zu halten. Groß und bedrohlich sahen sie die Umrisse der Hexe jetzt direkt vor sich. „Das, du kleiner jämmerlicher Pirat, wirst du schon sehr bald erfahren. Ich bin kurz davor, meine Pläne zu vollenden. Und jetzt, da ich mich nicht mehr um euch kümmern muss, werde ich mein Ziel noch schneller erreichen. Etwas Großes steht bevor und bald schon ist es vollbracht. Mehr müsst ihr nicht wissen, denn ihr werdet die neue Zeit leider nicht mehr genießen können.“ Und wieder begann Phylixa hämisch zu lachen.
    Ein gequältes Stöhnen drang aus Juans Mund. „Wenn du uns töten willst, warum hast du es dann nicht längst getan?“
    „Du musst zugeben, dass das doch viel zu einfach wäre. Nein, für euch habe ich mir etwas ganz besonderes überlegt. Zu oft habt ihr meine Pläne durchkreuzt, dafür wird euch nun eine ganz besondere Ehre zuteil. Ihr dürft vorerst weiterleben, um später noch in den Genuss meiner uneingeschränkten Herrschaft zu kommen. Stunde um Stunde werdet ihr euer jämmerliches Leben verfluchen. Ihr werdet bitter bereuen, dass ihr es gewagt habt, euch mir in den Weg zu stellen. Das soll eure Strafe sein. Bis dahin seid ihr hier vorerst gut und sicher untergebracht.“
    Ohne ein weiteres Wort wandte die Zauberin sich von den Männern ab und begann sich mit einem Lachen zu entfernen.
    Während Juan die wildesten Flüche hinterherschickte und in der Hoffnung, sich endlich erheben zu können, wild mit den Armen wedelte, blieb Joe seltsamerweise vollkommen ruhig und sagte keinen Ton.
    Als diese Tatsache Phylixa bewusst wurde, war es für sie jedoch schon zu spät, die drohende Niederlage zu verhindern.
    Während Phylixa den Männern nämlich ihre Zukunft geschildert hatte, war dem Captain doch noch die rettende Idee gekommen.
    Ganz vorsichtig, damit er die Aufmerksamkeit der Hexe nicht auf sich lenkte, begann er in seiner Tasche zu suchen und nacheinander die Steine herauszuholen, welche er von Kadrya erhalten hatte. Behutsam versuchte er einen nach dem anderen in die kleine rundliche Vertiefung im Zentrum der Mulde einzupassen. Und tatsächlich, der fünfte ließ sich mühelos einfügen.
    Phylixas verzweifelter Schrei ließ die Wände erzittern und während sich ein leicht heulendes Geräusch in der Höhle auszubreiten begann, löste sie sich vor den Augen der Männer langsam auf und verband sich mit dem Nebel, welcher wie in einem Strudel in die Tiefen des Felsbodens gesogen wurde.
    „Was hast du getan? Wie ist das möglich?“ Juan konnte es nicht glauben, obwohl er es doch mit eigenen Augen sah.
    Joe erhob sich mit einem Grinsen im Gesicht, begann betont langsam, sich den Staub von der Kleidung zu klopfen und meinte dann mit einem Augenzwinkern: „Willst du noch lange liegen bleiben und ausruhen? Es ist nämlich so, dass wir immer noch einen Schlüssel finden müssen. Wir sollten langsam mal mit der Suche beginnen.“
     
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  3. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 42
    „Verflixt, Joe! Was ist da gerade geschehen?“ Juan schüttelte verwirrt den Kopf, während er sich langsam vom staubigen Boden erhob.
    Auch die anderen Männer kamen nun aus allen Richtungen zu ihrem Captain.
    In der Hoffnung, dieser könne ihnen das soeben erlebte erklären, scharrten sie sich dicht um ihn und sahen ihn erwartungsvoll an.
    „Joe was war das?“ Edward trat aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. „Wie kann es sein, dass sich diese verfluchte Hexe einfach so in Luft auflöst und verschwindet?“
    „Das alles war nur ein Zauber und Phylixa war niemals selbst an diesem Ort. Es muss ein Zauber gewesen sein!
    „Aber wir alle haben sie mit unseren eigenen Augen sehen können. Sie stand so nah vor mir, dass ich ihren eisigen Atem spüren konnte. So nah…“ Edward zeigte mit seinem Armen den minimalen Abstand an. „Also Captain, ich bin mir sicher, dass sie es war. Ich habe sie doch genau erkannt.“
    „Ich will nicht bestreiten, dass ihr sie gesehen habt. Nur war es nicht die wahre Phylixa, sondern nur ein Abbild von ihr.“
    Zweifelnd und doch schon etwas nachdenklich hakte der Steuermann dann doch noch einmal nach. „Wie kannst du dir da so sicher sein? Ich meine, sie erschien doch so real. Ich will damit sagen: Sie stand vor uns und hat mit uns gesprochen.“ Nun fuhr er zu seinen Kameraden herum. „Jetzt sagt ihr doch auch was dazu! Ihr habt sie doch auch erlebt.“
    Und schon setzte ein wildes Streitgespräch ein, in dem alle durcheinander riefen und das versuchten Erlebte zu erklären.
    Joe hörte eine Weile geduldig zu, hob dann jedoch den Arm, um für Ruhe zu sorgen.
    „Ihr habt recht, Männer! Aber hört mir zu. Es gibt da eine Sache, die mich ziemlich sicher macht, dass das Ganze nur ein Spuk gewesen sein muss. Phylixa zieht ihre Lebensenergie aus dem Wasser. Sie braucht das nasse Element, wie wir die Luft zum Atmen. Wie also sollte sie hier an Land überleben können? Ich weiß zwar nicht, wie genau sie es angestellt hat, aber sie muss einen gemeinen Zauber gewirkt haben, um uns mit einem Ebenbild zu ängstigen und vollends zu verwirren. Und wären mir nicht noch die Steine eingefallen, wäre ihr Plan wohl auch aufgegangen und wir würden hier bis in alle Ewigkeit in der Höhle festsitzen.“
    „Hey, das könnte stimmen.“ Aufgeregt kratzte Edward sich den Kopf und die anderen nickten zustimmend mit den Köpfen. „Wir waren alle dermaßen in ihrem Bann gefangen, dass wir niemals an eine solche Möglichkeit gedacht hätten. Doch eine Frage hätte ich noch, Captain. Oh nein, ich will jetzt nicht von dir wissen, wie genau du auf die geniale Idee gekommen bist, den Stein einzusetzen und den Spuk damit zu beenden. Ich frage mich nur, wann fangen wir denn nun endlich mit der Suche an? Ich würde nämlich sehr gern bald von hier verschwinden.“


    Und tief, tief unten auf dem Meeresboden saß Phylixa in ihrem gläsernen Palast. Noch war sie völlig geschwächt von ihrer Reise, die ihr so viele Kräfte abverlangt hatte. Endlich in ihren Körper zurückgekehrt, würde es noch eine ganze Weile dauern, die alte Stärke wieder zu erlangen.
    Der Plan war so gut durchdacht gewesen und es war schon fast zu einfach gewesen, diese dummen Piraten in ihre Gewalt zu bringen. Was hatten sie doch für dumme Gesichter gemacht, als ihnen klar wurde, dass sie in der Falle saßen. Und die Angst in ihren Augen zu sehen, war schon eine kleine Wiedergutmachung für all die Demütigungen, die dieses Pack ihr im Laufe der Jahre zugefügt hatten.
    Wäre da nur nicht dieser verflixte Captain! Wieder einmal war er ihr in die Quere gekommen.
    Wütend schleuderte sie den Spiegel, den sie schon eine geraume Weile in der Hand hielt und der die bittere Wahrheit zeigte, durch den Raum. Klirrend zerbrach dieser an der Wand und tausende kleine Scherben verteilten sich auf dem Boden.
    Nein, Phylixa konnte den Anblick nicht mehr ertragen. Ihre dunklen Haare waren jetzt leicht mit Silber durchwirkt und dünne Linien hatten sich rund um ihre Augen eingegraben.
    Sie war müde, erschöpft und rasend vor Wut. Für diese Schmach würden die Kerle bitter bezahlen müssen.
    Jetzt fehlte nur ein neuer Plan. Sicher würde ihr da etwas einfallen. Und es galt, keine Zeit zu verlieren. Ächzend erhob Phyla sich von ihrem Thron und begab sich in Richtung ihres geheimen Kämmerleins.
    In ihren schlauen Büchern würde sie schon bald die passende Antwort auf diese Kränkung finden.
    Leise knirschten die kleinen Glassplitter unter ihren Füssen. Wütend wollte sie diese beiseite schieben, verharrte jedoch plötzlich inmitten in Bewegung, ging in die Knie und nahm einige der Bruchstücke in die Hand. Ja, so könnte es gehen. Und diesmal würde nichts schiefgehen.
    Schnell eilte die Hexe davon, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen und die nötigen Vorbereitungen zu treffen…
     
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  4. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 43
    … „Ähm Captain, wonach suchen wir noch mal genau?“ Simon, der Schiffsjunge, kam mit hängenden Schultern näher. „Muss es ein echter Schlüssel sein? Wir suchen jetzt schon so lange, doch hier ist nichts.“
    „Genau Joe…“, polterte Edward. „Selbst wenn wir den Berg Stein für Stein abtragen, werden wir nichts finden. Ich sage dir, lass uns an einem anderen Ort weitersuchen!“
    Stunden hatten die Männer nun schon damit verbracht, jeden Winkel in der Höhle genaustens zu untersuchen. Nichts aber auch gar nichts hatten sie entdecken können, was an ein Versteck erinnerte, geschweige denn, auch die geringste Ähnlichkeit mit einem Schlüssel aufwies.
    Müde und resigniert kamen auch die anderen Kameraden näher und ließen sich einer nach dem anderen auf den Boden sinken.
    Nachdenklich schaute Joe in die Runde. Dann schüttelte er entschlossen den Kopf, gerade so, als wolle er all seine eigenen Bedenken verjagen.
    „Hört zu Männer! Ihr seid müde, doch das bin ich auch! Der Tag war anstrengend und voller Gefahren. Doch lasst uns jetzt nicht aufgeben! Das Objekt unserer Suche kann sich nur hier verbergen. Warum sonst ist mir diese Insel immer wieder in meinen Visionen erschienen und hat mich des Nachts aus meinen Träumen aufschrecken lassen!? Dafür muss es einen triftigen Grund geben und ich bin fest entschlossen, ihn zu ergründen. Und bedenkt eins: Phylixa hat alles daran gesetzt, uns hier festzuhalten. Sie hat einen wahrhaft großen Zauber gewirkt, der ganz sicher sehr viel Energie verbraucht. Selbst jemand, der so mächtig ist, wie sie, tut so etwas nicht unüberlegt, sondern nur, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt. Also lasst uns weitersuchen und achtet dabei auf jede Kleinigkeit!“
    Während sich die ersten murrend erhoben, um die Suche fortzusetzen, saß Edward auch weiterhin mürrisch dreinblickend auf dem felsigen Untergrund und grummelte leise vor sich hin, mehr zu sich selbst, als zu den anderen: „Wo sollen wir nur suchen? Felsen, überall nur Felsen… Da draußen warten Feuer und Glut auf uns und rundherum nur Wasser, Wasser, soweit das Auge reicht. Diese Insel wird unser Verderben!“
    „Das ist es! Edward du bist genial! Warum hab ich nicht gleich daran gedacht!?“ Joe lief voller Aufregung hin und her und versuchte sich zu erinnern. Wie lauteten die Worte noch gleich?
    Juan trat zu ihm und versuchte ihn aufzuhalten, während die anderen erstaunt auf ihren Captain starrten.
    „Joe, was habe ich denn gesagt, außer, dass wir hier inmitten von Erde, Feuer und Wasser auf unser Ende zu gehen? Ich verstehe nicht ganz, was dich daran so erfreut.“ Ed saß mit gekrauster Stirn auf dem Boden und zweifelte immer mehr am Verstand seines Freundes.
    „Wartet! Gebt mir nur einen kurzen Moment, bis ich die Worte zusammen habe. Ich hab`s gleich.“ Wieder begann er aufgeregt hin und her zu laufen, während er leise vor sich hin murmelte. Hin und wieder blieb er stehen und es hatte den Anschein, als wolle er zu sprechen beginnen, dann schüttelte er jedoch den Kopf und setzte seine rastlose Wanderung fort.

    Dann endlich, wandte er sich an seine Begleiter, die schon völlig ungeduldig zu einer Traube zusammengedrängt, beieinander standen und auf eine Erklärung für dieses rätselhafte Verhalten hofften. „Es gibt da eine Sache, von der ich euch nicht berichtet habe, weil ich sie vollkommen vergessen hatte. In den letzten Tagen ist so viel geschehen, so viele Gedanken gingen in meinem Kopf herum… Nun, als ich in Kadrya`s Höhle zurückgeblieben war und unter den Wassermassen mit allem abgeschlossen hatte, war da diese Stimme, die mich hat überleben lassen. Immer und immer wieder wiederholte sie ihre Worte, fast so, als wolle sie diese auf ewig in meinem Kopf verankern. Ich verstehe nicht, wie ich das vergessen konnte.“ Wütend auf sich selbst schlug er die rechte Faust in seine linke Hand und schüttelte über seine eigene Vergesslichkeit den Kopf.
    Doch ehe einer der Männer seine Rede unterbrechen konnte, begann er auch schon zu rezitieren:

    „Fünf Elemente sind Teil dieser Welt.
    Nur wer sie achtet und das Gleichgewicht erhält,
    wem es gelingt, ohne Angst zu vertrauen,
    der kann auf ihre Hilfe bauen!
    Um fünf Schlüssel zu finden an geheimen Ort,
    setze deine Reise fort.
    Drum steige nun zum Licht hinauf
    und lass der Zukunft ihren Lauf!“​
     
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  5. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 44
    Innerhalb von Sekunden herrschte nun absolute Stille. Überrascht sahen die Männer ihren Captain an. Sie versuchten, zu verstehen, was sie soeben gehört hatten. Obwohl es viele Fragen gab, wagte niemand sie zu stellen und damit die Stille zu durchbrechen.
    Während einige sich nachdenklich das Kinn oder den Hinterkopf kratzten, sahen andere leicht irritiert zu Boden.
    Joe konnte es nicht fassen. Die Männer verstanden es nicht und sahen nicht, dass die Lösung des Rätsels schon so nah war.
    Nur Juan schien etwas zu begreifen, wie man deutlich an seinem nachdenklichen Blick erkennen konnte, mit dem er noch einmal jeden Winkel der Höhle akribisch musterte. „Du könntest tatsächlich Recht haben, Joe! Das nenne ich doch mal einen stichhaltigen Hinweis! Der könnte uns vielleicht endlich weiterbringen.“ Wissend sahen sich die beiden Männer an.
    „Also, da hol mich doch der Klabautermann! Würdet ihr uns wohl mal verraten von welchem Hinweis ihr da redet, oder wollt ihr uns dumm sterben lassen?“, polterte Edward auch schon dazwischen. „Welcher verrückte Gedanke spukt jetzt schon wieder in euren Köpfen rum? Ich wüsste es nämlich gern vorher, wenn ihr uns wieder einmal in Gefahr bringen wollt. Denn, wenn ich euch so ansehe, wird es wieder auf etwas Gefährliches hinauslaufen. Bei allen Geistern der Unterwelt, rückt endlich mit der Sprache raus!“
    „Ich würde es euch ja gerne erklären, wenn du mich dann mal zu Wort kommen ließest.“ Joe war seine innere Unruhe anzumerken. Mit einer knappen, energischen Handbewegung schnitt er Edward jedes weitere Wort ab.
    „Hört zu Männer! Wenn wir dieses Rätsel entschlüsseln, dann finden wir auch den richtigen Weg. Die Elemente sind die Lösung. Anders kann es gar nicht sein! Wenn wir es schaffen, sie in Einklang zu bringen, ist der Schlüssel unser.“
    Sofort wurde ein Stimmengewirr laut. Völlig verdutzt versuchte jeder der Männer seine Meinung kundzutun. Hatte man denn schon einmal eine so aberwitzige Idee gehört? „Die Elemente?- Wie soll das gehen?- Niemand kann sie bezwingen!- Dazu bräuchte man Zauberkräfte.“
    „Joe hat Recht!“ Juan hatte die Stimme erhoben, um Gehör zu finden. „In dem Rätsel muss die Lösung versteckt sein. Nur aus diesem Grunde hat Kadrya es ihm mit auf den Weg gegeben. Bisher hat sie uns auch immer wieder den Weg gewiesen. Ich frage euch also: Warum sollte sie uns also jetzt in die Irre führen?“
    Die Männer waren verstummt und nur ein leises Murmeln war zu vernehmen.
    „Pah! Ihr mögt ja Recht haben, aber wie soll das gehen? Wie sollen wir die fünf Elemente bändigen? Ich denke, diese Aufgabe ist etwas zu gewaltig für einfache Menschen, wie uns. “ Edward blickte noch immer skeptisch drein und auch die fragenden Blicke der anderen verrieten, dass ihre Gedanken ähnlich waren.
    Nun lag es an Joe, seine Kameraden zu überzeugen und er wusste nur zu gut, wie. Er musste sie nur bei ihrer Ehre packen.
    „Aber wer uns sagt denn, dass wir dies müssen? In all den Jahren haben wir nur allzu oft feststellen müssen, dass nicht alles das ist, was es auf den ersten Blick scheint. Lasst es uns versuchen. Was haben wir zu verlieren? Wenn wir scheitern ist unser Leben verwirkt. Das ist richtig. Wenn wir jetzt jedoch aufgeben, ist es das auch. Nun, ihr habt die Wahl: Wollt ihr ängstlich den Rückzug antreten oder auch weiterhin heldenhaft gegen das Schicksal ankämpfen!?“
    Das ließen die Piraten natürlich nicht so einfach auf sich sitzen. Feige waren sie nun ganz sicher nicht und dies ließen sie ihren Captain nun auch lautstark wissen. Und während einer nach dem anderen, die Hand auf die Brust legte und eifrig versicherte, er würde auch weiterhin dem Captain folgen, wechselten dieser und Juan einen wissenden Blick. Es hatte wieder einmal funktioniert. Sie würden auch künftig Seite an Seite ihren Weg gehen, alle gemeinsam.
     
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  6. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 45
    „Also Männer, lasst uns überlegen und erst einmal alles zusammentragen, was uns einfällt.“
    Joe und seine Weggefährten saßen nun auf dem steinigen Boden und bildeten einen Kreis um die Mulde, in der, vor ihren Augen der schreckliche lähmende Nebel verschwunden war und mit ihm auch das Spiegelbild Phylixas.
    „Wasser… Wasser und Feuer!“, stolz sah Simon, der Schiffsjunge in die Runde.
    „Und Bursche, was willst du uns damit sagen?“, fragte Eric verdutzt. „Du musst schon deutlicher werden. Wer, zum Henker soll denn sonst verstehen, was du damit meinst!“
    „Naja, ich… ich wollte doch nur…“ Verlegen sah der Junge zu Boden. „Feuer und Wasser sind doch… Ich meinte…“
    „Ist schon gut Simon. Ich weiß, was du sagen wolltest.“, eilte Joe ihm zu Hilfe. „Das war gut!“
    Mit hochrotem Kopf jedoch sichtlich stolz über das unerwartete Lob sah Simon in die Runde.
    An die Mannschaft gerichtet fuhr Joe fort: „Feuer und Wasser sind zwei der fünf Elemente. Hinzu kommen die Erde, das Holz und das Metall. Ohne die fünf gebe es kein Sein auf dieser Welt und wenn ihre Beständigkeit ins Wanken geriet, wäre es das Ende allen Lebens.“
    „Das Metall? Joe, du magst ja Recht haben, mit dem, was du da sagst. Aber wie um Himmels Willen passt das Metall darein? Wie soll es das Leben auf dieser Welt beeinflussen können?“ Sichtlich irritiert meldete Edward seine Zweifel an.
    „Hihi, ich würde mal sagen, deine Klinge hat schon so manches Leben beeinflusst.“ Grinsend meldete sich Simon erneut zu Wort.
    „Naja, wenn man`s so sieht, dann…“ Edward schien überzeugt, stoppte dann jedoch mitten in seiner Rede, legte nachdenklich die Stirn in Falten, als käme ihm gerade ein Gedanke. „Moment mal! Machst du dich etwa über mich lustig!? Bei meiner Seel, ich schwöre dir, Bursche: Wenn du meinst auf meine Kosten deine Späße machen zu können, dann nimm dich ja in Acht! Es könnte ganz schnell geschehen, dass meine Klinge auch auf dein Leben Einfluss nimmt.“ Edward konnte es nicht glauben. Dieses halbe Kind machte sich über ihn lustig und den anderen schien dies auch noch zu gefallen, wie man unschwer an ihrem Gelächter erkennen konnte. Wütend hob er die Faust, woraufhin der Junge erschrocken ein Stück abrückte und den Kopf einzog, was nur noch mehr zur Erheiterung der restlichen Mannschaft beitrug. Lautes Lachen hallte von den Wänden wieder und erfüllte den Raum.
    Schlussendlich konnte auch Edward nicht mehr wütend sein und stimmte mit ein.
    Simon atmete erleichtert auf und grinste schalmisch.
    Für einen kurzen Moment vergaßen die Männer all die Anspannung der letzten Zeit und erlaubten sich einen Augenblick voller Frohsinn. Doch so schnell wie er gekommen war, verflog der Moment der Heiterkeit. Nach und nach verstummten sie und sahen mit fragenden, teils gar flehenden, Blicken zu Joe herüber. Der Captain würde schon wissen, wie es weitergehen sollte.
    Joe jedoch saß regungslos und starrte gedankenverloren auf die mystischen Zeichnungen, die den steinernen Boden der Bodenvertiefung in ihrer Mitte zierten.
    Die Zeit verrann und niemand sprach ein Wort.
    Vorsichtig, ja fast andächtig nahm Joe den Kristall in seine Hände, der ihm nun schon mehrmals in der Not geholfen hatte und die Männer erkannten lediglich das schwache Flackern eines kleinen Lichtes in seinem Inneren.
    Joe jedoch schien viel mehr zu erkennen. Konzentriert sah er abwechselnd auf die kunstvoll verschlungenen Rillen im felsigen Boden dann wieder in die Glut im Zentrum des magischen Steins.
    Der warme Lichtschein schien sich in seinen Augen zu brechen und ließ diese wie zwei kostbare Juwelen funkeln. Noch einmal besah er die scheinbar verworrenen Muster, warf einen letzten Blick in den Stein und sprang dann triumphierend auf. „Männer, jetzt weiß ich, wie es gelingt, die Elemente in die Waage zu bringen und die Lösung liegt direkt zu unseren Füßen.“
    Ohne seinen Kameraden eine weitere Erklärung zu geben, stieg er vorsichtig in die Senke hinein, kniete nieder und strich andächtig über die Zeichnungen.
    Als die anderen schon glaubten, er sei wieder in seine Gedanken versunken, ergriff Joe endlich wieder das Wort. „Seht doch nur einmal genauer hin! Des Rätsels Lösung liegt so nah und wir waren nur zu blind, um sie zu erkennen.“ Ein Blick hinüber zu seinen Begleitern ließ ihn jedoch schnell begreifen, dass nur er zu verstehen schien.
    „Juan, komm her mein Freund!“, forderte er seine Weggefährten auf. „Sieh einmal genauer hin und sage mir, was du erblickst.“
    Der angesprochene folgte zögernd der Aufforderung, kniete ebenfalls nieder und schwieg lange Zeit, bevor er sich räusperte und meinte: “Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe den Eindruck, diese Zeichnungen sind nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand. Es hat den Anschein, als wäre hier etwas durcheinander geraten.“ Fragend wandte er sich nun an Joe. „Sag, sollte die Lösung wirklich so einfach sein?“
    Ohne eine Antwort abzuwarten, beugte er sich erneut hinab und betastete vorsichtig die Ränder der steinernen Platten. Endlich fanden seine Finger Halt und es gelang ihm, eine der Tafeln ein Stück weit anzuheben. Das Gewicht schien jedoch für einen Mann zu groß und sie drohte ihm wieder zu entgleiten. Bevor ihn die letzten Kräfte verließen, waren auch schon mehrere kräftige Hände neben seinen, die helfend zupackten. Ohne lange zu überlegen waren die Männer hinzu geeilt, um zu helfen.
    Mit vereinten Kräften gelang es den Männern binnen kurzer Zeit, die einzelnen Platten herauszuheben und auf dem Boden der Höhle zu verteilen.
    Immer noch schnaufend ging Henry von einem Bruchstück zum nächsten, besah sich jedes einzelne genau, kratzte sich nachdenklich das Kinn, um dann die Frage zu stellen, die allen auf der Seele brannte.
     
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  7. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 46
    „Captain, wenn ich das richtig verstanden habe, beabsichtigst du jetzt, die einzelnen Platten neu zu ordnen. Doch sag mir: Zu welchem Zweck? Wie soll uns dies weiterbringen?“
    „Joe, der inzwischen schon damit beschäftigt war, die einzelnen Bruchstücke neu zu ordnen, sah nachdenklich zu seinem Kameraden auf. „Nun Bootsmann, wie es uns weiterbringen wird, kann ich dir nicht sagen. Dass es uns jedoch helfen wird, sagt mir mein Gefühl. Noch bin ich ebenso neugierig, wie wohl alle hier. Uns bleibt also nur, es zu versuchen und dann abzuwarten, was geschehen wird.“
    Ein schelmisches Grinsen trat auf Henrys Gesicht und seine Augen funkelten. „Worauf warten wir denn noch? Lasst uns beginnen und sehen, was passiert! Ich liebe Überraschungen!“
    Voller Eifer begannen die Männer, die einzelnen Teile hin und her zu schieben, versuchten, sie aneinander zu setzen, manchmal mit mehr, manchmal aber auch mit weniger Erfolg. Doch nach und nach schienen all die scheinbar willkürlich angeordneten Zeichen und Schnörkel einen Sinn zu ergeben. Allmählich fügten sie sich zu einem Ganzen und die Männer sahen zu ihren Füßen einen Kreis, an dessen äußeren Rand in regelmäßigem Abstand fünf einzelne Symbole prangten.
    „Hab ich`s mir doch gedacht!“, stellte Joe erfreut fest und Juan nickte zustimmend.
    Während die meisten noch etwas ratlos dreinschauten, schienen die beiden wieder einmal ganz genau zu wissen und nicht im Geringsten überrascht.
    Joe wandte sich an seine Begleiter und begann zu erklären.
    „Männer, hier seht ihr den Zyklus der fünf Elemente und wie sie alle untrennbar miteinander verbunden sind. Gerät auch nur eins aus dem Gleichgewicht, werden auch die anderen zwangsläufig beeinflusst. Nur wenn die Ordnung Bestand hat und in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleibt, wird auch unsere Welt bleiben, wie wir sie kennen und lieben.“
    Während Juan auf jedes einzelne Symbol deutete, benannte Joe sie mit ihrem Namen. „Feuer- Erde- Metall- Wasser und Holz.“
    „Mmh, ich glaube, ich verstehe langsam, was du uns sagen willst.“ Henry hatte sich vom Boden erhoben und deutete nun ebenfalls auf einige der Zeichen. Du sagst, alle Elemente beeinflussen einander. So wie die beiden hier. Feuer verbrennt Holz. Richtig?“ Als Joe nickte, fuhr er fort. „Oder die beiden hier. Wasser löscht das Feuer. Aber wie steht es denn mit den beiden? Was ist mit Holz und Wasser? Wie bringst du die zusammen? “Juan antwortete anstelle seines Captains. „Nun, eigentlich liegt die Antwort auf der Hand. Wasser nährt die Bäume erhält sie am Leben. Ist es aber im Übermaß vorhanden, tötet es sie, indem es das Holz aufweicht und verrotten lässt. Und so könnte man das Ganze wohl beliebig fortsetzen, denn alles ist irgendwie miteinander verwoben.“
    „Das wird jedoch warten müssen.“, meldete sich Joe zu Wort. „Die Zeit drängt. Lasst uns die Aufgabe also zu Ende bringen und sehen, was passiert!“
    Zielstrebig machten sich die Männer nun daran, die Teile der zersprungenen Bodenplatte in die Senke einzupassen. Bei jedem passendem Teil vibrierte der Boden und es schien wie von Zauberhand mit den bereits vorhandenen zu einem Ganzen zu verschmelzen.
    „Bei meiner Seel! Was zum Henker ist das?“ Edward hielt in seinem Tun inne und lauschte. Allgemeines Schulter zucken kam als Antwort. Keiner der Männer hatte eine Erklärung, sie wussten jedoch, dass sie sich besser beeilen sollten.
    Endlich war es vollbracht. Nur noch ein Stück Gestein wartete darauf eingepasst zu werden. Fast andächtig ging Joe auf die Knie, sah noch einmal zu seinen Kameraden und setzte es dann an die letzte freie Stelle.
    Erst war es nur ein leises Vibrieren, dann schwoll es immer mehr an zu einem Grollen, das den Männern durch Mark und Bein ging. Es hatte den Anschein, als sei der gesamte Berg in Bewegung geraten.
    Erste Gesteinsbrocken stürzten von der Höhlendecke und es grenzte fast an ein Wunder, dass niemand ernsthaft verletzt wurde.
    Verängstigt liefen die Männer wild durcheinander und versuchten, den rettenden Ausgang zu erreichen.
    Dann plötzlich war es vorbei. So schnell, wie es begonnen hatte, endete es auch und eine gespenstische Stille trat ein.
    Simon, der als einer der letzten die Flucht ergriffen hatte, blieb stehen, sah sich verängstigt um und schon hallte sein erstaunter Ruf zu seinen Gefährten. „Wartet Männer! Seht doch nur, wir haben`s geschafft!“
    Nach und nach kehrten die Piraten zurück und was ihre erstaunten Augen erblickten, ließ sie alle in einen Freudentanz ausbrechen.
    In der Mitte des Raumes, dort wo sie gerade eben noch in einer Bodensenke gekniet hatten, erhob sich nun ein gläserner Podest, der ein mit Gold und Edelsteinen besetztes Kästchen trug.
    Jetzt war Joe nicht mehr zu halten. „Ich hab`s gewusst, wir werden es schaffen!“, rief er aufgeregt, während er schon vorwärts schritt, um endlich das Ziel ihrer Suche in Händen halten zu können.
    Behutsam nahm er das Kästchen an sich und besah es sich noch einmal von allen Seiten. Mit funkelnden Augen hob er vorsichtig den Deckel an. Der Inhalt ließ den ansonsten immer sehr ernsten Captain all seine Beherrschtheit vergessen und übermütig lachen und herumspringen.
    Nun sollten auch seine Begleiter den Grund seiner Freude erkennen. Mit triumphierendem Blick hob er die Hand und präsentierte einen kleinen güldenen Schlüssel.
    Joe zog sich das schmale Lederbändchen über den Kopf, an dem er ein kleines Amulett trug, welches ihm als letzte Erinnerung an seine Kindheit geblieben war. Noch heute hatte er das Bild vor Augen, wie sein Vater es ihm mit verschwörerischer Mine anvertraut hatte. Eindringlich hatte er ihm damals eingeschärft, es immer an seinem Herzen zu tragen und es niemals aus den Händen zu geben.
    Nun fand also ein kleiner Schlüssel seinen Platz neben diesem kleinen Relikt der Vergangenheit und Joe würde auch ihn in Zukunft an seinem Herzen tragen.
    Hier gab es nichts mehr zu tun, also traten die Männer den Rückweg an.
    Juan, der als erster den Ausgang erreichte, blieb abrupt stehen. Doch obwohl grelles Tageslicht ihn blendete und seine Aussicht behinderte, konnte er doch deutlich die Veränderungen wahrnehmen. „Bei meiner Seel, ihr werdet es nicht glauben, Männer! Es scheint, als hätten wir den Fluch vertrieben, der auf dieser Insel lag.“
    Neugierig drängten sich alle vor, um etwas erkennen zu können, doch mussten sie sich noch etwas gedulden. Erst galt es noch den schmalen Pfad zu überwinden, der dicht an den Fels gedrängt entlangführte.
    Wie auch schon auf dem Hinweg überwanden die Männer dieses gefährliche Stück Weg mithilfe eines Seiles und binnen kurzer Zeit wurde auch der letzte von den wartenden Kameraden nach oben aufs Plateau gezogen.
    Groß war die Freude, alle wohlbehalten wieder zu sehen und die Fragen schienen kein Ende zu nehmen. Deren Beantwortung jedoch musste warten, wie Joe erklärte. Es war an der Zeit, die Insel zügig zu verlassen.
    Eilig wurden alle Habseligkeiten zusammengerafft und ein letztes Mal blickten die Männer zurück.
    Juan hatte scheinbar nicht übertrieben. Der Fluch schien tatsächlich aufgelöst.
    Der vormals brodelnde Vulkan war zur Ruhe gekommen und tief unter ihnen bahnte sich rauschendes Wasser seinen Weg und brachte auch die letzte glühende Lava zum Erkalten.
    Mit vor Rührung zitternder Stimme meint Joe: „ So muss es sein! Genau so muss es sein! Das Wasser löscht die Feuer, es nährt die Erde und schon bald wird das Leben hierher zurückkehren. Ich denke, hier herrscht wieder das richtige Gleichgewicht.“ Kurz noch nickte er seiner Crew zu und machte sich ohne ein weiteres Wort auf den Weg zurück zum Schiff.
     
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  8. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 47
    Gleichmäßig tauchten die Ruder in das klare Wasser, während eine leichte Brise den Männern etwas Abkühlung brachte. Müde und erschöpft hingen die Männer jeder seinen Gedanken nach. Das Erlebte war noch zu nah und bisher hatte es keine Gelegenheit gegeben, sich des Ganzen bewusst zu werden.
    Nur das Knarren der Ruder und ab und zu ein Ächzen der Männer an den Rudern waren zu vernehmen, während die Boote rasch vorankamen.
    Die Sonne brannte und warf ihr grelles Licht auf die Wasseroberfläche, deren spiegelglatter Glanz nur durch die Spur der Boote unterbrochen wurde, als plötzlich ein kleiner Schatten durch das Wasser huschte.
    Joe beugte sich herab und sah genauer hin, konnte jedoch nichts entdecken. Hatte er sich getäuscht? Nein, da war noch einer! Und da und dort auch. Das Meer schien wieder zum Leben zu erwachen.
    „Was gibt es da? Hast du eine Gefahr entdeckt?“ Juan beugte sich nun ebenfalls hinab.
    „Oh nein, im Gegenteil! Seht doch nur! Jetzt kehrt endlich wieder Leben in diese verlassene Gegend zurück und diese Inseln werden schon bald in sattem Grün weit übers Meer leuchten.“ Joes Augen strahlten.
    „Da, seht doch nur!“ Simon wies mit den Fingern nach oben. „Die Vögel… die Vögel sind zurück!“
    Und tatsächlich, die ersten gefiederten Freunde wagten sich zurück auf die Insel und ließen sich, wenn auch noch etwas vorsichtig, auf den zerklüfteten Uferabschnitten nieder.
    Allein dieser friedliche Anblick gab den Männern neue Kräfte. Mit kräftigen Ruderschlägen trieben sie die Boote durchs Wasser und gingen schon bald wieder an Bord ihres geliebten Schiffes, wo sie freudig von der zurück gebliebenen Wachmannschaft empfangen wurden.
    Nachdem reichlich von dem erlebten berichtet worden war und man sich ausgiebig gestärkt hatte, begaben die Männer sich in ihre Kojen, um ihren müden und erschöpften Körpern etwas Ruhe zu gönnen.
    Der Tag neigte sich dem Ende zu und weit draußen, versank langsam die Sonne im Meer. Nur der Mond und einige einzelne Sterne spendeten ein mattes Licht. Langsam wurde es ruhig und nur die Wachen blieben an Deck.
    Joe und Juan standen noch immer am Bug und sahen gedankenverloren hinaus aufs weite Meer.
    „Was ist mit dir, mein Freund?“, fragte Juan, nachdem Joe zum wiederholten Male tief seufzte. „Was macht deine Gedanken so schwer?“
    Der Captains seufzte noch einmal, sah in die Ferne und es schien, als bliebe er eine Antwort schuldig, bevor er dann doch seinem Gefährten antwortete. „Was mag der morgige Tag wohl bringen? Diese kleine Schlacht haben wir für uns entscheiden können, doch es werden noch viele, weitaus größere folgen. Phylixa wird diese Schmach nicht einfach so hinnehmen und sie wird sich uns nun noch erbarmungsloser in den Weg stellen.“
    „Sicher, es wird nicht leicht werden.“ Juan wandte sich wieder nach vorn und sah nun ebenfalls wieder hinaus in die Dunkelheit. „Doch haben wir bewiesen, dass wir gegen sie bestehen können. Der erste Schlüssel ist in unserer Hand und Phylixa ist geschwächt. Diese Situation sollten wir nutzen, um ihr sofort den nächsten Stich zu versetzen. Wo ist deine Zuversicht geblieben? Wir sind nicht allein. Mit Kadryas Hilfe wird auch bald das nächste Ziel erreicht sein.“
    „Ach Juan, ich wünschte, ich könnte deine Hoffnung teilen!“ Joe fuhr sich müde durchs Gesicht. „ Es sind noch immer vier Schlüssel, die gefunden werden müssen. Noch vier! Und ich kann nicht einmal sagen, wo wir unsere Suche fortsetzen sollen. Das Schiff soll morgen früh den Anker lichten. Aber wohin? Unser nächstes Ziel könnte an fast jedem Ort auf dieser Welt sein. Wir wissen es nicht. Wohin also soll ich euch führen?“ Die letzten Worte trugen all den Schmerz und die Ratlosigkeit in sich, die Joe auf dem Herzen lasteten. „Welchen Kurs soll ich wählen? Pah, du redest von Kadryas Hilfe. Wo ist die denn? Warum lässt sie uns jetzt im Stich!?“ Voller Verzweiflung schlug er die Faust gegen den Mast.
    Was sollte Juan darauf antworten? Um seinem Captain zu zeigen, wie gut er ihn verstand legte er ihm tröstend und aufmunternd die Hand auf die Schulter und nahm ihm etwas von der Last, die auf dessen Herzen lag. „Komm, lass uns schlafen, damit wir unsere Kräfte sammeln können. Der neue Tag ist klüger als der Abend. Und wer weiß, vielleicht ist Kadryas Hilfe schon ganz nah. Sie lässt uns ganz sicher nicht im Stich, da bin ich voller Zuversicht. Also gib auch du noch nicht die Hoffnung auf.“
    Schweigend wandten sich die beiden Männer um und machten sich auf den Weg in ihre Kajüten. Auf halben Weg jedoch blieb Joe schlagartig stehen, griff sich in sein Hemd und zog den magischen Stein hervor. Blass vor Schreck zog er das Schwert und sah sich suchend um.
    „Joe, was ist mit dir?“ Juan zog nun ebenfalls sein Schwert. Abwartend sah er zu seinem Freund hinüber. Dieser hielt noch immer den Kristall in der Hand. Langsam kehrte etwas Farbe zurück in sein Gesicht. „Juan, weck die Männer! Es droht Gefahr. Der Stein ist erkaltet, als hätte ich einen Klumpen Eis in der Hand. Es scheint, als ließe Phylixas Rachefeldzug nicht mehr lange auf sich warten.“
     
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  9. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 48
    Es war vollbracht, Lange hatte Phylixa gebraucht, um diesen Zauber zu wirken.
    Stunde um Stunde hatte sie in ihrer Kammer verbracht, hatte geplant und dann doch wieder verworfen, hatte erneut nach den richtigen Formeln gesucht, bis endlich alles passte. Jetzt war sie bereit und würde diesen widerspenstigen Piraten den alles entscheidenden Stoß versetzen, der endlich den Sieg bringen würde.
    Niemand widersetzte sich ungestraft ihrer Macht, das würden die Kerle schon sehr bald zu spüren bekommen. Sie würden den Tag verfluchen, an dem sie sich dazu entschieden hatten, diesem Joe zu folgen.
    Lautlos und für niemanden sichtbar glitt sie näher an das ankernde Schiff heran.

    Joe stand noch immer an derselben Stelle und sah sich weiterhin suchend um, während seine restlichen Kameraden hinter dem voranstürmenden Juan aus dem Inneren des Schiffes quollen.
    Einige hatten sich nicht einmal mehr die Zeit genommen, ihre Hemden überzustreifen. Nach Juans Weckruf hatten sie lediglich nur noch schnell ihre Waffen gegriffen und waren an Deck gestürmt.
    Während die Säbel im fahlen Mondlicht matt schimmerten, postierten sie sich nun rund um ihren Captain und erwarteten schon den großen Kampf. Von einer möglichen Gefahr war jedoch weit und breit weder etwas zu sehen noch zu hören. Leise plätscherten die Wellen gegen den schaukelnden Schiffsrumpf und nur das zeitweise Knarren der Masten unterbrach diese Monotonie.
    Leichter Unmut machte sich unter den Männern breit.
    „Zum Henker, Joe! Wo ist denn nun der Feind, für den wir aus dem Schlaf gerissen wurden?“, knurrte Edward leise. „Bei dem Wirbel, den der Spanier da eben veranstaltet hat, um uns aus den Kojen zu holen, könnte man glauben, eine ganze Armada hielte auf uns zu. Doch da ist nichts, einfach gar nichts!“
    „Psst, hört doch!“, flüsterte Joe. „Was zum Henker ist das?“
    Nach einem kurzen Moment angestrengten Lauschens vernahmen es jetzt auch die anderen, ein leises Geräusch, kratzend, kaum hörbar und doch da.
    Leise bewegten sich die Männer an den Rand, um einen vorsichtigen Blick hinüber zu werfen. Nichts!
    Nur die glatte Wasseroberfläche, die sich an den Schiffsrumpf schmiegte, war im silbernen Mondlicht zu erkennen.
    Die Hände an den Waffen und die Nerven bis zum Zerreißen angespannt, standen die Männer noch eine Weile und starrten in die Nacht. Noch einmal ein leises kratzendes Geräusch, ein sanftes Plätschern des Wassers, dann war es vorbei, ohne dass jemand die Gefahr hätte erkennen können.
    Es war Joe, der die angespannte Ruhe unterbrach. „Es ist vorüber. Die Eiseskälte des Steines lässt langsam nach.“ Und wie zum Beweis hielt er den Kristall in der ausgestreckten Hand.
    Nur ganz langsam fiel die Anspannung von den Männern ab und noch immer zweifelnd sahen sie zu ihrem Captain, dann wieder hinunter aufs Wasser.
    „Wer oder was war das?“ Juan war neben Joe getreten und rieb sich das übermüdete Gesicht. „Ich meine: Wenn es Phylixa war, warum hat sie dann nicht die Gunst der Stunde genutzt, uns hier völlig unvorbereitet anzutreffen? Warum hat sie sich einfach so wieder zurück gezogen?“
    Auch die restliche Mannschaft hatte sich jetzt um Joe versammelt und wartete darauf, dass Joe eine schlüssige Erklärung hätte..
    „Männer, ich wünschte, ich wüsste die Antwort. Ich bin jedoch ebenso ratlos wie ihr. Doch egal, wer das dort unten war, ob Phylixa oder einer ihrer zahlreichen Handlanger, er hatte sicher nichts Gutes im Sinn und wir werden es sicher bald erfahren. Alles, was ich euch im Moment sagen kann, ist, dass sich der Stein langsam erwärmt, uns momentan also keine direkte Gefahr droht. Ansonsten weiß ich ebenso wenig wie ihr, was da auf uns zukommt. Wer die schwarze Hexe jedoch kennt, weiß, dass es nichts Gutes sein wird. Also legt euch schlafen. Ihr solltet ausgeruht sein. Lasst jedoch eine Wache zurück. Wenn uns der Stein auch sicher rechtzeitig warnen wird, so bin ich doch gern auf alles vorbereitet.“
    Ein Raunen ging durch die Mannschaft, doch hatte Joe seine Worte so bestimmt vorgebracht, dass niemand wagte, in der jetzigen Situation zu widersprechen.
    Langsam leerte sich das Deck und nur die Wachmänner nahmen ihre Posten ein. Der Rest zog sich unter Deck zurück. Und wenn auch niemand wirklich ans Schlafen dachte, so forderten die Anstrengungen der letzten Tage doch ihren Tribut. Schon bald fielen die ersten in einen unruhigen Schlaf und wurden von wirren und beängstigenden Träumen geplagt.
    Joe jedoch verbrachte die Zeit bis zum Anbruch des neuen Tages an Deck. Die erstaunten Männer sahen ihn beim Wachwechsel still und nachdenklich am Bug des Schiffes hinaus aufs weite Meer blickend. Doch keiner wagte es, ihn zu stören und so erfuhr auch niemand, was ihn so nachdenklich stimmte.
    Der Kristall in seiner Hand strahlte nun zwar keine Eiseskälte aus, nein er hatte sich wieder um einiges erwärmt, barg jedoch lange nicht die gewöhnlich angenehme Wärme.
    Er sollte es der Crew sagen, doch dazu war auch morgen noch Zeit. Jetzt brauchten die Männer ihren Schlaf. Nur ausgeruht nutzten sie etwas in dem nächsten bevorstehenden Kampf, der sicher schon bald über sie hereinbrechen würde.
    Und so hielt er auch weiter seinen Posten und erwartete voller böser Vorahnungen den hereinbrechenden Tag.
     
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  10. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 49
    Die Männer fanden ihren Captain an derselben Stelle vor, an der sie ihn zurückgelassen hatten. Nun im Schimmer des anbrechenden Tages saß Joe zusammen gesunken da, den Kopf an den Mast gelehnt, starrte aber noch immer gedankenverloren mit müden Augen hinaus aufs Meer.
    Langsam trat Juan näher einen Becher heißen dampfenden Kaffee in der Hand. Wortlos übergab er das Getränk, welches sie auf einer ihrer langen Fahrten weit im Osten entdeckt hatten, an seinen Freund und ließ sich in dessen Nähe auf den Schiffsplanken nieder.
    Joe blickte überrascht auf. Die restliche Mannschaft hatte sich an Deck versammelt, hielt aber einen gewissen Abstand. Leise redeten die Männer miteinander und sahen immer wieder verstohlen zu ihm hinüber. Vorsichtig nahm er einen Schluck gegen die Müdigkeit, sagte jedoch weiterhin kein Wort.
    Dabei wusste er nur zu gut, dass die Männer neue Anweisungen und einige Erklärungen erwarteten. Das längst fällige Gespräch ließ sich nicht länger hinaus zögern und doch graute es ihm davor.
    Seine Kameraden hatten immer treu zu ihm gehalten und waren ihm stets ergeben gefolgt. Doch wie würden sie sich heute entscheiden? Würden sie auch zukünftige Abenteuer gemeinsam bestehen?
    „Joe!? Es ist Zeit zum Reden.“ Juans eindringlicher Blick holte Joe zurück ins Hier und Jetzt.
    „Du hast Recht. Es ist an der Zeit. Nur fürchte ich, es wird euch nicht gefallen, was ich zu sagen habe.“ Wieder nahm er einen Schluck, während sein Gegenüber ihn nachdenklich musterte. „Mein Freund, was bereitet dir solche Sorgen, dass es dich nicht zur Ruhe kommen lässt? Rede endlich mit uns! Sieh dir die Männer an. Sie sind beunruhigt, dich so niedergeschlagen zu sehen. Gib ihnen neue Anweisungen und etwas Zuversicht. Schenk ihnen wieder Hoffnung!“
    „Hoffnung?“ Müde rieb Joe sich das Kinn. „Wie kann ich ihnen Hoffnung machen, wenn ich selbst nicht weiß, wie es weiter gehen soll!? Doch lassen wir sie nicht länger warten. Es ist an der Zeit, einige Entscheidungen zu treffen.“ Und schon war er auf den Beinen und die Müdigkeit war vergessen. Mit großen Schritten ging er auf die wartenden Männer zu, nahm sich eine Kiste, legte diese zurecht und stieg hinauf. Noch einmal sog er ganz tief die frische Morgenluft ein, schloss kurz die Augen und begann dann mit der unausweichlichen Ansprache.
    „Also gut, Männer! Ich weiß, ihr erwartet Antworten, nur muss ich euch gestehen, dass ich im Moment selbst etwas ratlos bin.“ Ein Raunen setzte unter der Crew ein, doch Joe brachte die Männer mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen. „Halt, wartet! Lasst mich erst reden, danach will ich gern eure Meinungen hören. Und ich werde sie akzeptieren. Das verspreche ich, so wahr ich euer Captain bin.“ Juan trat neben ihn. „Ihr habt es gehört, Männer. Gebt dem Captain die Möglichkeit, zu sprechen. Hören wir, was er uns zu sagen hat.“
    Sobald wieder Ruhe herrschte, fuhr Joe fort. „Wir haben zusammen unzählige Prüfungen bestanden. Und ich wäre ganz sicher nicht mehr, wenn ich nicht die beste Crew auf meinem Schiff hätte, die jemals über die Weite des Meeres gesegelt ist. Mehr als einmal habe ich nur durch euch überlebt.
    Doch heute ist der Zeitpunkt gekommen, euch von eurem Eid zu entbinden. Niemand weiß, was als nächstes geschieht, welche Gefahren auf uns warten. Ich kann nicht von euch verlangen, mir weiterhin zu folgen. Wer sich dazu entschließt, nicht weiter unter meinem Kommando zu segeln, wird von all seinen Pflichten entbunden und kann ungehindert dieses Schiff verlassen. Wer sich jedoch entscheidet, diese Reise mit mir fortzusetzen, auf den wartet eine ungewisse Zukunft.
    Ich habe eine Mission und bin gewillt, sie mit all meinen Kräften zu erfüllen, doch ihr solltet nicht meine Kämpfe ausfechten. Hiermit seid ihr frei! Geht und findet euer Glück!“
    Nun war es also heraus und die Entscheidung lag bei den Männern. Joe hatte es nicht länger in der Hand. Schon wollte er sich von seinen Kameraden abwenden, als ihm doch noch etwas Entscheidendes einfiel. Er sah in teils verwunderte, teils erschreckte Gesichter. In Edwards Blick war noch etwas anderes auszumachen. Wut!
    „Ich erwarte eure Entscheidungen bis zum Sonnenuntergang.“, kam er jeder aufkeimenden Diskussion zuvor. „Nur eins noch: Wer sich entscheidet, diese Fahrt bis zum Ende zu begleiten, der sollte noch etwas ganz entscheidendes wissen. Wir sind nicht allein auf diesem Schiff. Irgendeine Gefahr lauert hier direkt in unserer Nähe. Seit dem Vorfall gestern Abend, sendet der Kristall unmissverständliche Warnungen. Ich weiß nicht wer oder was es ist und ich weiß nicht, wo die Gefahr verborgen liegt. Ich kann nur sagen, das der Stein mich warnt. Nun überlegt euch eure Antwort sehr genau. Ihr findet mich in meiner Kajüte.“
    Sehr weit kam er jedoch nicht, denn schon ertönte in seinem Rücken Edwards wütende Stimme. „Himmel! Joe, bleib stehen und höre, was ich zu sagen habe! Ich muss nicht überlegen, meine Antwort kannst du sofort bekommen. Ich habe dir mehr als einmal mein Wort gegeben und bin nicht gewillt es jetzt zu brechen.
    Du solltest endlich begreifen, dass deine Mission schon lange auch die unsere ist. Du sprichst von Freiheit? Wie soll die deiner Meinung nach aussehen? Ich sage dir jetzt etwas und das solltest du nie wieder vergessen, denn ansonsten könnte ich einmal vergessen, dass ich meinen Captain und einen guten Gefährten vor mir habe und meine Faust in deinem Gesicht platzieren.“ Wie zum Beweis erhob er die geballlte starke Faust. „Wir haben diesen Weg gemeinsam eingeschlagen und werden ihn, so Fortuna es will, auch gemeinsam beenden. Denn eins ist sicher. Wirkliche Freiheit werden wir ersterringen, wenn die Welt von diesem schrecklichen Fluch namens Phylixa befreit ist. Und ich wäre gern derjenige, der sie in die Hölle jagt.“ Entschlossen trat er neben Joe und sah entschlossen zu seinen Kameraden. Wie würden sie entscheiden?
     
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  11. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 50
    Unter den Männern begann sich Unruhe breit zu machen. Hatten sie Joe auch vor langer Zeit Treue geschworen, so begannen nun doch einige zu zweifeln und taten dies auch lautstark kund. Waren sie überhaupt noch auf dem richtigen Weg oder waren sie schon lange auf dem Irrweg.
    Etwa die Hälfte der Crew, unter ihnen auch Henry und der Schiffsjunge Simon, überlegte nicht viel, sondern wechselte auf die Seite ihres Captains. Andere sahen endlich die Möglichkeit, dieses Schiff zu verlassen und somit dem drohenden Unheil zu entkommen.
    Und so standen sich zwei Parteien gegenüber und eine hitzige Diskussion entbrannte. Mittendrin stand Joe und hörte schweigend zu.
    „Verflixt Joe, jetzt sag doch was!“ Edward fuchtelte wild mit den Armen. „Die ersten sind entschlossen, das Schiff zu verlassen. Du bist der Captain, du musst sie aufhalten.“
    Lange schien es, als hätte Joe nicht die Absicht, etwas zu erwidern, niedergeschlagen sah er auf das geschehen. Langsam wandte er sich nun an seinen treuen Freund und seine Worte erinnerten in keinster Weise an den sonst so selbstsicheren Mann. „ Nein Ed, in dieser Situation steht es mir nicht zu, mich einzumischen, es geht schließlich um unser aller Leben. Nein mein Freund, dies ist Sache der Männer. Nur sie allein können die für sie richtige Entscheidung treffen. Ich habe nicht das Recht, diese zu beeinflussen. Nur wer aus freien Stücken auf der „Black Mary“ bleibt, wird der Sache auch in Zukunft dienlich sein.“
    Juan, der neben beiden gestanden und das gesagte vernommen hatte, ergriff nun selbst das Wort.
    „Joe hat Recht. Wer nur bleibt, weil er glaubt, er hätte keine andere Wahl, der ist hier falsch. Darum wäre es falsch von ihm, hier noch etwas hinzu zu fügen. Was gesagt werden musste, hat er gesagt.“
    Und nun an die unentschlossenen Crewmitglieder gewandt, fuhr er fort. „Bei mir ist es etwas anderes, darum hört, was ich zu sagen habe. Im Gegensatz zu euch, habe ich nicht eine Sekunde überlegen müssen. Meine Entscheidung stand sofort fest. Ich sag euch auch, warum. Als ich damals zu euch kam und euch bat, bleiben zu dürfen, war es Joe, der sich für mich eingesetzt hat. Die erste Zeit war gewiss nicht einfach, doch er hat mir eine faire Chance gegeben. Im Laufe der Jahre hat er mehr als einmal seinen Kopf für mich hingehalten und ich bin ihm zu Dank verpflichtet.
    Was ist mit dir Sid? Wer hat dich damals aus dem Kerker geholt? Und du, Mo? Wer hat sein eigenes Leben riskiert, um dich vor dem Schafott zu bewahren? Und so könnte ich mit jedem einzelnen weiter machen. Es hat wohl jeder hier genug Gründe, um dem Captain dankbar zu sein.“
    Die Männer, die eben noch bereit waren, das Schiff zu verlassen, sahen nun betreten drein. Doch Juan fuhr auch schon fort. „Ja, wir alle stehen in Joes Schuld und unser Ehrgefühl sollte jeden zum Bleiben veranlassen.
    Ihr wähnt euch in Sicherheit, wenn ihr das Schiff verlasst. Glaubt ihr denn wirklich, frei zu sein? Der Fluch, der auf uns liegt, wird auch weiter bestehen. Die Freiheit, nach der ihr euch so sehr sehnt, gibt es nicht. Es sei denn, wir bereiten dem ganzen gemeinsam ein Ende. Ich bin dazu bereit und ihr solltet es auch sein. Mag sein, dass es ein Fehler ist, doch würde ich es nicht so sehr bereuen, diesen Weg eingeschlagen zu haben, als das ich es nicht versucht hätte. Nun liegt es an euch. Wollt ihr ein Leben lang davon laufen oder wollt ihr das Schicksal ein letztes Mal herausfordern? Ich weiß, dass ihr keine Feiglinge seid und euch nicht aus der Verantwortung stehlen werdet.“ Stille! Niemand sagte ein Wort. Es schien, als hätte Juan mit seiner Ansprache tatsächlich etwas bewegt und die Männer nachdenklich gemacht.
    Und dann, nach einer scheinbar nicht enden wollenden Zeit des Schweigens schien ein Ruck durch die Gruppe zu gehen. Erst trat einer vor, dann noch einer und schon bald standen alle Mitglieder der Crew geschlossen um ihren Captain. Nacheinander ließen sie sich auf ein Knie nieder, senkten die Köpfe und hatten die geballte rechte Faust auf die Herzgegend gepresst. In diesem Moment bedurfte es keiner Worte. Sie alle hatten ihre Wahl getroffen und bezeugten Joe nun ihre bedingungslose Treue. Sie würden weiterhin gemeinsam ihre Reise fortsetzen, egal wie das Ende auch aussehen würde.
     
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  12. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 51
    Sie stachen in den frühen Morgenstunden in See, um ihre ungewisse Reise fortzusetzen.
    Nachdem sich alle Männer entschlossen hatten, weiterhin auf der Black Mary zu bleiben, hatte man noch sehr lange zusammen gehockt und sich beraten. Da jedoch niemand, selbst Joe nicht, sagen konnte, wo nach dem zweiten Schlüssel zu suchen war, hatte man sich entschieden, erst einmal aufzubrechen in der Hoffnung, vielleicht doch noch einen neuen Hinweis zu erhalten. Und wenn es sein müsste, würde man jede einzelne Insel ansteuern, egal, wie winzig sie war denn irgendwo, das war sicher, würde etwas zu finden sein.

    „Also, wenn wir den Kurs beibehalten, sollten wir in etwa drei Tagen die erste der Grauen Inseln erreichen. Vielleicht finden wir dort ja einen Anhaltspunkt.“ Joe stand über den großen Kartentisch gebeugt, vor sich ein Wirrwarr an Seekarten und fügte einige Markierungen ein.
    Edward, der direkt neben ihm stand, schien da nicht so sicher zu sein. „Das Wetter gefällt mir nicht. Wenn der Wind nicht bald dreht, werden wir an Tempo verlieren. Ich fürchte, da kommt noch mehr auf uns zu.“ Und auch Juan legte dir Stirn nachdenklich in Falten.
    Als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet, wurde die Tür aufgestoßen und Henry kam lauthals fluchend herein. Obwohl er die Tür schnell wieder geschlossen hatte, drang sofort kalte und feuchte Luft in den Raum.
    Immer noch laut fluchend riss sich der Bootsmann das triefende Ölzeug vom Leib, welches sofort von Simon dem Schiffsjungen entgegen genommen und sorgfältig in eine Ecke des Raumes gebracht wurde.
    Henry trat näher an den Tisch heran. „Da draußen braut sich was zusammen. Und es wird immer schwerer, den Kurs zu halten. Wenn nur nicht dieser verdammte Regen wäre. Man sieht ja kaum die Hand vor Augen.“
    „Nun, dann will ich mal wieder das Steuer übernehmen. Sieht so aus, als würde jede Hand gebraucht.“ Und schon war Edward zur Tür hinaus.
    Simon kam schon mit einem dampfenden Becher heißen Tee, welchen der vor Kälte zitternde Henry gern annahm. Nachdem er den ersten Schluck des wärmenden Gebräus genossen hatte, wandte er sich wieder an die Männer in der Runde. “Was meint ihr? Ist das Phylixas Werk? Bei Neptuns zerzaustem Bart, seit unserem Aufbruch scheint uns das Unwetter zu folgen und uns von unserem Weg abbringen zu wollen.“ Nach einem schlürfenden erneuten Schluck aus seinen Becher schien ihm dann doch noch etwas Wichtiges einzufallen. „Was sagt dir dein Kristall, Captain? Gibt es schon eine Veränderung?“
    Bedächtig schob Joe das vor ihm liegende Zeichenmaterial zur Seite. „Nein, leider gibt es nichts Neues. Ich wünschte, ich könnte dir etwas anderes antworten. Nur so viel ist sicher, die Gefahr ist noch nicht gebannt. Der Stein sendet nach wie vor seine Warnung und auch ich glaube, dass dies kein natürliches Unwetter ist. Also sollten wir auf alles vorbereitet sein, auch wenn ich nicht weiß, was uns böses erwartet, bin ich doch fest davon überzeugt, dass dies wieder einmal ein Zauber Phylixas ist.“
    Das Schiff schlingerte und ließ die Männer aufhorchen. Draußen heulte mittlerweile ein starker Sturm und die Black Mary ächzte. Immer schwerer schien das Schiff voran zu kommen.
    Joe befand sich schon auf dem Weg zur Tür. „Zeit nach oben zu gehen, Männer. Der Tanz beginnt.“ Schon stürmte er zur Tür hinaus und die anderen hatten es eilig ihm zu folgen.
    Kaum an Deck kam ihnen auch schon Juan entgegen. Hier oben herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Piraten hatten sich mit den Sicherheitsleinen gesichert und versuchten die Segel einzuholen, bevor der Sturm sie zerreißen konnte.
    „Joe, das musst du dir ansehen. Derartige Wellen habe ich noch nie gesehen.“ Seine letzten Worte verhallten jedoch ungehört im Wind, denn Joe rannte schon weiter übers Deck, um mit eigenen Augen zu sehen, doch was er sah, raubte ihm den Atem. Riesige Wellen türmten sich auf und ließen die Black Mary winzig erscheinen. Und wieder fiel das Schiff in ein tiefes Tal, um sich dann erneut an den scheinbar unmöglichen Aufstieg zu machen.
    Wieder fegte ein Brecher übers Deck, um alles mitzureißen, was nicht gesichert war. Schreie hallten durch das Geheule und Anweisungen wurden gebrüllt.
    Joe griff sich eine der Sicherungsleinen, band sie sich um die Hüften. Er wandte sich um, um weitere Leinen nach hinten zu reichen. „Sichert euch Männer, sonst werdet ihr mitgerissen!“ Zu spät! Das Deck hinter ihm war leer und die drei Männer verschwunden.
     
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  13. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 52
    Er sah die gewaltig brodelnde Woge auf sich zukommen, erkannte in dem Wirbel all die mitgerissenen Schiffsutensilien und er verspürte den wuchtigen Aufschlag, dann war das nasse Ungeheuer auch schon um ihn. Ein letzter verzweifelter Schrei löste sich von seinen Lippen, bevor es dunkel um ihn wurde. Für einen Moment registrierte Juan noch seine Kameraden neben sich, während er immer und immer wieder herum gewirbelt wurde und vollkommen die Orientierung verlor.
    Er rang nach Luft, schluckte jedoch nur noch mehr schmutziges Wasser, versuchte verzweifelt, sich zu wehren, gegen das furchtbare Tosen in seinem Kopf und den gewaltigen Druck auf seinem Brustkorb, doch vergebens. Und so sank er immer tiefer hinab in eine düstere, feuchte aber vor allen Dingen unheilverkündende Welt, hinab in Phylixas Reich.
    Ganz langsam ließ die Atemnot nach, das Dröhnen in seinen Ohren ebenso und eine seltsame Leichtigkeit überkam ihn. Zum ersten Mal nach unendlicher Zeit verspürte Juan wieder das Gefühl grenzenloser Freiheit. Sein Körper wurde völlig ruhig, sein Geist ergab sich dem Schicksal und er ließ sich einfach treiben. Das letzte, was der Versunkene erstaunt wahrnahm, war ein Paar starke Arme, die sich schützend um ihn legten und seinen kraftlosen Körper mit sich zogen. Dann glitt er hinüber in eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, eine Welt jenseits jeder Realität.

    Joe konnte es nicht glauben und fassungslos starrte er auf die leere Stelle, an der seine Kameraden gerade eben noch gestanden hatten. Während Welle für Welle das Schiff überrollte und die Männer mit aller Kraft versuchten, die Black Mary in ihrer Gewalt zu behalten, war er zu keiner Handlung mehr fähig. Tränen rannen über sein Gesicht und die Trauer um seine Freunde wie auch die grenzenlose Wut über deren Verlust schien ihn zu zerreißen.
    Doch da, ein Poltern und ein leises Fluchen unterhalb der Treppe ließen ihn horchen.
    Unten im Gang zu den Kajüten hatte das Wasser inzwischen mehr als zwei Fuß erreicht und ein riesiger Berg aus Kisten, Fässern und ähnlichem türmte sich hoch auf. In all das Sammelsurium kam jetzt Bewegung und laut fluchend steckten Henry und Simon ihre Köpfe hervor.
    Edward kam herbei und beim Anblick der beiden in ihrer misslichen Lage brach er in schallendes Gelächter aus. Auch Joes Anspannung ließ langsam nach und ein Grinsen trat in sein Gesicht.
    „Was gibt’s denn da zu lachen? Holt uns hier, verflixt noch mal, endlich raus!“
    Doch Ed war schon hinab gestiegen und begann, seine Kameraden von der Last zu befreien. Begleitet von Henrys lauten Schimpftiraden, trug er Stück für Stück ab und schon bald hatte er die beiden aus ihrer Zwangslage befreit.
    Oben stand Joe und sah dem Treiben belustigt zu. „Genug gefaulenzt, Männer. Hier an Deck wartet Arbeit auf euch. Simon und Henry, ihr werdet an den Rollen gebraucht. Ed und Juan, ihr kommt mit mir.“ Schon wollte er sich abwenden, als er plötzlich zusammen zuckte und noch einmal mit bleichem Gesicht hinunter sah. Etwas irritiert entgegneten die drei Männer seinen Blick.
    Edward räusperte sich, sah sich noch einmal suchend um, um dann das auszusprechen, was Joe schon befürchtete. „Joe… Ähm… Ja also… Juan ist nicht hier. Er wird längst bei den anderen sein und mit anpacken.“ Doch Joe wusste es besser. Hatte er gerade noch einmal einen Funken Hoffnung gehabt, überkam ihn nun die Gewissheit mit aller Macht. Unbändige Wut brodelte in ihm und mit großen Schritten marschierte er, dem tosenden Sturm zum Trotz übers Deck, bis er sich zum Bug voran gekämpft hatte.
    Dort stand er nun die tosende See direkt vor Augen. Wasser peitschte ihm ins Gesicht und obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, so hielt er doch stand.
    „Nein!!!“ Ein lauter Schrei entsprang seiner gequälten Seele.
    Die Männer an Deck hatten ihre Arbeiten unterbrochen und sahen teil mitleidig teils verärgert seinem Treiben zu. Doch von all dem nahm er keine Notiz zu tief saß der Gram. Und so hielt er sich auch weiter mühsam aufrecht, obwohl das Schiff noch immer bedrohlich schwankte, reckte sein wutverzerrtes Gesicht dem Unwetter entgegen und schrie all den Zorn und die Verzweiflung hinaus.
    „Phylixa du verfluchtes Weib! Du bist zu weit gegangen und dafür wirst du bezahlen. Höre meinen Schwur: Ich werde dich jagen, wenn es sein muss um die ganze Welt und ich werde dich finden. Ich werde erst ruhen, wenn die Welt ein für allemal von dir befreit ist.“
    Völlig entkräftet sank er zu Boden und ließ seinen Tränen freien Lauf.
     
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  14. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 53
    Verzweifelt schüttelte Edward den Kopf. „Verdammt Joe, du musst aber etwas essen. Halb verhungert wirst du niemandem etwas nutzen. Wir brauchen dich, wir brauchen jedoch einen starken Captain, einen mit klarem Verstand.“
    Der Sturm hatte sich ebenso schnell gelegt, wie er gekommen war. Die Black Mary war in arge Mitleidenschaft gezogen worden und die Männer hatten alle Hände voll zu tun, zumindest die größten Schäden notdürftig zu beseitigen. Und so waren sie damit beschäftigt, Masten zu reparieren, zerrissene Segel zu ersetzen, Meerwasser aus dem Frachtraum und den Kajüten zu pumpen und all die durcheinander geratene Fracht zu sichten und neu zu vertäuen. Die Männer waren froh, eine Beschäftigung zu haben, denn eine bedrückte Stimmung hatte sich unter Mannschaft breit gemacht.
    Drei Tage waren nun schon seit Juans Verschwinden und Joes Zusammenbruch vergangen und niemand konnte sagen, wie es weiter gehen sollte.
    Ziellos fuhr das Schiff übers Meer und der Captain hatte seit dem Vorfall nicht einmal die Kapitänskajüte verlassen. Apathisch saß er dort unten, sprach kein Wort und starrte auf den Kristall in seiner Hand.
    Tag für Tag gab sich der Koch die größte Mühe, doch vergebens. Auch heute wieder verließ der Schiffsjunge mit den unberührten Speisen das Kapitänsquartier. Wütend hatte Edward sich den Teller geschnappt und war damit zu Joe gestürmt, hatte ihm das Mahl mit lautem Scheppern auf den Tisch geknallt und lautstark seine Meinung kundgetan. Seiner Meinung nach war es an der Zeit, dass mal jemand etwas unternahm. So konnte es nicht weiter gehen.
    Joe jedoch würdigte ihn keines Blickes und schien nicht einmal zu realisieren, was um ihn herum geschah. Den Teller schob er weit von sich und wandte sofort all seine Aufmerksamkeit wieder auf den funkelnden Stein in seiner Hand.
    Und so stapfte Edward nun mit großen Schritten hin und her und schimpfte weiter vor sich hin. „Glaub mir, uns alle hat der Verlust schwer getroffen, jedoch geht der Kampf für uns nun mal weiter. Auch für uns wird der Tag kommen, an dem wir uns der Trauer widmen können, doch heute ist keine Zeit dazu. Noch spinnt Phylixa ihre finsteren Intrigen und wir sind immer noch auf unserer Mission. Wenn du also etwas Sinnvolles zu Juans Andenken tun willst, dann erhebe deinen Hintern und übernehme endlich wieder das Kommando. Die Männer brauchen deine Führung. Nur gemeinsam können wir die Sache erfolgreich beenden. Du darfst jetzt nicht aufgeben, denn dann hätte Juan sein Leben umsonst gegeben.“
    Längst war er stehen geblieben und stand nun direkt vor seinem Freund, in der Hoffnung, ihn so noch besser erreichen zu können. Nun jedoch begann er doch daran zu zweifeln, dass dieser überhaupt etwas verstanden hatte, zumindest zeigte er auch jetzt keine erkennbare Reaktion.
    „Verdammt Joe, wach endlich auf, bevor es zu spät ist!“
    Die Tür flog mit einem lauten Knall ins Schloss und ließ Joe zusammen zucken. Edward hatte den Raum wieder verlassen und er war nun wieder allein, allein mit seinen Gedanken, mit all den Schuldgefühlen und der alles verzehrenden Verzweiflung.
    Wie hatte Ed es ausgedrückt? „… dann hätte Juan sein Leben umsonst gegeben… sein Leben umsonst gegeben…“ Immer wieder hallten die Worte in seinem Kopf wieder. Verdammt warum wollte das denn niemand begreifen? Juan war tot und das alles nur, weil Joe so blind sein Ziel verfolgt hatte, ohne an die Folgen für seine Kameraden zu denken. Rücksichtslos hatte er sie alle in Gefahr gebracht. Wie hatte er auch den Versprechungen einer Hexe vertrauen können?
    Nein, irgendwann musste Schluss sein. Man musste auch einsehen können, wenn man verloren hatte. Morgen würde er es der Mannschaft verkünden und die Mission für gescheitert erklären. Morgen… Endlich zeigte die Müdigkeit Erbarmen und ließ ihn in den Schlaf sinken.
    Doch auch jetzt sollte Joe nicht zur Ruhe kommen. Wirre Bilder zogen an seinem inneren Auge vorbei, finstere Schatten, die verschwommenen Gesichter längst verlorener Kameraden. Phylixas triumphierendes Gelächter drang an sein Ohr. Und dann war da dieses Antlitz, welches er schon so viele Jahre nicht mehr gesehen und doch niemals vergessen hatte.
    Die Gestalt löste sich aus dem Schatten und trat mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Ein Funkeln erregte Joes Aufmerksamkeit. Sein Gegenüber trug ein blitzendes Amulett um den Hals, welches Joe nur zu gut kannte, trug er doch ein ebensolches seit seiner Kindheit auf seiner Brust.
    Nur noch ein Schritt und die kräftigen Hände würden ich berühren. Nein, das konnte doch nicht wirklich sein! Ein erschreckter Schrei löste sich ob der Überraschung von seinen Lippen: „Vater!?…“
     
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  15. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 54
    Ungläubig starrte Joe auf das vertraute Gesicht und doch so fremde Gesicht. „Vater… das kann doch nicht sein. Wie kommst du hierher? Du bist doch…“
    „Tot? Nein, mein Junge, wie du siehst, weile ich immer noch unter den Lebenden.“
    Tränen des Schmerzes und der Wut stiegen Joe in die Augen, die er wütend mit dem Hemdsärmel trocknete. „Warum Vater?“ Wütend sprang er auf. Und sein Gegenüber mit finsterer Miene musterte. „Wir alle glaubten, die See hätte dich mitsamt deinem Schiff verschlungen. Mutter ist vor Gram fast zerbrochen, während du, weiß Gott wo, dein Leben einfach weiter gelebt hast. Warum bist du nie zu uns zurück gekehrt oder hast uns eine Nachricht gesandt?“
    All die Trauer und der Schmerz von damals waren ihm nun wieder gegenwärtig. Enttäuscht und unsagbar traurig wandte er sich ab. „Was willst du nach all der Zeit von mir? Wenn du Vergebung erwartest, dann kommst du zu spät. Damals hätte ich einen Vater gebraucht, heute habe ich gelernt, meinen Weg allein zu gehen. Es ist besser, wenn du jetzt wieder gehst.“
    Über den Kartentisch gebeugt begann Joe nervös die dort durcheinander liegenden Karten zu ordnen.
    „Das kann ich nicht, nicht bevor du mich angehört hast.“ Christopher trat näher und legte seinem Sohn vorsichtig die Hand auf die Schulter, die dieser jedoch energisch abschüttelte. „Nein es ist zwecklos. Warum sollte ich mir all deine Ausflüchte und Entschuldigungen anhören? Ich bin schon lange nicht mehr der kleine Junge, den du damit um den Finger wickeln kannst. Falls es dir entgangen sein sollte, ich bin mittlerweile zum Mann geworden und sehe die Welt mit etwas anderen Augen. Also verschwinde! Und verzeih mir, wenn ich dein Fortgehen diesmal nicht bedaure und keine Abschiedstränen vergieße.“
    „Oh ja, du bist zu einem Mann geworden, grad so, wie ich mir meinen Sohn immer gewünscht habe.
    Doch jetzt hör mir zu. Erklärungen und Schuldzuweisungen müssen warten, denn ich bin hier, um dir zu helfen und dir den richtigen Weg zu weisen. Die Zeit ist gekommen, dass sich die Prophezeiung erfüllt. Unser aller Schicksal liegt in deiner Hand, denn du bist der Auserwählte, dem diese schwere Aufgabe zugedacht wurde.“
    „Wovon redest du, alter Mann? Welche Prophezeiung soll sich erfüllen? Schon als ich noch ein kleiner Junge war, hast du mir diese wirren Geschichten erzählt. Und schon damals konnte ich dir nicht glauben. Sehe ich etwa wie der Retter der Welt aus? Sieh mich an, ich kann ja noch nicht einmal einen einzelnen retten.“ Verzweifelt strich sich Joe durch das müde Gesicht.
    Oh ja, er erinnerte sich noch gut an all die Geschichten, die sein Vater ihm seit den frühesten Kindertagen erzählt hatte. Die seltenen Momente, die Christopher an Land verbrachte, hatte er immer sehr genossen. Oft waren sie dann an den Strand gegangen und hatten aufs Meer hinausgesehen. Begierig hatte er zugehört und all die abenteuerlichen Erzählungen regelrecht in sich aufgesaugt, wusste er doch, dass diese Momente nie lange währten. Viel zu schnell verging die Zeit und Christopher brach zu seiner nächsten Fahrt auf.
    Joe blieb nur mit den anderen Kindern am Strand hinterher zu sehen, bis das Schiff am Horizont verschwand. Zurück blieben Kinder voll der Hoffnung, ihre Väter oder Brüder recht bald wieder zu sehen und die Träume, irgendwann einmal selbst solch abenteuerliche Reisen zu erleben.
    Und dann kam die Zeit, dass sie vergebens darauf warteten, das Schiff in den Hafen einlaufen zu sehen.
    Zuerst war es nur eine bange Vorahnung, nachdem sie viele Wochen vergebens gewartet hatten, dann wurde es zur traurigen Gewissheit. Noch heute sah Joe das versteinerte Gesicht seiner Mutter vor sich, als die Männer der anderen Schiffe die traurige Botschaft brachten. Die Männer waren, wie so viele vor und auch nach ihnen, von Phylixa in die Tiefe gerissen worden.
    Wieder legte Christopher ihm die Hand auf die Schulter und diesmal ließ er es geschehen. Oh, wie hatte er diese vertrauten Momente vermisst.
    „Ich seh, du erinnerst dich, mein Junge. Das ist gut, denn uns bleibt nicht sehr viel Zeit. Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein. Wir fanden jedoch, es wäre an der Zeit, einzugreifen und dir deine Zweifel zu nehmen.“
    „Wir, Wer seid ihr? Ich verstehe nicht…“
    „Du wirst alles erfahren, wenn die Zeit reif ist. Ich bin jedenfalls nicht allein und ich habe starke Verbündete an meiner Seite. Doch wir haben keine Zeit mehr. Ich spüre, wie der Zauber an Kraft verliert. Ich muss fort, ehe Phylixa meine Anwesenheit bemerkt. Nur noch so viel: Vertraue auf das Amulett, das ich dir damals gab und rufe dir die Worte in Erinnerung, die ich dir dabei sagte, dann wird alles gut.“
    Noch ehe Joe wusste, wie ihm geschah, wurde er auch schon in die Arme genommen und für einen viel zu kurzen Augenblickfühlte er sich zurück versetzt zu dem Moment, als sein Vater ihm damals mit ernster Miene das Amulett um den Hals gelegt und gemeint hatte, es wäre an der Zeit dafür. Wieder hallten die ernsten Worte in ihm wieder, die Christopher ihm mit auf den Weg gegeben hatte.
    „Egal, was auch geschieht und wie übel das Schicksal dir auch mitspielt, verliere niemals dein Ziel aus den Augen. Du bist etwas ganz besonderes, mein Sohn. Der Tag wird kommen, an dem du voller Zweifel bist und dich an diesen Moment zurück erinnerst und ich hoffe, du wirst mir dann verzeihen können. Nimm dieses Amulett und trage es fortan an deinem Herzen, denn solange du es bei dir hat, wird es dir Kraft spenden und dich vor all dem Übel in der Welt schützen. Vergiss dies nie und merke dir meine Worte genau. Dies ist sehr wichtig für uns alle.
    Es wird immer diese beiden Seiten geben. Gut und Böse, Liebe und Hass, Trauer und Freude, Schmerz und Heilung, Glücksgefühle und Niedergeschlagenheit, Vergeben und Verwerfen.
    Deine Aufgabe wird es sein, zwischen diesen beiden Seiten zu wählen und dich zu entscheiden. Denn dein Herz wird dir sagen, was richtig ist.“
    Die Tür fiel ins Schloss und Joe war wieder allein. „Vater warte!“ Er stürmte zur Tür hinaus, doch niemand war zu sehen. Er rannte an Deck, doch auch hier war außer seinen Männern niemand. Ed kam ihm entgegen. „Joe, was ist los mit dir?“ Dieser packte ihn an den Schultern. „Verdammt Ed, warum habt ihr ihn gehen lassen?“
    „Wen, Joe? Hier ist niemand außer der Mannschaft. Wovon redest du also?“
    „Aber… Ich habe ihn doch gesehen, mit ihm gesprochen, seine Berührung gespürt. Ihr müsst Christopher doch gesehen haben.“
    Mitleidiges Kopfschütteln war die Antwort. Jetzt war der Captain vollkommen verrückt geworden.
     
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  16. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 55
    „Verdammt Joe, Was soll das? Ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber ich weiß, dass nichts und niemand dieses Schiff unbemerkt betreten oder verlassen hat.
    Die Männer sind alle hier an Deck, nicht einmal eine Maus hätte da ungehindert durchschlüpfen können, geschweige denn ein ausgewachsener Mann. Hör zu, dein Vater ist seit Jahren tot, das weißt du. Wie um alles in der Welt sollte er jetzt plötzlich hier über das Deck spazieren? . Was immer du meinst gesehen zu haben, existiert nur in deiner Fantasie.
    Du solltest dich ausruhen und verflixt nochmal endlich etwas in den Magen kriegen. So durcheinander nutzt du uns hier oben gar nichts. Komm, geh in deine Kajüte, wir machen das hier schon.“ Vorsichtig hatte Edward seinen Freund bei den Schultern gefasst und schob ihn nun langsam in Richtung Schiffsinneren.
    Völlig willenlos ließ Joe es geschehen. Seine Gedanken rasten wild durcheinander durch seinen Kopf. War er wirklich verrückt? Aber alles war so real gewesen. War es wirklich nur Einbildung?
    Unwillkürlich griff er an seinen Hals. Das Amulett hing noch immer an seiner Stelle, so wie schon seit vielen, vielen Jahren. Unbewusst hatte er es immer bei sich getragen und auch die Worte seines Vaters niemals vergessen können. Zwar war er damals noch viel zu klein, um den Sinn zu verstehen, doch hatte er sich Wort für Wort fest eingeprägt. Erst recht, nachdem sein Vater nicht wieder gekehrt war, war es doch der letzte gemeinsame Moment gewesen.
    Die Männer hatten die Kajüte erreicht und immer noch in Gedanken versunken betrat Joe den Raum.
    „Bin ich wirklich verrückt geworden, Ed? Weißt du, in der letzten Zeit habe ich oft an Christopher denken müssen. Aber habe ich mir das alles wirklich nur eingebildet? Es war doch so real…“
    Obwohl sich auch bei ihm leise Zweifel einstellten, versuchte Ed seinen Freund zu beruhigen. „Wir haben in der letzten Zeit sehr viel erlebt und es waren schreckliche Momente dabei. Das hat uns alle gezeichnet. Du aber warst immer an vorderster Front dabei und hast all die teils verwirrenden teils beängstigenden Momente hautnah miterlebt. Da ist es doch verständlich, dass man sich nach jemanden sehnt, an dessen Schulter man sich in einem schwachen Moment anlehnen kann. Glaubst du, uns ginge es anders? Warts ab, wenn du dich erst einmal richtig ausgeschlafen hast, dann siehst du einige Dinge wieder viel klarer. Jetzt leg dich hin und mach dir nicht so viele Gedanken.“ Plötzlich stutzte er, sah sich in der Kajüte um und sah Joe dann fragend an. „Was riecht hier so? Fast so, als hätte hier gerade eben jemand sein Pfeifchen geraucht.“ Wieder sah er sich suchend um und auch Joe bemerkte nun diesen schon halb verflogenen Duft verbrannten Tabaks. Nachdenklich ließ er sich auf einen Stuhl nieder. Dabei fiel sein Blick erstmals seit dem Betreten des Raumes auf den Kartentisch. „Bei Neptun! Ed sieh doch nur, es war keine Fiktion. Ich wusste es, Christopher war tatsächlich hier.“ Der Steuermann trat langsam näher und besah sich die Unordnung auf dem Tisch. „Ähm… Um ehrlich zu sein Joe, ich sehe nichts, was irgendwie anders wäre, als sonst auch.
    „Genau das ist es ja, Ed. Hier herrscht ein wildes Durcheinander.“ Lachend beugte Joe sich über die oberste ausgebreitete Karte. „Bevor ich die Kajüte jedoch verlassen habe, war alles geordnet. All die Karten lagen geordnet hier auf der Seite. Und jetzt sieh dir das an. Und dieser Geruch ist mir nur zu gut in Erinnerung. Es kann nur von Christophers Pfeife stammen. Er hat schon immer diese seltene Tabakmischung gemocht, diesen Geruch vergesse ich nie.“
    Edward war noch immer nicht überzeugt. „Aber Joe das ist doch unmöglich…“
    „Ach Ed, bei dem, was uns in der letzten Zeit alles widerfahren ist, erscheint mir schon lange nichts mehr unmöglich. Jetzt lass uns doch mal sehen, was uns der alte Seebär zeigen will.“
    Die Karte auf dem Tisch hatte Joe schon lange nicht mehr in den Händen gehalten, da sie ein Gebiet umfasste, welches nicht zu den üblichen Routen der „Black Mary“ gehörte, handelte es sich dabei doch um die Gewässer im hohen Norden, in denen Schnee und Eis herrschten.
    Nun also lag diese Karte ausgebreitet auf dem Tisch und wie Joe erkennen konnte, waren frische Markierungen vorgenommen worden. Wie konnte das sein? Würden sie so ihr nächstes Ziel finden oder war das alles nur eine neue Finte Phylixas? Egal, sie würden es herausfinden.
    „Ed, lass die Männer das Schiff klar machen und ändere den Kurs. Wir segeln gen Norden.“
     
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  17. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 56
    „Was soll das heißen? Was sollen wir denn im Norden? Es hat schon seine Gründe, warum wir diese Gewässer bisher gemieden haben.“ Ed konnte es nicht fassen. „Joe, erinnere dich doch nur, wie es damals war, wie wir alle unter dieser entsetzlichen Kälte gelitten haben. Mit Müh und Not haben wir es zurück geschafft. Und jetzt willst diese Qualen wieder auf dich nehmen, nur weil ein Geist es dir sagt?“ Edward schüttelte sich, als wolle er so seine Worte noch unterstreichen.
    „Dieser Geist war mein Vater, Ed! Und ja, ich erinnere mich noch sehr gut und hatte wir ihr gehofft, nicht noch einmal in diese Welt aus Eis und Schnee zurück zu müssen. Nun ist es aber so. Wir haben keine Wahl, denn nur dort werden wir Antworten finden. Da bin ich mir sicher.“
    „Joe, ich wünschte, ich könnte diene Zuversicht teilen. Was aber, wenn es nur eine neue Falle Phylixas ist?“
    „Wenn dem so ist, dann werden wir es herausfinden, nur versuchen müssen wir es. Frag mich nicht, warum, ich weiß, dass es der richtige Weg ist.“
    Als wäre dies Erklärung genug, nickte der Steuermann zustimmend und wandte sich zur Tür. „Du weißt es also, Aye? Nun dann wollen wir keine Zeit verlieren. Ich geh und sag`s den Männern.“
    Zurück blieb ein nachdenklicher und doch zuversichtlicher Joe.

    Warum war er nicht früher und ohne Hilfe drauf gekommen? Er hätte es doch zumindest ahnen müssen, waren doch unter all den Bildern, die ihn Nacht für Nacht bis in den Schlaf verfolgten, auch die riesiger Eisberge. Die Reise ging also doch noch weiter. Doch welche Rolle spielte Christopher und warum war er ausgerechnet jetzt wieder aufgetaucht? Und wie hatte er das Schiff unbemerkt betreten und auch wieder verlassen können? Joe wusste keine Antworten, verdrängte diese Fragen jedoch schnell. Auch wenn er es nie zugeben würde, so war er doch froh über diese Entwicklung.
    Leise vor sich hin pfeifend beugte er sich wieder über die Karte, markierte noch einige Stellen, die seiner Meinung nach es wert waren, etwas näher untersucht zu werden und ließ sich dann langsam auf seine Koje sinken. Er fühlte sich seltsam entspannt und so müde. Bildete er es sich nur ein oder strahlte der Kristall wieder eine leichte Wärme aus? Egal, jetzt fehlte ihm einfach die Kraft darüber nachzudenken.
    Und er sank in einen tiefen Schlaf und glitt hinein in eine Traumwelt, so beruhigend schön, dass er wünschte, für immer bleiben zu können.
    Seit er diesen mystischen Kristall bei sich trug, war er schon in einigen Nächten hier gewesen.
    Er lief über saftig grüne Wiesen, spürte den sanften Sommerwind auf der Haut und beobachtete die Vögel in ihrem Flug. Nichts störte diese Idylle. Wie schon oft wanderte er weiter, sprang über ein kleines Bächlein, welches sich leise plätschernd seinen Weg durch die Wiesen bahnte, um dann in einen angrenzenden Wald zu verschwinden.
    Seine Schritte verlangsamtem sich, denn auch er hatte den Waldrand fast erreicht. Bisher hatten seine Träume immer geendet, wenn er versuchte, einen Schritt weiter zu gehen. Nein, er wollte nicht, dass es schon wieder vorbei war. Er wollte diesen Ort des Friedens noch etwas genießen, wollte noch nicht zurück in eine Welt voller Gefahren und Entbehrungen.
    Wie von allein schienen sich seine Beine zu bewegen und schnell waren die ersten Bäume erreicht. Noch einmal sog Joe die klare frische Luft ein, wusste er doch, sich gleich in der stickigen Kapitänskajüte wieder zu finden.
    Doch etwas war heute anders, diesmal erwachte er nicht.
    „Joe, Joe hörst du mich?“
    „Vater? Ich kann dich hören, aber wo bist du?“ Angestrengt versuchte er, etwas durch die dichten Bäume auszumachen. Kaum ein Sonnenstrahl fand seinen Weg durch das dichte Blätterdach. Seltsam bisher war ihm hier noch ein menschliches Wesen begegnet. „Vater, wie finde ich dich? Es ist zu finster.“
    „Tritt näher, mein Sohn und du wirst sehen und endlich verstehen.“
    Ohne auch nur einen Moment zu zögern, schob Joe die ersten Zweige zur Seite und trat ein in ein neues geheimnisvolles Reich.
     
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  18. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 57
    Eine seltsame Stille herrschte hier. Alles war vollkommen finster, doch wie durch eine dicke Nebelwand drang ein schwacher Schimmer zu ihm durch. Es war vielmehr eine Ahnung, als dass Joes menschliches Auge es wahrlich als Licht hätte ausmachen können.
    Joe versuchte darauf zu zugehen, jedoch jeder Schritt fiel ihm unendlich schwer und er kam nur mühsam voran.
    „Joe, hab keine Angst. Komm zu uns.“ Wieder drang Christophers Stimme an sein Ohr. „Hab Vertrauen, es ist fast geschafft.“
    Gequält versuchte Joe, den nächsten Schritt zu gehen, doch der Nebel schien ihn davon abhalten zu wollen.
    „Vater, ich versuche es doch, es will mir nicht gelingen. Etwas, das stärker ist als mein Wille, scheint mich daran zu hindern.
    „Nein mein Junge, du allein stehst dir im Weg. Alles was dich daran hindert, die letzten Schritte zu gehen, ist dein Inneres selbst. Verbanne die letzten Zweifel aus deinem Kopf denn solange du uns nicht ganz vertrauen kannst, wirst du die letzte Hürde nicht bezwingen. Es tut mir leid doch du musst es ohne Hilfe schaffen.“
    Wieder hob Joe ein Bein, um es ein Stück vor zu setzen doch schien es ihm unmöglich.
    „Ich vertraue dir, so wie ich es immer getan habe.“ Joes Beine schienen mittlerweile mit dem Boden verwachsen, kein Schritt war mehr möglich. „ Ich bin dir hierher gefolgt, zeugt das denn nicht von Vertrauen? Was also hält mich jetzt noch auf?“
    „Ich habe gehofft, du wärst endlich soweit. Doch dem ist nicht so. Noch immer ist ein Fünkchen Argwohn in dir und bestimmt dein Tun. Der Tag ist jedoch nicht mehr fern, an dem du in unserer Mitte weilen wirst, doch heute solltest du umkehren.“
    „Vater, was soll…“
    „Nein es ist keine Zeit mehr für Erklärungen. Du bist da draußen in großer Gefahr und so unvorbereitet, wirst du nicht bestehen können. Der rechte Tag wird kommen. Bis dahin schweig über alles, was du hier gehört und gesehen hast, denn wenn Phylixa jemals von uns erfahren sollte, war alles vergebens.
    Da, hörst du sie kommen? Sie haben dich entdeckt und sind schon nah. Du musst aus diesem Traum erwachen, schnell. Jetzt lauf!“
    Jetzt konnte auch Joe es hören. Doch was war das?
    Vorsichtig trat er zurück zum Waldesrand und wandte sich dorthin, von wo dieser ohrenbetäubende Lärm zu ihm heran rollte. Er konnte nicht sagen, was sich dort näherte, war es in seinen Augen im Moment nur eine riesige schwarze Wolke, die in diese Idylle eingedrungen war. Dass sie jedoch nichts Gutes verhieß, daran gab es keinen Zweifel. Wer oder was drang hier in seinen Traum ein und störte die friedliche Stille?
    Kreischende Vögel erhoben sich aus dem Gras und stiegen in luftige Höhe, Hasen flüchteten Haken schlagend in den angrenzenden Wald. Sie alle schienen das nahende Unheil zu spüren.
    Mit unverminderter Geschwindigkeit kam die schwarze Wand in rasantem Tempo näher und schien begleitet von einem seltsamen Trommelklang alles auf ihrem Weg zu verschlucken.
    Die ersten schemenhaften Gestalten wurden sichtbar, weder Mensch noch Tier, die mit weit aufgerissenen Mündern und lautem Gebrüll voran stürmten.
    Joe blieb keine Zeit mehr. Er folgte Christophers Rat und rannte. Mit großen Schritten stürmte er davon und rannte, was seine Beine hergaben. Ein Blick über die Schulter bestätigte ihm jedoch bald, was er schon befürchtet hatte, der Abstand zwischen ihm und seinen Verfolgern wurde sekündlich geringer.
    Doch noch gab er nicht auf. Auch wenn die Lunge von Schritt zu Schritt mehr brannte, auch wenn er stürzte und sich mit letzter Kraft wieder aufrappelte, so rannte er doch weiter. Dicht hinter sich spürte er schon den Sog der heran stürzenden Gefahr, konnte ihre furchterregenden Schreie hören und ihren grässlichen Gestank riechen.
    Da, das Bächlein! Mit letzter Kraft sprang er hinüber und erwachte schweißüberströmt in seiner Kajüte.
     
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  19. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 58
    Mühsam kämpfte sich die Black Mary ihren Weg durch die unruhige See. Seit Tagen hielt sie nun schon Kurs auf die nördlichen Gewässer.
    Joe ließ es sich nicht nehmen, so oft als nur möglich auf der Kommandobrücke zu stehen und seinen Männern Gesellschaft zu leisten. Eine seltsame Spannung hatte die Crew erfasst und die stetig sinkenden Temperaturen setzten allen zusätzlich zu. Immer öfter reagierten die Männer bei den nichtigsten Dingen gereizt. Wenn er auch nicht wirklich etwas dagegen tun konnte, so wollte Joe ihnen zumindest ein Gefühl des Zusammenhalts vermitteln.
    So sehr er es sich erhofft hatte, seine rätselhaften Träume waren bisher nicht wiedergekehrt und so
    stand er wieder einmal zusammen mit Edward und sah auf das kleine Stückchen Land, dem sie sich gerade näherten.

    Es war nicht das erste Eiland, welches die Black Mary seit ihrem Aufbruch anlief.
    Wie an einer Perlenschnur reihten sich viele kleine Inseln aneinander, manche recht groß, manche winzig klein. Nicht eine wurde ausgelassen, war es doch möglich, hier einen wichtigen Hinweis zu finden. Außerdem ergab sich so immer wieder die Möglichkeit, neuen Proviant an Bord zu nehmen und wenn sich die Gelegenheit ergab, die Gastfreundschaft der Bewohner zu genießen. Je öfter die Männer an Land gingen, umso mehr fielen ihnen die Veränderungen im Verhalten der Menschen auf.
    Anfangs waren diese derart verängstigt und misstrauisch, so dass sie nur wie farblose Schatten durch ihren Alltag huschten. Ausgemergelt und mit glanzlosen Augen fristeten sie ihr karges Dasein. Phylixas grausame Herrschaft hatte ihnen alle Hoffnung genommen.
    Und doch waren sie bereit, nachdem sie die Geschichte der Piraten kannten, zu helfen und ihre spärlichen Vorräte zu teilen.
    Einen wirklich entscheidenden Hinweis konnte bisher jedoch niemand geben. Alle waren sich aber einig. Weiter im Norden gebe es, wenn man den Erzählungen der Alten Glauben schenken könne, eine Insel, die bisher nur wenige Menschen betreten hätten. Und von denen, die es gewagt hätten, sei niemand jemals wieder gesehen worden. Sie seien nun bis in alle Ewigkeit gefangen in Schnee und Eis.
    Man erzählte sich, dass dort ein magischer Ort sei, den Phylixa so sehr fürchte, dass sie es noch nie gewagt habe, bis hier vor zu dringen. Mit eigenen Augen gesehen hatte diese Insel jedoch noch keiner.
    Joe und seinen Männern blieb also nur die Hoffnung, dass in all diesen Geschichten ein Fünkchen Wahrheit versteckt lag und dass es ihnen vergönnt war, den magischen Ort zu finden, denn vielleicht war dieser Hinweis wertvoller, als er jetzt im Moment schien.
    Dass Phylixas Einfluss nachließ, je weiter das Schiff sich den kalten Regionen näherte, wurde den Männern schon bewusst, wenn sie die einzelnen Stationen ihrer Reise miteinander verglichen.
    War das erste Eiland noch eine triste baumlose Einöde, so nahm das Grün von Etappe zu Etappe zu und auch die Bewohner schienen, trotz ihrer Armut, zufriedener.
    So auch diesmal. Hatten die Männer anfangs noch arge Probleme, überhaupt erst einmal das Vertrauen der Menschen zu erlangen, so war diesmal alles anders. Schon von weitem leuchtete das saftige Grün der Bäume und der Hafen schien überfüllt von Menschen, die scheinbar freudig die Ankunft der Gäste erwarteten. Alle jubelten und winkten. Erste Boote wurden zu Wasser gelassen, um das Schiff und seine Besatzung willkommen zu heißen.

    „Joe, das gefällt mir nicht. Das gefällt mir überhaupt nicht. Was hat das zu bedeuten?“ Edward war neben den Captain getreten und beobachtete misstrauisch das Geschehen.
    „Ed, ich weiß es nicht. Vielleicht haben wir endlich Phylixas Reich verlassen, vielleicht freuen sich die Leute auch nur, weil sie auf Hilfe hoffen. Wie es auch sei, wir werden es bald erfahren.“
     
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  20. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 59
    Die Black Mary war vertäut worden und nach und nach betraten die Männer festen Boden.
    Die Freude unter den Inselbewohnern war ungebrochen groß. In dem kleinen Hafen wimmelte es nur so von Menschen, die aufgeregt durcheinander plapperten und sich drängten, um die Ankömmlinge von nahem zu sehen. Den Männern wurden kleine Willkommensgeschenke gereicht und ein jeder schien darauf aus zu sein, Joe und seinen Männern persönlich die Hand zu reichen oder sie zumindest einmal zu berühren, sei es auch nur für einen kurzen Wimpernschlag.
    „Captain, mir gefällt die Sache immer weniger.“ Edward war neben Joe getreten und sah sich argwöhnisch um. „ Hast du jemals eine solche Begrüßung erlebt? Ob die Leute uns wohl mit jemanden verwechseln?“
    Joe bekam keine Gelegenheit mehr, seinem Kameraden zu antworten, denn unwillkürlich verstummte die Menge und die Massen teilten sich. Durch die gebildete Gasse schritt langsamen Schrittes, von einem Stab gestützt, ein Greis.
    Doch trotz seiner langen weißen Haare und seiner gebeugten Haltung schien eine ungeheure Kraft und Stärke von ihm auszugehen, die beeindruckte.

    „Willkommen auf Feridas, Freunde! Ihr werdet schon erwartet. Mein Name ist übrigens Thorgus.“
    „Mein Name ist Joe und ich bin der Captain dieses prächtigen Schiffes und dies hier ist meine Mannschaft, die mit mir schon seit Jahren die Meere bereist. Wir sind zu euch gekommen, weil wir…“
    „Ich weiß, wer ihr seid und kenne auch das Ziel eurer Reise. Denn obwohl wir uns noch nie begegnet sind, so kenne ich euch doch sehr gut. Eure Ankunft wurde uns schon vor langer Zeit angekündigt.“
    „Zuallererst danke ich euch allen, auch im Namen meiner Kameraden, für die überaus freundliche Begrüßung. Ihr sprecht jedoch in Rätseln. Sagt mir, wie es sein kann, dass ihr über unser Tun unterrichtet seid und uns schon lange erwartet, obwohl wir selbst erst vor einigen Tagen diesen Kurs einschlugen und mit niemandem darüber sprachen? Wie ist das möglich?“
    „Dies ist eine lange Geschichte und ich weiß, euch quälen viele unbeantwortete Fragen. Ich werde euch gern berichten, was ich weiß, so wie es mir aufgetragen wurde. Doch seht mich an! Das Alter fordert seinen Tribut. Und auch ihr seht erschöpft aus. Folgt mir, auf euch wartet ein üppiges Festmahl und ich bin sicher, die Frauen haben euch bereits ein warmes entspannendes Bad vorbereitet. Gönnt uns allen etwas Ruhe, danach werdet ihr Antworten auf all eure Fragen erhalten.“
    Ohne weitere Einwände abzuwarten, drehte sich der Alte um und ging mit langsamem, jedoch festem Schritt, den Weg zurück ins Dorf. Den Piraten blieb nur, ihm zu folgen.

    Das Dorf war sauber und wirkte einladend. Auch wenn alles sehr schlicht gehalten war, so zeugte es doch von einem gewissen Wohlstand, was in den vergangenen Jahren leider in immer weniger Regionen der Fall war. Vor den kleinen hölzernen Hütten blühten die herrlichsten Blumen. Wohlgenährte Tiere standen auf saftigen Wiesen. Ja, den Menschen hier schien es wirklich gut zu gehen. Immer wieder blieben die Männer überrascht stehen und konnten sich nicht satt sehen. Viel zu lange war es schon her, dass ihre Augen so viel Glück erblickt hatten.

    Begleitet von einer aufgeregt durcheinander plappernden Menge erreichten sie das Zentrum des Dorfes und standen nun vor dem Gasthof des Ortes.
    Nun endlich wandte Thorgus sich um und meinte mit einem Lächeln auf den Lippen: „Wir sind da. Deruk, der Wirt hält für euch alle eine Kammer bereit. Nehmt ein Bad, stillt euren Hunger und dann ruht euch aus. Ihr werdet einen wachen Verstand benötigen, um zu verstehen. Ich werde euch erwarten. Man wird euch zu mir führen, wenn ihr bereit seid.“
    Die Menschenmenge teilte sich und mit wehendem Gewand schritt er davon, während Joe ihm noch lange nachsah. Was war das nur für ein rätselhafter Alter? Mit seinem gebeugtem Rücken und dem zerfurchtem Gesicht schien er schon weitaus älter als 100 Jahre zu sein und doch umgab ihn eine Aura von jugendlicher Stärke, die keinen Zweifel an seinen Worten, geschweige denn ein Widerwort zuließ.
    Nachdenklich seufzend strich er sich über die müden Augen. „Ach Ed, anstatt Antworten zu bekommen, wird alles nur noch rätselhafter. Hoffen wir, dass Thorgus endlich Licht ins Dunkel bringen kann, denn langsam dröhnt mir der Kopf von all den Fragen, die darin herum schwirren. Aber lass uns hinein gehen. Die Grübeleien bringen uns nicht weiter. Und in einem hat der Alte recht. Wir alle können einen Happen zu essen gebrauchen und ein Bad ist wohl auch längst überfällig.“ Und mit einen Grinsen fügte er hinzu: „ Wollen wir mal sehen, ob die anderen uns noch etwas über gelassen haben.“ Sprach`s, stieß die Tür auf und trat ein in den gemütlich eingerichteten Schankraum, wo Deruk der Wirt die beiden schon mit zwei Humpen schäumenden Bieres erwartete.
     
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