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Der Schatz am Ende des Regenbogens

Dieses Thema im Forum 'Benutzerecke' wurde von -kulli- gestartet, 16 November 2013.

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  1. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 60
    Deruk, der Wirt, war hocherfreut über das Eintreffen der Piraten. Eilig zwängte er sich durch den überfüllten Schankraum, um jeden einzelnen der Gäste persönlich willkommen zu heißen. In den Händen Krüge voll mit einem herrlich schäumenden Bieres war hierfür schon all seine Konzentration gefordert, um angesichts der vielen Leute nichts von dem kostbaren Gebräu zu verschütten. Doch obwohl der Schankraum mittlerweile zu bersten drohte, gelang es ihm doch, einen Weg zum Eingang zu finden.
    „Willkommen im Roten Drachen meine Herren. Wie ihr sehen könnt, werdet ihr schon sehnlichst erwartet. Die Zimmer sind bereitet und meine Frau hat euch ein kräftiges Mahl gekocht. Doch hier, nehmt erst einmal einen Schluck aus euren Krügen, um den Staub aus euren Kehlen zu spülen. Ihr werdet noch viel zu berichten haben. Wir alle hoffen, dass ihr uns von eurer bisherigen Reise berichten werdet. Doch ihr werdet sicher erst einmal ein Bad nehmen und eure Kleidung wechseln wollen. Folgt mir, unsere besten Zimmer stehen euch zur Verfügung.“ Fast als hätte Deruk gar keine Antwort erwartet, drehte er sich um und begann einen Weg in Richtung Treppe zu bahnen. Die Einheimischen bildeten eine kleine Gasse für Joe und seine Männer, die sich nun flankiert von neugierigen Blicken und von leisem Gemurmel daran machten, dem Schankwirt eilig zu folgen.

    „Joe, ich sage dir, hier stimmt etwas nicht! Ich habe immer noch ein ganz seltsames Gefühl im Magen.“ Edward und Henry standen inmitten von Joe`s Zimmer. Die Männer hatten ein erfrischendes und längst überfälliges Bad genommen und machten sich nun auf den Weg hinunter in den Schankraum.
    „Dieses Gefühl nennt sich Hunger, Ed.“ Mit einem Grinsen trat Henry etwas zurück, wusste er doch, wie Edward auf seine stetigen Scherze reagieren konnte. Diesmal jedoch zuckten auch die Mundwinkel des Steuermannes. „Aye, Hunger habe ich natürlich auch und ich hoffe, dieser Deruk ist auf eine völlig ausgehungerte Schiffscrew vorbereitet. Aber jetzt mal ganz ernst. Kommt es euch nicht komisch vor, mit welch einer Gastfreundlichkeit wir hier empfangen wurden? Wir segeln unter einer Totenkopfflagge und es scheint niemanden zu interessieren. Was, wenn wir in eine ganz hinterhältige Falle getappt sind?“
    „Ich weiß, was du meinst.“ Joe warf sich seine Weste über. „Ich kann deinen Argwohn auch sehr gut verstehen. Zugegebenermaßen hatte auch ich anfangs meine Zweifel. Jetzt bin ich jedoch ziemlich sicher, dass uns hier keine Gefahr droht. Natürlich kann ich mich auch irren, doch ich will an das Gute in den Menschen glauben. Solange wir aber nicht mit Thorgus gesprochen haben und nicht die ganze Geschichte kennen, heißt es wachsam sein. Gebt Acht, dass ihr niemals allein unterwegs seid und achtet auf alles, was euch verdächtig scheint! Bald wissen wir mehr.“
    „Du kannst dich darauf verlassen, dass ich auf der Hut bin.“ Mit einem gezielten Griff riss Edward sein Messer aus dem Gürtel. „Ich hoffe, die Männer da unten wissen, wen sie hier beherbergen und versuchen nicht, uns zu hintergehen.“
    „Ich weiß, dass ihr auf euch aufpassen könnt, ich wollte es nur noch mal gesagt haben. Doch jetzt lasst uns gehen. Auf uns wartet ein Festmahl. Sollte uns tatsächlich Gefahr drohen, so begegne ich ihr lieber frisch gestärkt.“
    „Aye Captain, ich dachte, ihr wollt eure Unterhaltung hier noch eine Ewigkeit fortführen.“ Henry war schon halb zur Tür hinaus. „Also lasst uns gehen! Genießen wir die Gastfreundschaft, solange sie anhält.“ Und schon war er mit seinem ansteckenden Lachen verschwunden.
    Mit einem Grinsen folgten ihm seine Kameraden. Im Schankraum hatten sich, so schien es, noch mehr Menschen eingefunden und der Wirt hatte alle Hände voll zu tun.
    Die Männer zwängten sich vorbei an Tischen und Stühlen zu einer Tafel, die Deruk extra für die besonderen Gäste vorbereitet hatte. Dankbar nahmen sie die schäumenden Krüge entgegen, ließen sich den vorzüglichen Braten schmecken und je weiter die Zeit verstrich, umso mehr legten sie auch ihren Argwohn ab.
    Die Einheimischen würden noch sehr lange von diesem Abend zu berichten haben. Ja, es war schon ein denkwürdiger Abend.
    Die Fremden hatten so viel zu erzählen. Von gefährlichen Seeungeheuern war da die Rede, von Geisterschiffen und, und, und… Den Dorfbewohnern blieben allein beim Zuhören die Münder offen stehen und eiskalte Schauer jagten ihnen über den Rücken. Und sie alle waren einhellig froh, dass sie doch ein riesengroßes Glück hätten, ausgerechnet hier auf Feridas leben zu können.
    Als dann die ersten der Piraten anfingen, ein Lied anzustimmen, war bald der gesamte Raum mit Gesang erfüllt.
    Die Männer maßen ihre Kräfte im Armdrücken und selbst Deruk war bester Laune. Schleppte er auch keuchend und schwitzend Braten um Braten aus der Küche heran und kam schon bald mit dem Auffüllen der Krüge in Rückstand, er konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen solchen Ansturm und den damit verbundenen Umsatz gehabt zu haben.
    Langsam brach die Nacht herein und nur kurz dachte Joe an Thorgus, doch war es jetzt zu spät, ihm noch einen Besuch abzustatten.
    Also beschloss man, sich in die Zimmer zurück zu ziehen und sich zur Ruhe zu begeben. Und kaum war der letzte der Männer am oberen Absatz der Treppe verschwunden, leerte sich der Schankraum ebenso schnell, wie er sich Stunden zuvor mit Menschen gefüllt hatte. Viel zu lang hatten die Leute schon hier gesessen, die Familie wartete sicher schon ungeduldig. Und so blieben innerhalb kürzester Zeit nur noch Derek und seine Frau zurück, die noch eine ganze Weile damit beschäftigt waren, die Spuren des Abends zu beseitigen.
     
    Nanciyaga, Schneehase, 60kaktus und 8 anderen gefällt dies.
  2. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 61
    Joe schien es, als hätte er seine müden Glieder gerade erst ausgestreckt und zog sich die Decke über den schmerzenden Kopf, doch der ohrenbetäubende Lärm wollte nicht verschwinden.
    Die ganze Nacht hatte er sich unruhig hin und her gewälzt und keine Ruhe finden können. Doch welch böser Traum ihn diesmal gequält hatte, er konnte sich wie schon so oft nicht daran erinnern. Einzig das Gesicht seines schmerzlich vermissten Freundes Juan prägte seine Gedanken.
    Verzweifelt schloss er wieder die Augen, in der Hoffnung, an den unterbrochenen Traum anschließen zu können.
    Doch schon wiederklopfte es laut an der Tür.
    „Himmel, so kommt schon rein, bevor ihr noch die Tür zertrümmert!“ Jetzt war nicht mehr ans Schlafen zu denken. Joe richtete sich halb in seinen Bett auf, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie zuerst eine Laterne und danach Deruk durch den Eingang huschten. „Oh wie schön, ihr seid schon wach, mein Freund.“ Und während der Wirt umständlich die Zimmerlaterne anzündete, plapperte er munterweiter. „Der neue Tag bricht an und ich dachte mir, ihr wollt sicher bald zu Thorgus aufbrechen. Euer Bad erwartet euch und auch das Frühstück steht bereit. Also macht euch bereit. Ich werde indes nach euren Kameraden sehen und auch sie wecken.“ Schon eilte er wieder hinaus und die Tür schloss sich mit einem lauten Knall.
    Kopfschüttelnd wischte Joe sich den Schlaf aus den Augen. Richtig, jetzt fiel es ihm wieder ein. Heute also sollten sie mehr über ihre Aufgabe erfahren. Nun hielt ihn nichts mehr im Bett. Noch einmal reckte er sich ausgiebig und war auch schon auf den Beinen.
    Als er die Vorhänge zurückzog, stellte er fest, dass es da draußen gerade erst dämmerte. Die Sonne war noch lange nicht aufgegangen und blasses Licht kündigte den neuen Tag an.
    Heute war es endlich soweit, heute würde er endlich Antworten auf all seine Fragen bekommen.
    Ein fröhliches Liedchen pfeifend machte er sich auf den Weg ins angrenzende Bad und verließ nur kurze Zeit später noch immer gut gelaunt das Zimmer.
    Einige seiner Kameraden hatten sich schon unten an der hergerichteten Tafel eingefunden, andere kamen nach und nach die Treppe herunter. Eins hatten sie jedoch alle gemeinsam. Sie alle litten noch unter den Nachwirkungen der durchzechten Nacht und dass Joe, trotz der wenigen Stunden Schlaf, schon wieder so munter in den Tag startete, war allen ein Rätsel. Mürrisch und ziemlich wortkarg machten sie sich über das üppige Mahl her. Deruk schleppte schnaufend Speisen und Getränke heran und es schien, als wären der Appetit der Piraten aber auch die Vorräte in der Küche unerschöpflich.
    Doch irgendwann war auch der letzte Mann gesättigt. Die letzten Krüge wurden geleert und als hätte er schon lange auf diesen Moment gewartet, sprang ein junger Bursche von seinem Platz direkt neben dem Eingang auf, näherte sich eilig Joe und seinen Männern und meinte verlegen, nachdem er sich mehrmals verbeugt hatte:“ Entschuldigt die Störung, aber Thorgus schickt mich. Er würde euch gerne sprechen. Mein Name ist Fintan und ich werde euch zu ihm führen, wenn ihr bereit seid.“
    „Ja warum kommst du damit denn nicht gleich zu uns, Bursche?“ Mit einem Knall setzte Joe seinen Krug ab, was den jungen Mann dazu bewegte, vorsorglich den Abstand zwischen sich und seinem Gegenüber etwas zu vergrößern. „Weißt du denn nicht, dass dieses Treffen äußerst dringlich ist?“
    „Nun ja, das weiß ich sehr wohl, mein Herr.“ Verlegen sah der junge Mann zu Boden. „Es ist nur so, dass mir Meister Thorgus ans Herz gelegt hat, euch erst noch die Gelegenheit zu geben, den frischen Tag mit einem Mahl zu beginnen. Ja, er trug mir auf, abzuwarten, bis ihr alle euch gestärkt hättet.“
    „Ja, was hat dein Meister sich denn dabei gedacht. Er muss doch wissen, dass wir es gar nicht abwarten können, zu ihm zu kommen.“ Henry hatte sich von seiner Bank erhoben und beugte sich nun über den Tisch, um dem Ankömmling fest in die Augen sehen zu können.
    Etwas ängstlich setzte dieser zu einer Antwort an. Bei diesen wilden Piraten konnte man ja nie wissen. „Nun, der Meister hat sogar besonderen Wert darauf gelegt und es mehrmals wiederholt, dass ihr nicht übermüdet und mit leeren Magen aufbrechen dürftet. Er meinte, so seid ihr nicht konzentriert genug, um alles zu verstehen.“
    Henry schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und brach in schallendes Gelächter aus. „Ed, mir scheint, dieser Thorgus ist ein weiser Mann. Wie sonst hätte er dich so treffend einschätzen können!?“
    Edward zog es vor besser nicht darauf einzugehen. Und nachdem die gesamte Mannschaft sich von dem erfrischenden Lachen hatte anstecken lassen, ließ auch er seine weißen Zähne blitzen. Henry hatte ja Recht, man tat nicht gut daran, ihn hungrig an eine Aufgabe zu schicken. „Nun denn, ausgeruht haben wir und ein vortreffliches Mahl hatten wir auch. Worauf warten wir noch!?“
    Alle Augen waren nun auf Joe gerichtet, schließlich war er der Captain und gab das Zeichen zum Aufbruch. Also erhob er sich langsam und sah noch einmal in die Runde. „Also Männer, lasst uns gehen. Es ist an der Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen.“
     
  3. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 62
    „Ja, wie weit ist es denn noch? Meine Füße brennen, als würde ich über glühende Kohlen laufen.“ Schnaufend wischte Edward sich den Staub des Weges aus dem verschwitzten Gesicht.
    „Gleich habt ihr es geschafft, mein Herr.“ Fintan wies auf eine kleine Anhöhe unweit von dem Feldweg, auf dem man sich gerade befand. „Dort hinter dem Hügel könnt ihr es schon sehen.“ Und ohne weitere Erklärungen setzte er den Weg fort und eilte mit großen Schritten voran.
    „Grrr… Das haben wir heute schon öfter von dem Burschen gehört. Erst war es das Ende des Dorfes, dann die nächste Weggabelung, dann wieder die kleine Baumgruppe. Jetzt ist es also der Hügel.“ Leise vor sich hin schimpfend trottete der Steuermann hinter der Gruppe hinterher.
    Weiter ging es hindurch durch riesige Felder, auf denen das saftige Korn sich leise im Wind wiegte. Manchmal kreuzte ein Hase ihren Weg und verschwand rasch wieder im sicheren Grün, Vögel stiegen singend in die Lüfte und die Sonne kündigte einen heißen Tag an und nur die leichte Brise, die vom Meer herüber wehte, sorgte für eine leichte Abkühlung.
    Alles wirkte so friedlich, als gäbe es kein Unheil auf dieser Welt. Und doch wussten die Männer es besser. Eine finstere Macht lauerte irgendwo da draußen und bedrohte diese Idylle, bereit alles zu vernichten, wenn man ihr nicht entgegen trat und diesen Spuk ein für alle Mal beendete.
    Henry, der als einer der Ersten die Anhöhe erklommen hatte, drehte sich grinsend zu den übrigen Männern um und rief dem schnaufenden Edward zu: „Nur zu Ed, es ist gleich geschafft. Wir müssen nur noch die Wiese überqueren, den Wald durchwandern und dann ist es sicher nicht mehr weit.“
    Dieser wollte schon mit der nächsten Schimpftirade beginnen, doch Fintan kam ihm zuvor. „Nein mein Herr, es ist nur noch die Wiese, die euch von Thorgus trennt. Dort drüben seht ihr den heiligen Wald Sedir und dort werdet ihr schon erwartet.
    „Beim Barte Neptuns, kann ich mich auf euer Wort verlassen?“ Edward ließ sich laut ächzend auf dem Boden nieder. „Wenn der Weg doch noch nicht zu Ende sein sollte, dann sag es besser gleich, Bursche. Denn dann bleibe ich hier sitzen und überlasse euch die Lauferei. Meine Füße brennen wie Feuer. Ich bin weiß Gott nicht für so lange Fußmärsche gemacht.“
    Während einige der Männer es ihm grinsend gleich taten und Fintan sich emsig bemühte, allen noch einmal zu versichern, dass Thorgus dort in dem finsteren Wald auf sie warten würde, stand Joe etwas abseits und sah sich nachdenklich um. Dies alles, die Wiese mit dem kleinen Bächlein, der undurchdringlich scheinende Wald kam ihm auf merkwürdige Weise sehr bekannt vor, gerade so, als wäre er schon sehr oft über diese Wiese gelaufen und hätte diese Idylle genossen.
    Doch das war unmöglich. Er war sich ganz sicher, noch nie in seinem Leben, diese Insel betreten zu haben. Wie konnte es also sein, dass ihm jede winzige Kleinigkeit so vertraut war, wie zum Beispiel das kleine Bäumchen zur rechten Seite oder die riesige so seltsam geformte Steinformation dort am Waldrand.
    „… sagst du, Captain?“ Henrys Stimme riss ihn aus den Gedanken und etwas verwirrt wandte er sich zu seiner Crew um. Fragende Blicke seiner Kameraden begegneten ihm. „Wie… was ist?“
    „Da sieh sich einer den Captain an!“ Edward konnte es nicht fassen. „Tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Was ist los, Joe? Du scheinst etwas verwirrt zu sein.“
    „Ich habe geradeversucht, mich an etwas zu erinnern. Es ist jedoch nicht so wichtig.“ Joe wandte sich ab. Wie sollte er seinen Männern auch erklären, was er selbst nicht verstand. „Seid ihr bereit? Dann lasst uns gehen. Wir waren in den letzten Tagen zum Nichtstun verdammt. Doch die Zeit läuft gegen uns. Ich will endlich erfahren, was es mit all den mysteriösen Andeutungen auf sich hat, die Thorgus da gemacht hat. Vielleicht kann er uns wirklich helfen und uns den richtigen Weg weisen.“
    Nun bedurfte es keiner weiteren Worte und selbst Edward erhob sich schwerfällig vom Boden, wußte doch auch er, wie wichtig es für ein erfolgreiches Ende der Mission war, weiter zu machen, egal wie schwer es auch manchmal fiel.
    Fintan marschierte mit langen Schritten voran und dann war es soweit. Das dichte Dickicht des Waldrandes war erreicht. Wieder waren die Männer ein Schritt näher an der Wahrheit und Joe beschlich ein Gefühl der Vertrautheit. Jetzt war er sich ganz sicher. Ja, er kannte diesen Ort, denn er war schon oft hier gewesen. Würde er heute endlich den Wald betreten können. Oder war alles wieder nur ein Traum?
     
  4. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 63
    Dämmerung umgab sie und nur manchmal fand ein einsamer Lichtstrahl einen Weg durch das dichte Blätterdach. Die Bäume umgab eine einschüchternde und doch beruhigende Aura. Majestätisch ragten sie dem Himmel entgegen, fast so, als hätte sich hier eine riesige Streitmacht versammelt, die nur darauf wartete los zu schlagen und unwillkommene Eindringlinge zu vertreiben.
    Nachdem sich das Dickicht am Waldesrand wie von Geisterhand geöffnet hatte, um den Männern das Eintreten zu ermöglichen und sich nach ihnen sofort wieder verschlossen hatte, befanden sie sich nun auf einem schmalen Pfad, dem einzigen wie es schien, der sie immer weiter in das Waldesinnere führte.
    Je weiter die Männer vordrangen, umso finsterer wurde es und auch die Bäume schienen immer noch riesiger und noch bedrohlicher zu scheinen. Hatten sie anfangs schon die gewaltigen Wächter des Waldes bestaunt, so waren sie nun regelrecht gefesselt von deren Anblick.
    „Hey Männer, was meint ihr? Wie alt mag der hier wohl sein?“ Henry stand staunend vor einem besonders prächtigen Exemplar. „Seht euch nur diesen Stamm an. Ich glaube, selbst wir alle zusammen würden ihn nicht umfassen können.“
    Joe legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf. „Solche Baumriesen habe ich noch nie gesehen. Seht euch nur einmal diese Krone an! Dieser Wald muss schon vor vielen hundert Jahren gepflanzt worden sein.“
    „Mmh, viele hundert Jahre!? Aye Captain, so muss es sein! Aber wer hat sich die Mühe gemacht? Und wie konnten sie allen Naturgewalten und allen Widrigkeiten widerstehen, um zu so einer Größe heran zu wachsen?“ Vorsichtig befühlte Henry die Rinde „ Es ist gutes gesundes Holz. Was für ein Wunder! Ich meine, allein dieser Stamm hier würde genügen, um daraus eine gesamte Schiffsflotte zu zimmern.“
    Ein Rauschen erhob sich, Laub und trockene Zweige rieselten auf die Männer herab, während scheinbar der gesamte Wald ächzend die Baumkronen hin und her schüttelte.
    Blitzschnell trat Henry zurück.
    „Solche Worte hören sie nicht sehr gern, zu viele ihrer Brüder sind schon den Menschen zum Opfer gefallen. Also hütet besser eure Zunge!“
    Das Dickicht jenseits des Weges teilte sich und Thorgus trat zu ihnen, murmelte leise vor sich hin und schon kehrte wieder Ruhe ein. „Willkommen! Ich hoffe, eure mehr als törichten Worte sind nicht ein Zeichen eurer tatsächlichen Absichten, denn ich will nicht glauben, dass wir uns so in euch getäuscht haben sollten. Viel zu lang haben wir uns und euch auf diesen Tag vorbereitet. Also sagt, seid ihr gekommen, um die Welt zu retten oder um sie zu zerstören?“
    „Wie könnt ihr uns eine solche Frage stellen?“ Joe trat entrüstet einen Schritt vor. „Haben wir in der Vergangenheit nicht oft genug bewiesen, wie viel uns an dieser Welt liegt? Ihr hättet uns sicherlich nicht hierher eingeladen, wenn es nicht so wäre. Verzeiht, wenn wir euch und die Wesen dieses Waldes gekränkt haben sollten. Dies war sicher nicht unsere Absicht. Ich kann euch jedoch versichern, dass wir mit guten Absichten gekommen sind. Ich weiß, dass ich auch für meine Männer spreche. Ihr habt mein Wort!“
    Langsam trat er weiter auf den Alten zu, der ihn immer noch abschätzend musterte und hielt ihm die Hand hin.
    „ Unser Bootsmann ist ein Hitzkopf. Er plappert leider viel zu oft drauf los ohne vorher über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Doch ich vertraue ihm und ihr könnt dies auch. Dieser Wald ist also vor uns sicher.“
    Joe war dermaßen damit beschäftigt, Thorgus jegliche Zweifel zu nehmen, dass ihm gar nicht auffiel, wie sehr diesen seine enthusiastische Rede amüsierte. Erst war es nur ein leises Glucksen, doch nun warf dieser seinen Kopf in den Nacken und lachte lauthals, so dass es nur so schallte. Und während sich die Männer noch verwirrt ansahen, ergriff er Joes Hand und schüttelte diese mit einer solchen Kraft, die dieser nicht erwartet hätte. „Nun, ich sehe, wir haben die Richtigen ausgewählt. Doch eine Frage bleibt. Wie habt ihr es nur bis hierhin geschafft, wenn euch dieser kleine Zwischenfall schon derart verwirrt und euch das Ziel vergessen lässt? Ihr müsst wirklich lernen, euch auf das Wesentliche zu konzentrieren. Also kommt, es bleibt nicht viel Zeit.“ Bedächtig wandte sich der alte Mann um und schritt mit festem Schritt den schmalen Pfad entlang. Und über die Schulter gewandt fügte er noch kurz hinzu: „Unsere Bäume hier sind übrigens noch nicht allzu alt, es sind tatsächlich erst einige hundert Jahre. Wartet nur, bis ihr die wirklich alten seht.“, bevor er in der Dämmerung verschwand.
     
  5. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 64
    Stumm und ehrfürchtig waren die Männer Thorgus auf dem schmalen Pfad gefolgt, der sie immer tiefer in den Wald hinein führte. Mittlerweile war es dermaßen finster, dass sie nur noch mit großer Mühe den Boden erkannten, auf dem sie liefen.
    Niemand wagte es, den Mund zu öffnen, denn auch der alte Mann trabte schweigend und mit forschem Schritt vor ihnen her. Seine langen weißen Haare wogten im Gleichklang der Schritte und sein langes Gewand, welches selbst die Füße verbarg, erweckte den Eindruck, als würde er schweben. Die Finsternis schien ihn nicht im Geringsten zu stören, denn seine klaren wachen Augen wanderten umher uns schienen alles Gesehene aufzusaugen. Manchmal verweilte sein Blick auf einem der unzähligen Baumriesen. Oftmals setzte er seinen Weg dann jedoch fort.
    Nur einmal schien ihm das Gesehene nicht zu gefallen. Kopfschüttelnd trat er näher heran, legte seine knochigen Hände auf die zerfurchte Rinde und murmelte leise beschwörende Worte, in einer fremden Sprache. Zufrieden trat er zurück, besah sich seinen Schützling noch einen Moment, um dann seinen Weg ebenso schweigsam wie zuvor fortzusetzen.
    Und während nun auch die Männer an dem Baum vorüber gingen, schien es Joe, als würde er ein leises zufriedenes Seufzen hören, fast so, als würde der Baum sich bedanken.
    Vorsichtig sah er zu seinen Kameraden. Doch niemand schien etwas bemerkt zu haben, also schwieg er und tat es schnell als Hirngespinst ab.
    Endlich schien die Gruppe ihr Ziel erreicht zu haben. Thorgus verlangsamte seinen Schritt und betrat fast andächtig eine riesige von Sonne durchflutete Lichtung.
    Vögel sangen und große Schmetterlinge schwebten durch das Licht, während ihre Flügel in den herrlichsten Farben leuchteten.
    Wenn dieser Anblick die Männer schon zum Staunen brachte, so sahen sie nun ungläubig ins Zentrum der Lichtung.
    Eine Baumgruppe erweckte ihre Aufmerksamkeit. Mit offenen Mündern standen sie und versuchten dort oben ein Ende aus zu machen.
    Hatten sie zuvor auch schon die Größe der Bäume in diesem Wald bestaunt, waren dies doch alles Winzlinge, im Gegensatz zu diesen Riesen, die hier majestätisch in den Himmel ragten.
    In deren Schatten befand sich eine seltsame Anordnung steinerne Stühle, die in gleichmäßigen Abständen um einen kunstvoll verzierten Brunnen gruppiert waren.
    „Tretet näher, meine Freunde und nehmt Platz. Wir sind am Ziel.“ Schwerfällig nahm Thorgus auf einem der Stühle Platz und sah erwartungsvoll auf die Piraten, die sich immer noch keinen Schritt vorwärts bewegt hatten. „Was ist? Worauf wartet ihr den noch?“
    Langsam kam Bewegung in die Gruppe und Joe antwortete entschuldigend, während er sich direkt neben den Alten setzte: „Verzeiht unser Zaudern, doch der Anblick dieser beispiellosen Urkraft der Natur nahm uns für einen Moment den Atem. Wie ist eine solche Schönheit in der heutigen Welt nur möglich? Ich fühle mich, als hätte ich das Paradies betreten.“
    Mit einem Schmunzeln sah sich Thorgus um „Nun ein jeder findet sein Paradies, wo er es am wenigsten vermutet. Mag sein, dass dies hier meins ist.“ und fuhr dann in einem ersten Ton fort: „Ihr müsst wissen, dass diese Pracht nur durch uns Magier ihren Bestand hat. Ohne unseren besonderen Schutz wäre sie sicherlich schon ebenso durch Menschenhand, Naturkatastrophen oder bösen Zauber zerstört, wie all die anderen Wälder auf dieser Welt, derer es einmal sehr viele gab. Sie alle sind nicht mehr, sind auf ewig verloren und den wenigen, die noch existieren, drohte ein ebenso schreckliches Schicksal wenn wir nichts dagegen tun. Sie alle benötigen unsere Hilfe, doch können wir nicht immer eingreifen, auch wenn es schmerzt. Wichtig ist es, diesen Wald zu erhalten, denn die Bäume hier dürfen nicht verloren gehen. Das wäre unser aller Untergang.“
    Und während er so sprach, rauchte es ganz leise hoch oben in den Baumkronen und ein Meer von Blättern tanzte leise zur Erde hinab, fast so, als stimmten die Bäume ihm zu.
    Lange Zeit war es still. Nachdenklich saßen alle da und dachten über das soeben gehörte nach.
    Wieder war es Joe, der das Wort ergriff und er sprach aus, was wohl alle Männer dachten. „Verzeiht meine Neugier, aber was ist so besonderes an diesem Wald, dass ausgerechnet er unter eurem Schutz steht? Warum habt ihr ihn erwählt und keinen anderen?“
    Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und verblüffte die Männer doch sehr.
    „ Nun, genau genommen, konnten wir uns nur für diesen Wald entscheiden, denn diese Bäume sind auf dieser Welt seit Anbeginn der Zeit. Sie wachsen hier seit vielen tausend Jahren. Entsprungen aus einem winzigen Samenkorn, gesät von der Hand meines Vorfahren Sedir, trotzen sie seither allem Unheil und tragen seither den Namen ihres Schöpfers, Sedira. Sie stehen hier also als Mahnung für die Vergangenheit, für die Gegenwart und für unser aller Zukunft. Dies hier ist die Seele des Waldes. Mit diesem Baum, begann alles. Ihr seht also, dieser Wald ist wahrlich etwas ganz besonderes. Und an diesem würdigen Ort sollt ihr nun endlich erfahren, wohin euch eure Reise führen wird.“ Noch einmal sah er sich erst in der Runde um, um sich der vollen Aufmerksamkeit zu versichern, bevor er dann mit eindringlicher Stimme fort fuhr. „Also hört mir genau zu!“
     
  6. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 65
    Die Stunden verrannen und Thorgus war noch immer nicht zum Ende gekommen. Er erzählte von längst vergangenen Zeiten, als noch Drachen ihr Unheil trieben und unter den Menschen Angst und Schrecken verbreiteten.
    Damals entschlossen sich einige der mächtigsten Magier dazu, eine Allianz einzugehen, um gemeinsam dagegen anzutreten. Diese Verbindung gab es noch immer, denn noch immer gab es viel zu tun.
    Die Drachen waren zwar schon lange nicht mehr, doch gab es heute mit Phylixa eine neue und weitaus gefährlichere Gegnerin zu bekämpfen. Und immer wieder sprach er von der Prophezeiung, ohne bisher jedoch näher darauf eingegangen zu sein. Und er sprach von einer geheimnisvollen Insel weit oben im Norden, wo Joe und seine Männer schon von den restlichen Magiern erwartet würden.
    Ungeduldig rutsche Joe auf seinem Stuhl hin und her. Wann würde der Alte endlich zum eigentlichen Thema kommen?
    „Verzeiht, wenn ich euch unterbreche, weiser Thorgus. Eure Ausführungen sind sicher sehr interessant und lehrreich, mir brennt jedoch nur die eine Frage auf dem Herzen. Was genau besagt diese Prophezeiung, von der immer die Rede ist? Und wie genau sieht unsere Mission aus? Was macht euch eigentlich so sicher, dass wir die Auserwählten sind?“
    Lange Zeit sagte Thorgus nichts. Missbilligend sah er zu Joe und schüttelte den Kopf. Schließlich räusperte er sich, strich durch seinen Bart und wirkte sehr nachdenklich, als er zu einer Antwort ansetzte.
    „Deine Ungeduld wird dich und deine Begleiter noch den Kopf kosten, junger Freund. Hättest du mich nicht unterbrochen, hättest du schon eine Antwort auf deine Fragen. Und auch wenn es mehr als nur eine Frage ist, will ich sie gern beantworten. Und auch wenn es dir nicht behagen mag, so muss ich dazu doch etwas weiter ausholen. Denn erst einmal muss man die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu begreifen. Das solltest du niemals vergessen!“
    Und so begann Thorgus Geschichte noch einmal in der Zeit, in der Drachen auf dieser Erde lebten.
    Lange Zeit hatten diese die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, doch hatten sie mit den Magiern mächtige Gegner. Diesen gelang es im Laufe der Zeit einen nach dem anderen zu vernichten, bis eines Tages nur noch der größte und stärkste und somit auch der gefährlichste übrig war. Sein Name war Cyrian und egal, was Thorgus und die anderen Magier auch versuchten, er war zu schlau und entkam immer wieder seiner gerechten Strafe.
    Und so kam der verhängnisvolle Tag, an dem er unerwarteten Besuch empfing. Die große Wasserhexe Phylixa, die schon lange nach noch mehr Macht strebte, erbat sich Hilfe.
    Da Drachen als sehr eitel bekannt waren, war es ein Leichtes ihn zu überzeugen. Dass die mächtige Hexe ihn um Hilfe bat, schmeichelte ihm zu sehr, als dass er hätte ablehnen können. Dass sie dabei jedoch einen hinterhältigen Plan verfolgte, sollte er erst später bemerken, für ihn leider zu spät.
    Die beiden schlossen einen Pakt, mit dem Ziel gemeinsam die Herrschaft über alles Leben zu erlangen.
    Um wirklich sicher gehen zu können, vom jeweils anderen nicht doch verraten zu werden und um einen Pfand in der Hinterhand zu haben, vollführten die beiden den folgenschweren Tausch ihrer magischen Aura, verbunden mit dem Versprechen, diese an einem geheimen und sicheren Ort zu verwahren und diesen Ort selbst vor dem anderen geheim zu halten.
    Diese Aura, so muss man wissen, ist es, die ihrem Träger die magische Lebenskraft verleiht. Ohne sie wäre ihm kein Überleben möglich.
    Cyrian also nahm das kleine gläserne Kästchen und die fünf dazu gehörigen goldenen Schlüssel entgegen und übergab Phylixa vertrauensvoll ebenfalls eines, gefüllt mit allem, was ihn am Leben erhielt. Er erhob sich in die Lüfte und begab sich auf die Suche nach einem ganz besonderen Versteck, welches sicher bis in alle Zukunft sein sollte. Nach langer, langer Suche hatte er es endlich gefunden und um sicher zu gehen, dass auch wirklich niemand jemals dieses Kästchen öffnen könne, setzte er seinen Flug fort und verwahrte die Schlüsselchen an fünf völlig unterschiedlichen Orten.
    Und noch immer vertraute er darauf, dass auch Phylixa sich an ihr Versprechen halten würde.
    Erst als er begann, sich immer schwächer zu fühlen begriff er allmählich, dass diese ihn perfide hintergangen und nur ihre eigenen Vorteile im Sinn gehabt hatte.
    Zu spät! Cyrians Auge brach über dem großen Meer. Er stürzte in die Fluten und ward seither nicht mehr gesehen.
    Die Hexe jedoch hatte ihr Ziel erreicht. Mit dem Inhalt des Kästchens war es ihr gelungen, noch mehr Macht zu erlangen und einen starken Gegner aus dem Weg zu räumen.
    Berauscht von ihrer Macht hatte sie nun alle Skrupel verloren und überzog das Land und seine Bewohner mit immer neuen Grausamkeiten.
    Nun gab es nur noch zwei Personen, die, wenn die Prophezeiung zutraf, diesem schändlichen Treiben ein Ende bereiten konnten.
     
  7. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 66
    Schon seit vielen hundert Jahren hielt sich hartnäckig die Legende von zwei unerschrockenen Helden, die die Menschen von ihrem Joch befreien und ihnen Frieden bringen würden. Wer die beiden waren und wann sie erscheinen würden, war ungewiss. Sicher war nur, dass sie, wenn die Not am größten sei, übers Meer kommen und dem ganzen ein Ende bereiten würden. Und nun schien die Zeit gekommen zu sein, denn größer als jetzt konnte das Leid doch kaum mehr werden.
    Immer wieder hatten sich die Magier auf die Suche nach den beiden Auserwählten begeben, kehrten jedoch stets erfolglos zurück.
    In der letzten Zeit jedoch verdichteten sich die Hinweise. Hin und wieder überkam einen der weisen Männer eine Vision mit unmissverständlichen Botschaften. Waren die darin vorkommenden Figuren auch nur schemenhafte Schatten, so war man sich sehr bald einig, Joe war einer der Gesuchten.
    Und so hatten Thorgus und seine Freunde den jungen Mann stets im Auge behalten, ihm gelegentlich den Weg geebnet und mit allen Mitteln versucht, ihn auf die bevorstehenden Aufgaben vorzubereiten. Nun endlich war die Zeit gekommen, Joe in alles einzuweihen und es würde sich zeigen, ob die Mühen der letzten Jahre erfolgreich waren.
    Joe saß schweigend da und dachte über das soeben gehörte nach. Auch seine Kameraden blieben stumm und hingen ihren Gedanken nach. War es tatsächlich möglich, dass ihr Captain der Auserwählte sein konnte? Nun gut, er war schon ein Tausendsassa und war schon mit so manchem Gegner fertig geworden, aber sollte er wirklich die Welt retten können?
    Ähnliche Fragen schienen auch Joe durch den Kopf zu wandern. Traurig und verzweifelt schüttelte er den Kopf. „Das kann doch nicht sein. Ich hatte so sehr gehofft, hier endlich Antworten zu finden, doch jetzt ist alles noch rätselhafter.
    Verzeiht meine Zweifel, Thorgus, aber ich kann eure Überzeugung leider nicht teilen. Seht mich doch an! Ich bin ja nicht einmal in der Lage, meine Kameraden zu schützen. Gerade erst haben wir wieder einen sehr guten Freund verloren. Warum also sollte ausgerechnet ich der richtige sein? So leid es mir auch tut, aber ihr müsst euch einfach irren.“ Und an seine Crew gewandt, fügte er traurig hinzu: „Männer, ich hätte euch gerne etwas anderes gesagt, aber ich fürchte, unsere Mission ist gescheitert.“
    Sofort setzte lautstarker Protest ein. Hatte die Mannschaft zwar auch ihre Zweifel, so wollten sich die Männer doch nicht einfach so geschlagen geben.
    „Nicht so vorschnell, mein Freund!“ Thorgus schüttelte missbilligend den Kopf. „Seit wann gibst du denn so schnell auf? Beantworte mir bitte einige Fragen.
    Sedira, dieser Wald, kennst du ihn?“- „Nun, ich muss gestehen, dass mich bei seinem Anblick ein seltsam vertrautes Gefühl überkam. Ich kann aber mit Gewissheit sagen, dass ich noch niemals zuvor hier gewesen bin.“- „Überlege genau und grabe tief in deinem Unterbewusstsein, so wirst du es wissen!“
    Lange Zeit war es so still, dass man hätte ein Blatt zu Boden fallen hören. Doch auch die Bäume schienen den Atem anzuhalten. Würde Joe die Antwort finden? Nachdenklich saß er auf seinem Stuhl, die Augen geschlossen und hörte in sich hinein. Und langsam, ganz langsam kamen die Bilder zurück, die ihn schon so manche Nacht im Traum erschienen waren. Aber wie war das möglich?
    „Ich spüre, dass du dich erinnerst.“, unterbrach der alte Mann die Stille. „Also sag, weißt du nun, warum dir alles so vertraut ist?“
    Langsam öffnete Joe seine Augen und sah den Alten ungläubig an. „Oh ja, ich kenne Sedira und bin schon sehr oft über diese grünen Wiesen gelaufen, habe den Bach plätschern hören und diese riesigen Bäume gesehen, doch war dies in meinen Träumen. Wie kann so etwas sein?“
    „Das kann ich dir wohl erklären. Diese Träume kamen von mir. Nun schau doch nicht so ungläubig. Sie waren eine Art der Vorbereitung.“- „Eine Vorbereitung? Worauf?“- „Ich habe dir diese Botschaften gesandt, damit du lernen solltest, damit umzugehen. Du musst wissen, dass nur sehr wenige Menschen die Gabe besitzen, diese Botschaften zu empfangen und sie richtig zu deuten.“
    Zufrieden strich sich Thorgus über seinen weißen Bart. „Wie ich sehe, ist es mir ganz gut gelungen.“- „Gelungen!? Ihr habt mir vielleicht diese Bilder in den Kopf pflanzen können, doch werden sie für mich wohl immer ein Rätsel bleiben. Wie soll ich wissen, was ihr mir sagen wollt, wie zwischen Traum und Botschaft unterscheiden können? Selbst wenn ich, wie ihr behauptet, diese Gabe besitze, so ist sie völlig wertlos. Es tut mir leid.“- „Sei nicht so streng mit dir selbst. Glaube mir, du wirst es lernen, zu unterscheiden. Es kommt nicht darauf an, alles sofort zu verstehen. Oh nein, sehr oft ergibt vieles erst sehr viel später einen Sinn. Wichtig ist dann nur, es auch zu sehen. Denn nur wer wirklich zu sehen vermag, wird verstehen können. Und dass du dazu in der Lage bist, hast du schon bewiesen. Erinnerst du dich an euren Kampf mit den Seeschlangen? Damals hast du gewusst, was zu tun ist.“
    Bisher hatten die Männer schweigend daneben gesessen und der Unterhaltung aufmerksam gelauscht, jetzt jedoch ging ein Raunen durch die Gruppe und Henry schlug sich lachend vor die Stirn. „Aber natürlich Captain, nach Sedira gerufen. Hinterher hast du uns nicht erklären können, warum. Aber du hast genau im richtigen Moment gewusst, was getan werden muss.“
    Nun erinnerte auch Joe sich, wie verwirrt er nach dem Vorfall gewesen war. Er war sich damals sicher, diesen Namen schon oft gehört zu haben, konnte sich jedoch nicht erklären, wann und wo dies der Fall gewesen war. Sollte Thorgus tatsächlich Recht haben? Langsam ließen seine Zweifel nach.
    Und als der weise Mann noch mehrere Beispiele anführte, ließ er sich endlich vollends überzeugen.
    Lange Zeit saßen die Männer noch beieinander und redeten, hier im Schutz der ehrwürdigen Bäume, vielmehr redete der weise Magier und die Männer lauschten und als er sie an den Rand des Waldes zurück geleitete, war schon lange die Nacht herein gebrochen.
    Und wie sie so nacheinander hinaus auf die Wiese traten, beschlich jeden einzelnen eine seltsame Unsicherheit. Joe, weil er nun seine wahre Bestimmung kannte und fürchtete, ihr nicht gerecht werden zu können und die Mannschaft, weil sie ihren Captain fortan mit anderen Augen sah. Würde ihre Freundschaft diese Reise überstehen?
     
  8. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 67
    Leise strich der Wind durchs Gras und ein sternenklarer Himmel tauchte alles in ein silbriges Licht.
    „Es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen.“ Thorgus sah nachdenklich von einem zum anderen. „Ihr wisst nun, worauf es ankommt, mehr kann ich nicht für euch tun. Haltet euren Kurs weiter gen Norden, dort werdet ihr schon sehnsüchtig erwartet und ihr werdet die nächsten Einzelheiten erfahren.“
    „Wollt ihr uns denn nicht noch bis ins Dorf begleiten?“ Joe widerstrebte es, den Alten nun schon zu verlassen. „Ich habe noch so viele Fragen, die auf eine Antwort warten.
    „Für mich gibt es noch viel zu tun. Doch habt keine Sorge, eure Antworten werdet ihr finden.“
    Widerstrebend begannen die Männer sich von dem alten Mann zu verabschieden, ohne zu bemerken, was gerade geschah. Thorgus Mine verfinsterte sich, schnell warf er die Kapuze seines weiten Umhangs über den Kopf und senkte den Blick betrübt zum Boden.
    Simon sah es zuerst. „Seht doch nur Männer!“ Und während er schon die Augen schloss, um sich etwas zu wünschen, sauste ein wahrer Sternschnuppenregen zur Erde.
    Und schon standen alle mit geschlossenen Augen da und sandten ihre stummen Wünsche zum klaren Nachthimmel hinauf. Alle? Nein, denn Thorgus stand noch immer mit tief geneigtem Haupt abseits der Gruppe. Sein hagerer Körper wurde von einem Zittern erschüttert, gerade so, als litt er Höllenqualen.
    „Habt ihr das gesehen?“ Henry konnte es nicht fassen, seiner Stimme hörte man die Aufregung an. „Ich sag`s euch Männer, diese Reise muss einfach erfolgreich sein, bei all den Glücksboten. Har etwa noch jemand Zweifel daran?“ Ein zustimmendes Raunen ging durch die Gruppe. Nur Thorgus stand kopfschüttelnd abseits und begann leise, zu schimpfen.
    „Was seid ihr doch für Narren! Glaubt ihr wirklich, das Schicksal ließe sich so einfach beeinflussen? Wenn ihr denkt, ihr müsstet euch nur etwas wünschen und es ginge in Erfüllung, dann solltet ihr eure Reise besser gleich beenden. So ist sie von vornherein zum Scheitern verurteilt.“
    „Thorgus, sagt, was ist mit euch?“ Joe wollte es genauer wissen. „Was hat euch denn dermaßen verärgert?“
    Ohja, ich bin verärgert, verärgert und zugleich traurig. Wie können gestandene Mannsbilder innerhalb eines Wimpernschlags zu kleinen naiven Kindern werden?
    Ich hatte gehofft, ihr hättet die Dringlichkeit eurer Mission verstanden, doch eure Gedanken springen wild durcheinander wie junge Hunde. Wenn ihr das nicht bald ändert, werdet ihr zu Schaden kommen.“, grollte der Alte. Und bevor Joe ihm antworten konnte, fuhr er auch schon fort. „Ihr kennt zwar euer Ziel, doch lasst ihr euch von zu vielen Dingen am Wegesrand davon abbringen. So wie gerade eben. Ihr seht zum Sternenhimmel und schon glaubt ihr, die Sterne würden euch den Kampf abnehmen. Nehmt euch in Acht, denn nicht immer ist etwas, wie es scheint. Das mussten auch schon vor euch viele schmerzlich feststellen.
    Ich will euch erzählen, was sich vor langer Zeit zugetragen hat, vielleicht begreift ihr dann endlich, was für euch auf dem Spiel steht.
    Einst als noch Zwerge in unseren Gebirgen lebten, habe ich eine ziemlich lange Zeit bei ihnen verbracht, um von ihnen zu lernen. Ihr müsst wissen, die Zwerge waren ein sehr kluges Volk.
    Nur selten verließen sie ihre Berge und waren deshalb umso faszinierter von allem, was da am Himmel leuchtet. Besonders die Sterne hatten es ihnen angetan mit ihrem Funkeln. Sie glaubten fest daran, dass ein jeder Stern seine besondere Bedeutung habe und dass Sterne in ihrer Gesamtheit bestimmte Schicksale und Vorhersagungen in sich tragen und waren fest davon überzeugt, dass wenn einer von ihnen vom Himmel stürzt, dies ein Zeichen sei, dass schon sehr bald ein Freund fallen würde. Seinen eigenen Untergang hat dieses kleine tapfere Volk leider nicht voraussehen können. Kurz bevor die letzten Zwerge von dieser Welt gingen, stürzten, so wie heute Nacht, sehr viele Sternschnuppen auf die Erde.
    Verzeiht also, wenn ich mich nicht eurem närrischen Treiben anschließen kann. Und ihr solltet hier nicht herum stehen und euch jetzt schnellstens auf den Weg machen. Und lasst uns hoffen, dass dieses Omen nicht eure Reise betrifft. Und jetzt habe ich zu tun. Lebt wohl, ich hoffe wir sehen uns sehr bald wieder.“ Ehe auch nur einer der Männer im Entferntesten begriffen hatte, war der Alte auch schon im dichten Dickicht des Waldes verschwunden und ließ eine ziemlich verwirrte Gruppe Piraten zurück.
     
  9. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 68
    Das Meer brodelte. Eisige Gischt schlug schäumend über das Deck und schien die Black Mary verschlingen zu wollen. Doch immer, wenn ein Kentern schon unabwendbar schien, hatte es den Anschein, als wäre da eine unsichtbare Macht, die die alte Lady wieder aufrichtete.
    Schon den dritten Tag segelte die Mannschaft nun in Richtung Norden, ihrem nächsten wohl größtem Abenteuer entgegen.
    Je weiter die Männer voran kamen, umso eisiger schien das Meer sie daran hindern zu wollen. So auch heute wieder.
    Wie Nadeln stachen die kleinen Eiskristalle in die geröteten Gesichter der Männer. Laute Kommandos halten durch den Sturm. Ob sie bei dem lauten Tosen überhaupt gehört wurden, konnte niemand sagen. Wie gut, dass auch ohne sie ein jeder Mann genau wusste, worauf es ankam und was er zu tun hatte.
    “Joe, wie lange wird dieser verfluchte Sturm noch dauern?“ Edward trat neben den Captain und schaute besorgt auf die sich auftürmenden Wellenberge. “Das gefällt mir ganz und gar nicht. Lange werden wir nicht mehr standhalten können. Es dauert auch nicht mehr lange, dann sind wir mittendrin im Treibeis und es wird einfach unmöglich, das Schiff auf Kurs zu halten.“
    „Ich weiß Ed, das Eis könnte uns zerschmettern, aber ich glaube, dass wir es schaffen werden.“ Joe sah noch immer angestrengt nach vorn. „Weißt du, ich habe da einen Traum, der mich jetzt schon oft des Nachts begleitet hat. Immer und immer wieder sah ich die Black Mary inmitten riesiger Eisberge und wie auch jetzt heulte der Sturm. Doch so groß die Gefahr auch erschien, sie konnte uns nichts anhaben. Ich weiß nicht, ob ich naiv bin, wenn ich darin ein Zeichen sehe, ich glaube aber fest daran, dass alles gut werden wird.“ Joe beugte sich noch etwas weiter vor, um etwas durch die wirbelnden Schneeflocken erkennen zu können.
    „Bei Neptun, du bist wahrlich naiv und ich muss verrückt sein, aber ich vertraue dir! Wenn du sagst, wir sollen es wagen, dann soll es so sein. Bisher haben deine Träume uns immer den rechten Weg gewiesen.“ Edward trat zurück ans Steuerrad und umklammerte es so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervor traten. „Ich bin bereit, Captain und die Männer sind es auch. Der Tanz kann beginnen!“
    Oh Ed, mein Freund, du willst tanzen? Dann halte dich bereit. Wenigstens hat es aufgehört zu schneien. “ Joe drückte sein Gesicht noch dichter an die Scheibe. „Macht das Licht aus!“, befahl er und starrte dann lange angestrengt in die finstere Nacht voraus. „Es geht los, Männer! Eisberg steuerbord voraus!“
    Von nun an ging alles sehr schnell. Vom Sturm getrieben segelte die Black Mary hinein in die eisige Gefahr. Die Männer eilten übers Deck, befolgten die gebrüllten Befehle und kümmerten sich um die Segel, während das Schiff mehrmals an den aus dem eisigen Wasser ragenden Eiswänden vorbei jagte.
    Joe stand noch immer am Bugfenster, hielt sein magisches Kristall in der Hand, fest entschlossen, auch diese gefährliche Aufgabe gut zu meistern.
    Und es wurde eine lange Nacht, an deren Ende ein jeder müde und erschöpft den neu anbrechenden Tag begrüßen konnte. Der Himmel klarte auf und obwohl der Wind noch kräftig blies, so war doch allen klar, man hatte es wieder einmal geschafft und dem Meer erfolgreich getrotzt.
    Gischt drängte sich ins Ruderhaus als Henry schwungvoll die Tür aufriss und aufgeregt herein stürmte. „Joe, Land in Sicht! Komm schnell, das musst du einfach sehen!“
     
  10. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 69
    Draußen angekommen empfing die Männer eisige Kälte.
    Das Schneetreiben hatte etwas nachgelassen und auch der Sturm schien zur Ruhe gekommen zu sein. Nur hin und wieder blies er noch einmal eine frostige Böe übers Deck. Doch all das nahm Joe nur am Rande wahr.
    Eilig zog er seine schützende Jacke noch etwas enger und stürmte sofort nach vorn zum Bug, um noch besser sehen zu können. Und was er da sah, zog ihn sofort in seinen Bann.
    Inmitten von sturmgepeitschten Wellen, Eis überzogenen Land und wirbelnden Schneeflockengewirr, erhob sich majestätisch eine gewaltige Gebirgskette, welche fast über die gesamte Insel zu reichen schien. Zerklüftete Wände, größtenteils von Schnee und Eis bedeckt, ragten hoch empor.
    Jedoch nicht dies zog die Männer derart in ihren Bann, war es für die nordischen Regionen doch nichts Außergewöhnliches. Nein, es war vielmehr ein rätselhafter Schimmer, der in den herrlichsten Regenbogenfarben leuchtend, diese Berge umhüllte, grad so, als wären sie unter einer unsichtbaren Kuppel geborgen.
    „Was, um Himmels Willen, ist das, Joe? “ Henry rieb sich erstaunt die Augen. „Ich habe schon viel gesehen auf der Welt aber das da, das ist …. Das ist einfach…“
    „Magie.“, fiel Joe ihm ins Wort. „Es kann nur Magie sein. Mir scheint, als wären wir endlich am Ziel. Das muss die Insel Kyran sein, von der Thorgus sprach. Hier muss sich die Feste der weisen Männer befinden, an die wir uns wenden sollten.“
    „Captain, was ist, wenn es eine Finte ist und wir wieder einmal in eine Falle tappen?“ Edward war nach vorn getreten. Und obwohl auch er gefangen war von dem wunderbaren Anblick, so fiel es ihm doch schwer, seinen Argwohn abzulegen.
    Eine Antwort sollte er jedoch nicht erhalten, denn Joe schien ihn nicht mehr zu hören. Völlig aufgeregt begann dieser, an seiner Jacke und seinem Hemd zu zerren, um dann völlig aufgeregt den magischen Kristall in den Händen zu halten.
    Verwirrt starrte er auf den Stein, welcher von innen heraus zu glühen schien. „Seht doch nur! Es scheint, als wolle der Stein uns etwas sagen, als wolle er uns den richtigen Weg weisen. “ Triumphierend streckte er die geöffnete Hand mit dem so wertvollem Inhalt vor.
    Vergessen waren Sturm und Schnee, ein jeder versuchte, einen Blick auf den Kristall zu werfen und mit eigenen Augen diesen magischen Moment zu erleben. Und die Männer sollten nicht enttäuscht werden.
    Noch immer strahlte im Inneren des Steins ein Feuer, dessen Schein sich langsam nach außen auszubreiten schien. Ein leichter Nebelschleier stieg auf und ganz plötzlich entsprang ein kleiner Lichtschein, stieg empor, um dann in vielen Farben strahlend einen Bogen hinüber zu den Felsen zu werfen, welche mit einem besonders intensiven Leuchten zu antworten schienen.
    So schnell, wie es begann, war es auch schon wieder vorbei.
    Ein Raunen ging durch die Gruppe. „Habt ihr das gesehen? Was… was war denn das? So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.“ Aufgeregt tänzelte Simon von einem Fuß auf den anderen.
    Die Männer begannen alle gleichzeitig zu reden, nur Joe stand still mit einem wissenden Grinsen im Gesicht abseits und sah hinüber zum Ziel ihrer Reise.
    Tief in seinem Inneren hatte er schon die ganze Zeit über gewusst, dass diese Insel das Ziel sein musste. Und nach dem soeben Erlebten war er sich sicher, schon mehrmals im Traum hier gewesen zu sein.
    Zusammen mit seinen Männern war er durch den Schnee gestapft, sie hatten dem eisigen Wind getrotzt. Bald schon standen sie vor einem riesigen steinernen Tor, welches ihnen von einem lachenden Juan geöffnet wurde.
    An dieser Stelle war Joe stets erwacht und hatte keinen Schlaf mehr finden können. Zu gewaltig war der Schmerz, seinen Freund so glücklich zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass dies nie wieder so sein würde. Aber wie hatte Thorgus doch gesagt? „ "Die Gabe besteht darin, zwischen Traum und Botschaft unterscheiden zu können.“ und „ Vieles ergibt erst sehr viel später einen Sinn.“
    Aber welchen Sinn sollte es ergeben, Juan vor sich zu sehen, gerade so, als wäre nie etwas geschehen? Joe war fest entschlossen, es heraus zu finden, selbst wenn der Schmerz dadurch noch größer würde.
    Schnell schüttelte er die trüben Gedanken ab denn er würde einen wachen Verstand brauchen.
    „Männer, geht auf eure Posten! Ed, übernimm das Steuer! Wir gehen an Land.“
     
  11. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 70
    Nur mühselig kamen die Männer voran. Der Wind heulte und schleuderte ihnen mit aller Kraft kleine Eiskristalle entgegen.
    Hatte es vor kurzem noch so ausgesehen, als ließe der Sturm nach, so war doch noch einmal zurück gekehrt, noch stärker, noch wütender.
    Vornübergebeugt stapften sie voran. Mal fiel der eine, mal fiel ein anderer, doch immer wieder rafften sie sich auf und setzten einen weiteren Schritt.
    Schon längst hatte die Kälte die Macht über ihre Körper erlangt, die Glieder schmerzten, die Lungen brannten. Und doch war ihr Wille noch nicht gebrochen.
    Irgendwo da vorn musste das Ziel sein. Joe hob für kurze Zeit den Kopf und versuchte angestrengt, etwas zu erblicken. Doch sofort peitschten ihm Schnee und Eis entgegen und blendeten ihm seinen Blick. Hinter dieser scheinbar undurchdringlichen weißen Wand musste es sein. So nah, doch schien es unerreichbar.
    Völlig entkräftet sank er wieder einmal auf die Knie und diesmal erschien es ihm fast unmöglich, sich noch einmal aufzuraffen und weiterzulaufen. Und doch gelang es ihm.
    Der kniehohe Schnee schien Joe aufhalten zu wollen und zerrte an seinen müden Beinen. Wie es um seine Kameraden stand, konnte er nicht sagen, denn viel zu sehr war er in seinen eigenen Kampf verwickelt.Um nicht vollends verrückt zu werden, begann er mit sich selbst zu reden. Die anderen Männer würden ihn nicht hören können. „Nur nicht stehenbleiben, wir müssen weiter! Nur noch ein paar Schritte... ein paar Schritte … ein paar....“
    Längst hatte er kein Ziel mehr, wusste weder, warum er sich hier durch den eisigen Sturm kämpfte, noch dass seine Kameraden irgendwo da hinter ihm liefen. Er wusste nur, dass er weiter laufen musste.
    Wieder einmal stürzte Joe in den tiefen Schnee. Wie einfach wäre es doch, jetzt einfach liegen zu bleiben und den müden Knochen Ruhe zu gönnen!?
    Noch einmal versuchte er, auf die Beine zu kommen, fiel jedoch sofort wieder und diesmal stand er nicht wieder auf. Die Kälte spürte er schon lange nicht mehr.
    Er war müde, so müde. Nur etwas ausruhen, dann würde er weiter gehen.
    Irgendetwas zerrte an seinem Arm und von weit her schien eine Stimme nach ihm zu rufen. Ohne wirklich etwas zu sehen oder zu begreifen, aus reinem Instinkt, kämpfte er sich noch einmal auf die Füße und ging weiter. Wohin? Er wusste es nicht.
    Neben sich nahm Joe eine Gestalt wahr, doch erkennen konnte er nichts.

    Wie lange die Männer so unterwegs waren, konnte später niemand mehr sagen. Sie bemerkten nicht einmal mehr, dass sich der Sturm urplötzlich legte und es nur noch ganz leicht schneite.
    Halb erfroren, die Kräfte aufgebraucht, taumelten sie voran und ließen sich schließlich in einer kleinen Nische zu Boden fallen, direkt vor einem steinernen Tor. Versteckt und völlig unscheinbar war es in den Fels gearbeitet.
    Vom Schnee geblendet sah Joe hinauf und mit letzter Kraft zog er sich hoch. Doch kein Riegel, kein Ring machte ein Öffnen möglich. Langsam sank er wieder auf die Knie und legte seine Stirn an das kalte Gestein. Tränen rannen ihm übers Gesicht und gefroren sofort auf der Haut.
    Mit einem verzweifeltem Aufschrei ließ er sich rücklings in den Schnee fallen. Es war alles umsonst gewesen....

    „Joe, hörst du mich? Komm steh auf mein Freund!“ Von ganz weit her hörte Joe die Stimme. Sie kam ihm seltsam bekannt vor, doch konnte er nicht sagen, wer da nach ihm rief. „Verdammt, ich lasse nicht zu, dass du jetzt aufgibst! Mach die Augen auf und sieh hin! Das Ziel liegt direkt vor dir.“
    Wie durch einen dichten Schleier sah Joe sich um. Da waren die erschöpften Gestalten seiner Kameraden. Regungslos lagen sie im Schnee. Aber wer hatte dann zu ihm gesprochen?
    Mühsam wandte er den Kopf und sah nach vorn, blickte in das lachende Gesicht seines längst verlorenen Freundes und war sich sicher, nun vollends den Verstand verloren zu haben. Das konnte nicht sein. „Juan!“ Mit einem Schluchzen auf den Lippen sank Joe zurück in den Schnee. Er spürte, wie ihn die letzte Kraft verließ, war jedoch nicht in der Lage, dem noch etwas entgegen zu setzen. Langsam schloss er die Augen und es wurde ruhig um ihn. Und er genoss diese Stille, bis er selbst sie nicht mehr wahr nahm.
     
  12. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 71
    „Joe... Joe, steh auf! Deine Männer brauchen dich, nur du kannst sie jetzt noch retten.“ Von ganz weit her hörte Joe die Stimme. Oder war sie doch ganz nah. Er vermochte es nicht einzuschätzen.
    Joe spürte den kalten Untergrund und fragte sich, wo er sich befand. Vorsichtig öffnete er seine Augen, doch das Licht war viel zu grell, so dass er sie sofort wieder schloss.
    Er war müde, einfach nur müde und würde hier liegen bleiben, um auszuruhen.
    Doch die Stimme gab keine Ruhe. Wieder und wieder drang sie in seinen Kopf. „Joe mein Freund, du musst aufstehen. Ohne dich sind alle verloren.“
    Schwerfällig hob Joe den Kopf und sah sich um. Da lagen seine Männer reglos auf dem Boden, mittlerweile von einer leichten Schneedecke eingehüllt.
    Und jetzt fiel es ihm wieder ein. Er erinnerte sich an den langen beschwerlichen Weg und all die Strapazen, die sie auf sich genommen hatten, um bis hierher zu kommen.
    Und zu den trostlosen Gedanken gesellte sich nun auch noch die Erkenntnis, dass es scheinbar kein Entrinnen aus diesem eisigen Alptraum geben würde. „Ich kann nichts tun.“ Voller Wut und Verzweiflung schlug er mit der flachen Hand in den Schnee. „Es ist zu spät.“
    „Es ist noch nicht zu spät. Sieh nur genau hin! Öffne das Tor, du hast den Schlüssel.“
    Endlich schaffte Joe es, sich auf Hände und Knie aufzurichten. Er wusste nicht, was er tun sollte und sah sich um. Und dann konnte er es sehen: Ein kleines Licht, viel mehr war es ein winziges Leuchten, kaum auszumachen im grauen Felsen, aus dem das Tor gehauen war.
    Kaum noch bei Sinnen kämpfte Joe sich ächzend auf die Füße und torkelte voran. Mit all seiner Verzweiflung hämmerte er mit seinen blanken Fäusten gegen das Gestein ungeachtet seiner wunden schmerzenden Haut. „Bei Gott, lasst uns ein! Es darf doch nicht so enden.“
    Doch niemand antwortete und der Fels blieb verschlossen. Einzig das kleine Licht leuchtete noch heller als zuvor und schien seinen Blick geradezu magisch auf sich zu ziehen.
    Und endlich wusste Joe, was zu tun war. Mit seinen blutenden halb erfrorenen Händen begann er in seiner Tasche zu suchen, um dann nach einer halben Ewigkeit den magischen Kristall hinaus zu befördern. Mit zittrigen Händen hob er es empor und bewegte es langsam auf das Funkeln zu. Und tatsächlich, das warme Licht und der Stein schienen förmlich miteinander zu verschmelzen und Joe gelang es, den Kristall ohne Schwierigkeiten in die vorhandene Öffnung einzufügen.
    Langsam tat sich das Tor auf und durch den breiter werdenden Spalt strömte ein warmes helles Licht nach draußen.
    Joe taumelte zurück und fiel rücklings in den Schnee. Doch noch einmal schaffte er es, sich auf Hände und Knie aufzurichten. Und so kroch er auf das Licht, welches die ersehnte Wärme versprach, zu.
    Auf halben Weg hielt er inne und das Gefühl, etwas vergessen zu haben, überfiel ihn.
    Langsam, da ihm selbst diese Bewegung Schmerzen bereitete, sah er sich um und sah unweit von sich die reglosen Gestalten seiner Freunde liegen.
    Ohne sich seiner Handlung überhaupt bewusst zu werden, kroch er zum ersten seiner Kameraden und schaffte es tatsächlich, noch einmal seine letzten Kraftreserven abzurufen, aufzustehen und die Gestalt anzuheben.
    Wen er dort trug, er wusste es nicht. Schwankend und vor Anstrengung keuchend trug er seinen Freund auf das Licht zu und in die schützende Höhle hinein.
    Dort angekommen, legte er seinen Freund auf den Boden und machte kehrt. Wieder stapfte er hinaus in die Kälte, um auch die anderen Männer zu holen und trug so einen nach den anderen hinein in die rettende Zuflucht.
    Mit dem letzten Kameraden auf dem Arm schwankte Joe durch das Tor. Er stolperte, er fiel und bemerkte es nicht einmal mehr. Er hörte auch nicht mehr, wie sich das Tor hinter ihm mit einem Donnern schloss.

    Und tief unten auf dem Meeresboden entlud sich ein wütendender Schrei Phylixas, der das Meer zum Toben brachte. Denn hinter diesem steinernden Tor vermochte selbst sie mit ihrer Macht nichts mehr zu verspüren.
    Ihr ehemals tiefschwarzes Haar war durchzogen von unzähligen weißen Strähnen, ihr Gesicht von vielen tiefen Falten durchzogen. Und sie spürte, wie sie immer mehr an Macht und Kraft verlor, was sie nur noch wütender werden ließ.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 November 2013
  13. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 72
    Joe stöhnte und versuchte, etwas zu sagen, doch seine Kehle war zu trocken und seine Worte wollten nicht heraus. In seinem Kopf hämmerte es und selbst die kleine Bewegung ließ ihn vor Schmerz zusammen zucken.
    Zwar spürte er den weichen Untergrund, doch hätte er nicht sagen können, wo er sich befand.
    Es war ein kleiner gemütlicher Raum, welcher ihm völlig fremd erschien. Sanftes Licht erhellte das Geschehen um ihn herum,wo eine Gruppe Männer in seltsam anmutend langen Gewändern emsig hin und her huschte. Hin und wieder blieben sie stehen, sahen nachdenklich zu ihm herüber und diskutierten währenddessen leise in einer ihm fremden Sprache, wobei ihre langen weißen Bärte auf und nieder wippten.
    Joe versuchte, mehr zu erkennen, doch gelang es ihm nicht den Kopf zu heben und selbst der gedämpfte Lichtschein blendete seinen Blick, so dass er seine Augen zu schmalen Schlitzen geschlossen hielt und nur so weit öffnete, wie es nötig war, um etwas erkennen zu können.
    An der gegenüberliegenden Wand stand ein kleines Tischchen und Joe sah, dass darauf viele kleine Fläschchen und Tiegel aufgereiht waren. Über einem kleinen Feuer brodelte etwas in einen Kupfergefäß.
    Was war hier los und wo befand er sich nur?
    Nach einer längeren Unterhaltung schienen die Männer nun schließlich einig zu sein, denn alle nickten bejahend mit dem Kopf und einer von ihnen schritt hinüber, wo er sofort begann, aus verschiedenen Fläschchen etwas in den Topf zu träufeln. Sofort stieg eine feine Nebelwolke auf und erfüllte den Raum mit einem süßlichen Duft.
    Jetzt war es Joe klar, dies war ein Traum. Ein süßer, warmer und so beruhigender Traum, dass er wünschte, nicht so bald zu erwachen. Also schloss er schnell wieder die Augen.
    Er spürte, die Hand, die seine Stirn berührte, schmeckte die wohlschmeckende Flüssigkeit, mit der ihm vorsichtig die trockenen Lippen benetzt wurden, doch er ließ es einfach geschehen, denn schon lange nicht mehr hatte er sich sich so geborgen gefühlt. Dieser Traum dürfte niemals enden, alles war so friedlich. Mit diesen Gedanken sank Joe in einen tiefen festen Schlaf.

    Als er das nächste Mal erwachte, herrschte absolute Stille. Vorsichtig öffnete Joe die Augen. er schien allein zu sein. Die Fackeln an den Wänden waren erloschen und nur noch eine direkt am Eingang erhellte etwas den Raum. Und noch immer war da dieses Hämmern im Kopf. Mit größter Kraftanstrengung versuchte Joe diesen etwas anzuheben doch sofort wurde der Schmerz noch stärker. Egal, er musste die Gelegenheit nutzen, solange er allein war und heraus finden, wo er sich befand. Also ignorierte Joe den Schmerz und setzte sich langsam auf und ließ die Beine über die Bettkante hängen. Sofort wurde ihm klar, dass er in seinem jetzigen Zustand nicht sehr weit kommen würde, denn schon jetzt war er völlig außer Atem, vor seinem Auge begann der sich Raum zu drehen und die Beine zitterten, als er sie entschlossen auf den steinernen Boden setzte.
    Langsam erinnerte Joe sich an diese rätselhaften älteren Männer, die hier um sein Bett geschlichen waren und auch an diesen seltsamen Trank. Hatten sie ihm etwa diesen Trank gegeben, um ihn kampfunfähig zu machen? Was wenn sie ihn aus dem Weg haben wollten? Ob es den anderen ebenso ergangen war? Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, doch dass er sofort seine Männer finden musste, war ihm sofort klar.
    Also taumelte er weiter Richtung Tür. Gerade hatte er den Knauf in der Hand, als er von der anderen Seite leise Stimmen vernahm. Schon bewegte sich der Knopf und ohne groß zu überlegen, griff Joe nach dem Erstbestem, was er zu fassen bekam.
    Mit einem schweren silbernen Kerzenleuchter in den erhobenen Armen stand er nun in der dunklen Ecke direkt hinter der Tür, bereit, sofort zum befreienden Schlag auszuholen, sollte dies nötig sein.
    Die Tür öffnete sich und Joe spannte die Muskeln an, doch während er darauf wartete, die eintretende Person würde sich zeigen, vernahm er nur eine ihm sehr bekannte Stimme. „Empfängt man so einen Freund? Ich hätte geglaubt, du würdest dich freuen, mich nach so langer Zeit wiederzusehen.“
    Joe ließ die Arme sinken und als dann tatsächlich sein schmerzlich vermisster Freund eintrat, wollte er es einfach nicht glauben. Seine Beine begannen zu zittern und schienen ihn nicht länger tragen zu wollen. Er versuchte noch an der Wand Halt zu finden, während er den Blick nicht von der Person vor sich wenden konnte. „Juan, wie.....“ Die Stimme versagte und um ihn wurde es dunkel.
     
  14. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 73
    Nachdenklich saß Juan neben dem Bett, in dem sein Freund schlief und sich hoffentlich erholte. Gerade noch im letzten Moment war es ihm gelungen, ihn aufzufangen, bevor dieser auf den kalten Boden aufschlug.
    Wieder und wieder benetzte er Joes Lippen mit der heilenden Tinktur und ebenso häufig fragte er sich, wie sein Kamerad reagieren würde, wenn er das nächste Mal zu Bewusstsein käme.
    Noch immer sah er dessen gequälten Blick vor sich, diese Fassungslosigkeit, mit der Joe ihn angesehen hatte, als er ihn erkannte. Und er wünschte sich, alles wäre anders verlaufen und er hätte den Männern ein Zeichen geben können. Nur ein kleines Zeichen, so dass sie gewusst hätten, dass er nicht in der tosenden See umgekommen, sondern gerettet worden war. Gleichzeitig jedoch wusste er nur zu gut, dass dies nicht möglich gewesen war und im schlimmsten Fall, den Tot aller bedeutet hätte. Wie sollte er es nur erklären, wenn er es selbst doch kaum verstand?
    Leise öffnete sich die Tür und Darudor trat ein. Mit ernster Mine trat der weise Magier neben das Lager.
    „Nun, wie geht es unserem Helden? Ist er noch immer nicht aus dem Reich der Träume zurück gekehrt?“
    Traurig schüttelte Juan den Kopf. „Leider scheint sein Zustand unverändert. Was sollen wir jetzt tun? Wir brauchen ihn doch.“
    Kopfschüttelnd sah der Alte zu ihm herüber. „Du solltest nicht so ungeduldig sein, mein junger Freund! Hast du denn immer noch nicht begriffen, dass alles seine Zeit braucht und dass nicht alles so aussichtslos ist, wie es dir im Moment erscheint?“
    „Ich kenne eure Fähigkeiten, Darudor. Ich habe sie schließlich am eigenen Leib erleben können. Die Zeit drängt jedoch und jede Stunde, die wir zur Untätigkeit verdammt sind, lässt Phylixa wieder erstarken. Verzeiht also meine Ungeduld!“
    „Phylixa ist wahrlich ein Problem und ich wünschte, wir könnten ihr besser heute als morgen den Garaus machen.“ Merklich aufgebracht ballte der alte Magier die Fäuste, während sich sein Blick verfinsterte. Doch dies war nur von kurzer Dauer. Seine Augen blitzten und ein verschmitztes Grinsen zog durch sein faltiges Gesicht und sein Blick wanderte hinüber zu dem kleinen Tischchen mit all den Tinkturen. „Soll sie sich ruhig in Sicherheit wiegen, sie wird schon bald erleben, dass wir ihr längst einen Schritt voraus sind. Jetzt aber werden wir uns erst einmal um unseren Helden hier kümmern.“

    Joe erwachte langsam aus einem langen und wirren Traum. Als er jedoch behutsam die Augen öffnete, war er sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob er tatsächlich nur geträumt hatte.
    Wieder befand er sich in diesem völlig fremden Raum und neben seinem Bett saß eine Person in einem langen Gewand, die ihn zu beobachten schien. Schnell schloss er die Lider wieder, doch die Person schien sein Erwachen bemerkt zu haben.
    Er hörte, wie sie sich langsam erhob und sich leise näherte. Schon legte sich eine Hand auf seine Stirn.
    Himmel, wo war er hier!? Und noch ein anderer Gedanke schoss ihm durch seinen Kopf. Wenn das alles hier real war, wie passte dann Juan in diese Geschichte?
    Als hätte sein Beobachter seine Gedanken erraten, drang eine ihm so vertraute Stimme an sein Ohr. Joe mein Freund, ich bin hier. Sieh mich an und überzeuge dich selbst! Ich bin so froh, dich endlich wieder in die Arme schließen zu können, also lass mich nicht länger warten. Jetzt komm schon, sieh mich an!“
    Joe hielt es nicht länger aus, er musste sich vergewissern, dass dies keine Täuschung war.
    Ungeduldig fuhr er hoch und blickte auch schon in diese tiefen schwarzen Augen, die ihm nur zu bekannt waren.
    „Juan, du bist tot. Wie um Himmels Willen kann das sein!? Bedeutet das, dass auch ich... !“
    „Oh nein mein Freund, du bist bist noch sehr lebendig und dies auch hoffentlich noch sehr lange Zeit.“ Und schon lagen sich die beiden in den Armen, fast so, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Zu groß war die Freude den längst verloren geglaubten Freund wieder zu sehen.
    Ein leises Rascheln war aus der gegenüber liegenden Ecke zu hören und aus den Augenwinkeln konnte Joe eine zweite Person erkennen, die aus dem Schatten trat. Ein alter Mann, ebenfalls in langem wallenden Gewand kam näher und kicherte leise in seinen weißen Bart. „Da hätten wir unsere beiden Helden also wieder vereint. Doch bevor ihr allein euer Wiedersehen feiert, sollte ich besser die anderen dazu rufen, denn da gibt es noch einige mehr, die es kaum erwarten können, euch zwei begrüßen zu können. Schon war er zur Tür hinaus und bevor auch nur einer der beiden etwas hätte sagen können, wurde diese mit einem lauten Knall aufgerissen und herein stürmten all ihre Kameraden, allen voran Edward. „Ja, da hol mich doch der Klabautermann! Während wir uns Sorgen machen, wie es weiter gehen soll, lässt es sich der Herr hier gut gehen.“ Doch schon verzog sich sein Mund zu einem Grinsen. „Willkommen zurück, Captain! Lang genug hast du uns ja warten lassen.“


     
  15. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 74

    „Ich kann es nicht glauben. Die ganze Zeit dachten wir, wir hätten dich verloren. Wer hätte auch geglaubt, dass das Schicksal einen solchen Verlauf nimmt.“ Joe schüttelte zum wiederholten Male den Kopf. Auch der Rest der Männer stand mit teilweise noch immer offenen Mündern um Juans Krankenlager herum. Die Geschichte klang auch einfach zu unglaublich.
    Lang und ausführlich hatte Juan die Geschehnisse der letzten Zeit erklärt, hatte von seiner wunderbaren Rettung und von seiner Zeit hier bei den Magiern berichtet.
    „Glaubt mir, auch ich wollte es anfangs nicht wahrhaben und Darudor und die anderen haben lange gebraucht, mich zu überzeugen. Heute nun weiß ich jedoch, warum alles so kommen musste. Und letztendlich habe ich meine Aufgabe angenommen.“
    Leise kichernd meldete sich der alte Darudor zu Wort. „Lange genug haben wir auch auf dich einreden müssen, bis du endlich begriffen hast, dass wir dich brauchen. Ich hoffe, dein Freund nimmt seine Aufgabe etwas schneller an.“

    In den folgenden Tagen sollte es sich dann zeigen, dass auch Joe noch eine Menge lernen musste. Wissbegierig, wie er nun jedoch einmal war, ging es aber stetig voran. Unermüdlich schulten Darudor und die anderen Magier die beiden Männer, verrieten ihnen so manche List, um Phylixa zu schwächen und lehrten sie viel Wissenswertes. Und so vergingen die Tage wie im Fluge, ohne dass jemand hätte sagen können, wie lange sie sich schon hier im Schutze des Felsens befanden.
    Niemand konnte sagen, ob es gerade Tag oder Nacht war, denn die Fackeln an den Wänden hüllten die Räume stetig in ein gleichmäßig warmes Licht.
    Die Männer trainierten, wenn sie die Zeit dazu hatten. Sie aßen, wenn sie der Hunger quälte. Und sie schliefen, wenn sie die Müdigkeit überkam. Und doch vergaß niemand von ihnen, dass schon sehr bald der Tag kommen würde, an dem sie wieder hinaus in die Welt und auf den Weg zu ihrer nächsten Aufgabe mussten.
    Und dann war es soweit. Joe und die anderen saßen gerade zusammen und ließen sich ein ausgiebiges Abendmahl schmecken, als Juan und Darudor zu ihnen an den Tisch traten. Ein Blick in die ernsten Gesichter der Beiden, ließ schon vermuten, dass sie keine erfreulichen Nachrichten brachten.
    „Nun meine jungen Freunde, ihr habt euch hoffentlich noch einmal gut gestärkt.“ Alarmiert stellte Joe seinen halbvollen Becher ab. „Ihr seht sehr besorgt aus. Was ist geschehen?“
    Ächzend ließ sich der weise Mann auf der hölzernen Bank nieder. „Ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten für euch und ihr hättet mehr Zeit gehabt, um zu lernen, doch es ist für euch an der Zeit, aufzubrechen.“
    „Warum so plötzlich?“ Joe hielt es vor Neugier nicht mehr auf seinem Platz. Aufgeregt sprang er auf und packte Juan bei der Schulter. „Sag mir mein Freund, was ist geschehen? Was treibt uns zu der Eile?“
    „Phylixa treibt uns. Sie ist mittlerweile wieder so sehr erstarkt, dass sie die Meere mit Angst und Schrecken überzieht. Sie ist auf der Suche nach euch und wird keine Ruhe geben.“
    „Ist es wirklich so schlimm? “
    „Diesem grässlichen Weib muss das Handwerk gelegt werden.“ Voller Wut schlug Darudor die Faust auf den Tisch. Zu sehen, wie dieser ansonsten so ruhige und besonnene Mann derart außer sich war, ließ auch den letzten der Männer erkennen, wie ernst die Lage war.
    „Verzeiht meinen Ausbruch! Aber still zusehen zu müssen, wie Phylixa ihr Unwesen treibt, ist schon eine Qual. Ich weiß, dass es eigentlich anders gedacht war. Diese Hexe treibt es jedoch so toll, dass wir sofort handeln müssen. Täglich verschwinden unzählige Schiffe und ihre Besatzungen, alle von Phylixa in ihrem Wahn in die Tiefe gerissen. Schon bald wird niemand mehr den Mut aufbringen, in See zu stechen. Ganze Landstriche sind von Wassermassen überflutet. Die Menschen leiden große Not. Jetzt ist es an euch, dem Ganzen ein Ende zu bereiten.“
    Joe hatte sich mittlerweile wieder auf seinem Platz nieder gelassen. Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Was ist, wenn sie genau darauf wartet, dass wir unser Versteck verlassen?“
    "Ja natürlich wartet sie nur darauf! Ich hätte euch eigentlich für weniger töricht gehalten. Ich dachte, es wäre euch von Anfang an klar, dass es hier nur um euch geht. Phylixa weiß, dass ihr eine Gefahr für sie seid. Und genau darum wird sie euch jagen, bis der Kampf entschieden ist. Wir alle kennen jedoch die Prophezeiung. Also verzagt nicht! Alles wird ein gutes Ende nehmen.“

    Noch lange saß man zusammen, redete und plante die anstehende Fahrt ins Ungewisse. Gleich am frühen Morgen würde man aufbrechen.
    Sie alle wussten, dass es ein gefährliches Unterfangen war und das viel Leid, Gefahr und Verzweiflung vor ihnen lagen. Und ebenso wussten sie auch, dass es keinen anderen Weg gab, um die Welt wieder lebenswert zu machen. Mit viel Mut und Entschlossenheit würde es schon gelingen.
    Erst spät in der Nacht legten sich die Männer nieder, um noch etwas Schlaf zu finden. Doch nicht einer von ihnen fand in den Schlaf. Die Gedanken der Männer wanderten schon voraus zur Abreise am folgenden Tag, zu einer Abreise in eine unbekannte Zukunft......
     
  16. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 75

    Kurz nach Sonnenaufgang war der Zeitpunkt gekommen, um Abschied zu nehmen.
    Ein letztes Mal hatten die weisen Männer ein üppiges Mahl aufgetischt und die Mannschaft griff beherzt zu. Wer konnte denn schon sagen, wann man wieder so behaglich beieinander sitzen würde? Nach vielen aufmunternden Worten und unzähligen hilfreichen Ratschlägen stand die Gruppe nun unweit des Ausgangs.
    Zornig rüttelte der Sturm an der steinernen Pforte. Allein dies ließ die Männer frösteln, wussten sie doch, dass sie schon in Kürze wieder diesen unberechenbaren Naturgewalten ausgeliefert sein würden.
    „Nun ist es also an der Zeit Lebewohl zu sagen und euch für eure Gastfreundschaft zu danken." Fast flehendlich wandte sich Joe Darudor zu. "Sagt mir doch Darudor, werden wir uns wieder sehen? Oder wird dies eine Reise ohne Wiederkehr?"​
    "Nun, mein junger Freund, das mag niemand zu sagen. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Was ich jedoch weiß und dir mit auf den Weg geben möchte, ist, dass es ganz allein an uns liegt, wohin uns unser Weg führen wird. Ich bin voller Zuversicht, dass wir uns wieder begegnen werden und diese Hoffnung solltet auch ihr nicht verlieren. Etwas mehr Zuversicht wäre schon angebracht. Vergesst die Prophezeiung nicht! Dies ist der uns vorbestimmte Weg. Und auch wenn es uns nicht immer behagt, müssen wir ihn gehen, bevor es zu spät ist und wir es bereuen. Die Dinge, die man falsch gemacht hat, bereut man nämlich nicht so sehr, wie die, die man erst gar nicht versucht hat.
    Und es wird immer diese beiden Seiten geben: Gut und Böse, Liebe und Hass, Trauer und Freude, Schmerz und Heilung, Glücksgefühle und Depressionen, Vergeben und Verwerfen.
    Deine einzige Aufgabe ist es nur zwischen diesen beiden Seiten zu entscheiden, denn nur du weißt was gut für dich und die anderen ist. Und nun geht, es gibt noch viel zu tun!"
    "Aber Darudar, wie weiß ich, was gut und richtig ist? Was, wenn ich eine falsche Entscheidung treffe? All eure Vorbereitungen wären umsonst, all die, die auf Rettung warten, verloren."
    "Ihr werdet schon den richtigen Weg wählen. Vergesst nicht den Kristall. Er wird euch auch weiterhin schützen und rechtzeitig vor Gefahren warnen."
    Augenzwinkernd trat Juan zu den beiden Männern. "Und damit du dich nicht zu schwer tust mit den richtigen Entscheidungen, werde ich ja an deiner Seite sein und dir hin und wieder einen Stoß in die richtige Richtung geben."

    Schritt für Schritt kämpften sich die Männer voran. Obwohl Wind und Schnee ihnen auf des Heftigste zu setzten, so schien es diesmal so, als könnten sie ihnen nichts anhaben. Zwar zerrte der Sturm an ihren Kleider, peitschten ihnen auch diesmal Schnee und Eis in die Gesichter, doch schien dies die Männer, im Gegensatz zu ihrer Ankunft, nur noch stärker zu machen. Statt an jeden zurück gelegten Meter Kraft zu verlieren. so schienen sie immer wieder zu erstarken und, je länger der Marsch andauerte, nur noch schneller voran zu kommen.
    Fragend sah Joe hinüber zu seinem treuen Freund Juan, doch dieser setzte nur ein schiefes Grinsen auf und sah dann scheinbar völlig unwissend zu Boden.
    Joe konnte nicht genau benennen, was hier vor sich ging, doch irgendjemand schien hier seine schützende Hand über die Gruppe zu halten. Er würde schon dahinter kommen. Jetzt jedoch war er beschränkte er sich erst einmal auf stumme Dankbarkeit.
    "Seht nur, wir haben es fast geschafft!" Edward, der die Männer anführte, drehte sich rum und schrie es gegen den Sturm. "Ich kann die Masten der alte Lady schon erkennen."
    Joe schlug die Kapuze des schützenden Mantels zurück und sah angestrengt nach vorn. Nun sah auch er die Umrisse der Black Mary und stürmte voran. Auch für den Rest der Crew gab es jetzt kein Halten mehr. Laut johlend rannten sie durch den kniehohen Schnee. Endlich konnten sie wieder an Bord, dorthin, wo sie sich am wohlsten fühlten und wo alles so vertraut war. Das Abenteuer konnte also weitergehen.

    Noch vor Mittag stach die Black Mary in See. Mit geübter hand hatten die Männer die Taue enteist und nun segelten sie auf südwestlichem Kurs zu den Breitengraden mit den stärkeren Winden. Dorthin, wo die die nächste Aufgabe wartete.....
     
  17. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 76
    Zwei Tage und zwei Nächte segelte die Black Mary nun schon. Langsam brach der neue Tag an. Mit ihm war jedoch auch ein dichter Nebel aus dem Meer gekrochen und hatte sich über das Schiff gelegt, so dicht, dass man kaum 5 Schritte weit sehen konnte.
    Während ein Großteil der Mannschaft noch in ihren Kajüten schlief und nur die Wachmannschaft an Deck vor sich hindöste, war für Joe und Juan die Nacht schon lange vorbei.
    Joe hatte nicht sehr viel Schlaf gefunden und es war nicht nur der Nebel, der ihn beunruhigte. Nach langer Zeit spürte er wieder die warnende Kraft des Kristalls auf seiner Brust. War es erst auch nur ein dumpfes Gefühl gewesen, so hatte dieser in den vergangenen Stunden begonnen, seine warnende Wärme abzugeben. Mittlerweile schien er sich direkt in die Haut brennen zu wollen.
    Nachdem der Captain Juan aus dem Schlaf gerissen und bei diesem Rat gesucht hatte, standen sie beide nun an Deck und versuchten mit ihrem Blick die dichte Nebelwand zu durchdringen.
    Da, ganz plötzlich, eine Stimme, die über das Wasser hallte, der scharfe Fluch eines Mannes, der je wieder verstummte. Es war an der Zeit, die Männer zu wecken und zu bewaffnen.
    Joe gab dem wartenden Edward ein Zeichen und dieser verschwand unter Deck. In Windeseile hatten sich alle an Deck eingefunden.
    Henry kam aus der Takelage, ging zu dem beiden Männern und flüsterte: "Captain, ein Schiff nähert sich. In dem Nebel kann ich nicht sehr viel erkennen. Aber sie haben einen Mann im Ausguck, der aus dem Nebel ragt. Dieser führt sie, weil er unsere Takelage erkennen kann."
    "Henry", zischte Joe leise. " Wie weit sind sie noch entfernt? Und von wo genau kommen sie?"
    Henry zeigte nach Steuerbord. "Sie sind schon ganz nah."
    "Dann bleibt uns nichts weiter übrig, als zu kämpfen. Haben sie dich gesehen, Henry? Nein? Gut, dann glauben sie vielleicht, dass sie uns überraschen können und wissen nicht, dass wir sie bereits entdeckt haben. Nimm dir zwei Männer und lasst leise den Anker herunter!"
    Joe ging die Reihe entlang. "Männer, es gibt nur diese eine Möglichkeit. Wir tragen den Kampf zu ihnen. Macht die Enterleinen klar! Und dann haltet euch unterhalb der Reling versteckt! Sie sollen ruhig längsseits gehen und denken, wir würden noch schlafen." Die Zeit verstrich und jetzt konnten alle das gedämpfte Eintauchen von Ruderblättern ins Wasser hören.
    "Wartet!", flüsterte Joe den anderen zu.
    Das Schiff war nun längsseits und auf einen leisen Befehl hin wurden dessen Ruder eingezogen, da sich nun auch die Ruderer bewaffneten. Mit einem dumpfen Geräusch stieß der Rumpf des angreifenden Schiffes gegen den der Black Mary.
    "Wartet", befahl Joe noch einmal im Flüsterton.
    Ein mit Stoff umwickelter Enterkaken flog über die Reling, dem rasch drei weitere folgten. Die Black Mary wurde heran gezogen und festgemacht.
    "Jetzt!", zischte Joe. "Jetzt!!", brüllte Edward. "Jetzt!!!", schrie die Mannschaft. Mit einem lauten Krachen fielen die Enterbrücken auf das Deck des gegnerischen Schiffes. Die langen Eisenkrallen an deren Ende bohrten sich ins Holz und hielten es, so dass es kein Entkommen mehr gab.
    Mit lautem Gebrüll stürmten die Männer über die in Nebel gehüllten Brücken, während sich Joe und Juan wie Geister an einem Seil hinüber schwangen und dort auf völlig überforderte Männer trafen.
    Der Kampf war vorbei, bevor er richtig begonnen hatte.
    Der Feind hatte sich ergeben und Joe rief: "Kümmert euch um die Verwundeten! Und macht die Boote klar! Wir werden diesen Abschaum hinein setzen. So werden sie uns kaum folgen können. Vorher jedoch möchte ich mit ihnen reden. Bringt mir die Männer, einzelnd, einen nach dem anderen.!"
    Joe verhörte einen jeden, bevor dieser in den zu Wasser gelassenen Booten Platz nehmen musste.
    Einige der Männer verweigerten jegliche Aussage, andere hingegen waren dermaßen verängstigt, dass sie ohne großes Nachfragen alles erzählten, was sie wussten. Doch auch das half ihnen nichts, auch sie wurden zu den Booten gebracht. Eilig, froh mit dem Leben davon gekommen zu sein, ruderten die Ausgesetzten davon.
    Als das Schiff vom Feind gereinigt war, sahen Joe und Juan noch einmal mit grimmigen Blick hinüber. Zu sehr waren sie noch aufgewühlt von dem, was sie soeben erfahren hatten.
    Henry trat zu den beiden. "Nicht viel Beute, Captain. Ein paar Münzen, einige Waffen, alle minderwertig und noch einige Stoffe."
    Joe überlegte kurz, wandte sich dann seinem Kameraden zu und antwortete knapp: " Verbrennt es!"
    "Die gesamte Beute?"
    "Das ganze Schiff, Henry. Verbrennt es!"
    Henry grinste, "Aye, aye Captain! Aber sollten wir nicht erst ablegen, bevor wir es anzünden?"
    Juan lachte aus vollem Halse. "Aye Henry. Verbrennt es erst, wenn wir wieder Wind in den Segeln haben."

    So plötzlich, wie er aufgekommen war, verschwand auch der Nebel wieder. Joe sah hinauf zu den den sich spannenden Segeln. "Bootsmann, pfeif die Mannschaft zusammen! Machen wir, dass wir von hier verschwinden."
    Nun ging alles ganz schnell. Ein jeder wusste, was zu tun war. Und schon kurze Zeit später stand das Schiff in Flammen.
    Joe warf nur einen kurzen Blick darauf, wandte sich dann ab und befahl: "Anker lichten!" Und das Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben, blieb.
     
  18. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 77

    "Juan, wir werden nicht ans Ziel kommen. Sie werden uns jagen, sie alle werden uns verdammt noch mal jagen!" Verzweifelt schlug Joe die Faust auf den Tisch. "Wir haben gar keine andere Wahl, ich muss es tun."
    Die Männer saßen in Joes Kajüte und diskutierten ihr weiteres Vorgehen.
    Von den Männern der überwältigten Crew hatten sie Unglaubliches erfahren. Es gab einen Grund für deren plötzliche Feindseeligkeit. Phylixa! Von allen unbemerkt hatte sie die Black Mary mit einem kleinen Splitter eines zerbrochenen Spiegels markiert, diesen mit einem Zauber belegt und das Schiff und dessen Besatzung somit zum Ziel für alle anderen Schiffe gemacht. Wie ein Magnet zog es nun die feindlichen Angriffe an, da jede Besatzung, die die Meere befuhr, ebenso einen Splitter bei sich trug und danach trachtete, den Spiegel wieder zu vervollständigen.
    Zwar hatte Edward schon angemerkt, dass in der letzten Zeit verhältnismäßig viele Schiffe ihren Weg kreuzen würden und auch Joe hatte sich insgeheim schon gefragt, warum plötzlich jedes Besatzung sofort zum Kampf bereit war, obwohl für viele kräftemäßig rein gar keine Chance bestand. Er hätte es wissen, ja zumindest in Erwägung ziehen müssen, dass hier etwas nicht stimmte. Bei klarem Verstand und doch unfähig, sich dagegen zu wehren, waren die Seeleute in ihr Verderben gesegelt. Und sie hatten alles verloren. Joes ungutes Gefühl ließ sich nicht abschütteln.
    "Sie haben alles verloren, wir haben ihnen alles genommen! Verdammt!" Wütend auf sich, wütend auf die anderen und wütend auf Phylixa lief Joe aufgeregt hin und her.
    "Mach dir keine Vorwürfe! Was hätten wir tun sollen?" Juan erhob sich. "Sie haben uns zum Kampf heraus gefordert. nicht wir sie."
    Edward räusperte sich und meinte: "Alle sind mit ihrem Leben davon gekommen. Das ist mehr, als sie sich erhoffen konnten. Lasst uns jetzt lieber daran denken, wie wir diesen verfluchten Splitter loswerden!"
    "Ich weiß, was dich bedrückt." Juan trat zu seinem Freund. "Aber glaube mir, der Steuermann hat Recht. Es wird alles ein gutes Ende nehmen, auch für diese armen, verblendeten Seelen. Doch jetzt haben wir erst noch etwas zu erledigen. Wir sollten nicht mehr allzu lang warten, die nächsten Jäger werden schon nach uns suchen. Und darum sage ich euch: Überlasst den Splitter getrost mir, ich werde mich darum kümmern."
    "Nein, wir haben dich schon einmal an die See verloren. Das werde ich nicht noch einmal riskieren. Du bist für diese Mission viel zu wichtig, als dass wir auf dich verzichten könnten, also werde ich gehen.“
    „Und was ist mit dir? Bist du nicht ebenso wichtig? Du kannst nicht…“
    „Schluss jetzt! Ihr werdet beide bleiben. Also hört auf, wie keifende Weiber aufeinander los zu gehen!“
    Schlagartig war es still und erstaunt wandten sich die beiden Streithähne dem Steuermann zu. Dieser zeigte sein schiefstes Grinsen, selbst erschrocken über seinen Ausbruch. Und doch fuhr er nun entschlossen fort. „Captain, ich weiß, es steht mir eigentlich nicht zu, euch ins Wort zu fallen. Doch wenn ihr zwei euch dann beruhigt habt, hört mich an! Wenn unsere Reise Erfolg bringen soll, dann nur mit euch beiden. Das bedeutet dann wohl, dass ihr euch nicht trennen dürft. Also werde ich hinunter tauchen. Und versucht jetzt nicht, mich davon abzubringen, ich bin fest entschlossen!“
    Und so war die Entscheidung gefallen. Zwar gefiel sie Joe rein gar nicht, doch wusste er, dass es die beste Lösung war, Edward hinunter zu schicken, um den verfluchten Glassplitter zu finden und zu entfernen.
    Und so gab es kein Zurück mehr. Die Vorbereitungen waren schnell getroffen und Edward ließ sich schon kurze Zeit später, mit einem Seil um die Hüften gesichert hinunter zum Wasser gleiten. Schon stand ihm das Wasser bis zum Hals und für einen kurzen Moment ergriff ihn nun doch etwas Panik. Ein letzter Blick hinauf zu seinen Kameraden ließ dann all seinen Mut zu ihm zurückkehren. Mit zuversichtlichem Blick und einem Mut machendem letztem Nicken tauchte er hinab in die dunkle See. Hinab in Phylixas Reich...
     
  19. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 78
    Dunkelheit, nichts als nasse, brodelnde Dunkelheit umgab ihn. War anfangs noch ein letzter Schimmer Tageslicht zu ihm durchgedrungen, so war Edward nun schon zu tief, um noch etwas davon erahnen zu können.
    Er wusste jedoch, dass ihm keine Zeit blieb, um darüber nachzudenken. Allzu lange würde sein Atem nicht reichen. Also tastete er sich weiter am Schiffsrumpf entlang, in der Hoffnung, den verfluchten Splitter schnell zu finden. Während die Lungen begannen, zu brennen, griff er nach allem, was seine Finger ertasten konnte. Meistenteils schien es sich jedoch um verkrustete Muscheln zu handeln, doch sicher konnte er nicht sein. Nichts, aber auch gar nichts durfte zurück bleiben.

    Phylixa tobte durch die Mauern ihres abgeschiedenen Domizils, so dass ihre Bediensteten sich tief gebeugt in die hintersten Ecken zurück zogen. Jeder der armen Seelen kannte den Jähzorn und die Grausamkeit, seiner Herrin. Und niemandem war daran gelegen, ihr unangenehm aufzufallen.
    Was die Gebieterin jedoch dermaßen aufgebracht hatte, keiner wußte es genau.
    Zwar wurde schon seit geraumer Zeit gemunkelt, dass es da jemanden geben soll, der es sich zum Ziel gemacht hatte, Phylixa die Stirn zu bieten und sie ein für allemal zu vernichten. Und sollte etwas an dieser Geschichte wahr sein, so schien er erfolgreich zu sein.Phylixas ehemalige Kraft und Schönheit schwanden von Tag zu Tag, ihre abscheuliche Grausamkeit jedoch wuchs ins Unermessliche.
    Diese hatte sich inzwischen in ihre Kammer zurück gezogen und horchte in die Weiten ihres Reiches. Wer hatte es gewagt, in ihr Reich einzudringen? Sollte dieser verfluchte Pirat wirklich so respektlos sein und sich blind vor Angst in seinen sicheren Tod begeben? Doch auch ein Blick in ihren magischen Spiegel konnte ihr keine Antwort geben. Sie sah nichts und doch spürte sie, dass dort jemand war.
    Es war an der Zeit, an Ort und Stelle zu sein und sich selbst darum zu kümmern. Diese dreiste Beleidigung würde sie nicht ohne die passende Antwort hinnehmen.
    Und so machte sie sich auf den Weg und näherte sich unaufhaltsam der Black Mary.

    Die Lungen brannten und die Finger waren schon lange taub vom eisigen Wasser und der vielen kleinen Schnitte, die er sich beim Säubern des Schiffsrumpfes zuzog.
    Er brauchte Luft, wollte endlich wieder tief einatmen und machte sich den Rückweg. Vorsichtig tastete er sich wieder an dem nassen, durch Algen schleimigen, Untergrund entlang, bis ihm ein stechender Schmerz in die Glieder fuhr. Ein pochender Schmerz in seiner Hand zeigte ihm, dass er sich irgendwie verletzt haben musste, doch wusste er nicht wie oder woran.
    Stumm standen die Männer an Deck und starten hinunter auf die Wasseroberfläche. Joe stützte sich aufgeregt auf die Reling, so dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. „Da muss etwas passiert sein. Ed hätte längst schon wieder aufgetaucht sein. Lasst mich durch! Ich geh da jetzt runter.“
    Juan, der direkt neben ihm stand, gelang es nur mit Mühe, seinen Freund zurück zu halten. „Warte, gibt ihm noch einen Moment! Es geht ihm gut. Wenn es nicht so wäre, dann wüsste ich es bereits.“
    Juan sprach damit auf den Zauber an, den er kurz vor Edwards Abtauchen ausgesprochen hatte und der den Steuermann vor Phylixa und ihren Machenschaften schützen sollte. Ein magischer Schutzschild würde verhindern, dass sie Edward sehen könnte. Zwar würde sie seine Anwesenheit spüren, ihn im Wasser jedoch nicht erblicken können.
    Und es schien tatsächlich zu funktionieren denn genau in diesem Moment tauchte das hochrote Gesicht Edwards im Wasser auf.
     
  20. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 79


    Phylixa umkreiste das Schiff. Sie fühlte, ja sie wusste, dass sie nicht allein war. Jedoch sie sah nichts. Der Splitter jedoch und das war das Wichtigste war noch da. Das konnte sie spüren. Doch irgendetwas stimmte hier nicht. Enger und enger schwamm sie ihre Kreise. Das Wasser war zwar düster , doch ihren scharfen Augen entging eigentlich nichts. Jeder, der es jemals gewagt hatte, in ihr Reich einzudringen, hatte es bitter bereut. Und so würde es auch weiterhin sein. Sollte da also tatsächlich einer dieser verfluchten Piraten in der Dunkelheit lauern, er würde sich schon sehr bald wünschen, niemals geboren zu sein.

    "Schnell, werft ihm ein Seil zu!" Joe brüllte gegen den Jubel an Bord an. "Holt ihn an Bord, bevor sie ihn doch noch erwischt!" Die Männer taten, wie ihnen geheißen und nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es endlich. Edward griff mit letzter Kraft zu.
    Vergessen waren im Moment die vielen schmerzenden Schnitte in den Handflächen. Er musste nur noch kurz die Zähne zusammen beißen, dann war es geschafft. Die Rettung schon fest vor Augen ahnte er nicht im Geringsten die drohende Gefahr, die sich aus der Tiefe näherte.

    Phylixa umkreiste weiter die verdächtige Stelle, an der sie die Wasseroberfläche verdächtig kräuselte. Sollte es dem Kerl denn tatsächlich gelingen, ihr zu entkommen? Das würde sie nicht zulassen und zu verhindern wissen. Blitzschnell schoss sie in die Höhe und griff zu. Ja, sie spürte, etwas in der Hand zu halten. Das musste er sein. Sie zog und war sich ihrer Sache zu sicher, spürte sie doch seine Gegenwehr. Doch ihren Fehler bemerkte sie viel zu spät.

    Edward war glücklich, der nassen Hölle endlich entkommen zu sein. Mit großer Anstrengung brachte er noch einmal all seine ihm verbliebenen Kräfte auf und klammerte sich an das rettende Seil. Kaum noch bei Bewusstsein spürte er, wie er in die Höhe gezogen wurde. Doch Halt, was war das? Er fühlte auch noch etwas anderes. Erst war es nur eine leichte Berührung, dann aber ein heftiger Ruck, der ihn in die Tiefe ziehen wollte. Nein, das durfte nicht sein. Sollte alles umsonst gewesen sein? Panisch versuchte er sich zu befreien, strampelte mit dem Fuß, spürte noch einen letzten Ruck und schoss in die Höhe, wo ihn seine Kameraden freudig an Deck zogen. Doch davon bemerkte er schon nichts mehr, sondern fiel in eine tiefe Ohnmacht.
    Wie lange er sich in diesem Zustand befand, vermochte er später nicht mehr zu sagen. Und auch von den Sorgen, die sich seine Freunde um ihn machten, ahnte er nichts. Die schrecklichen Träume, die ihn während dieser Zeit jedoch plagten, brannten sich tief in sein Gedächtnis und würden ihn wohl bis an sein Lebensende begleiten......
     
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