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Der Schatz am Ende des Regenbogens

Dieses Thema im Forum 'Benutzerecke' wurde von -kulli- gestartet, 16 November 2013.

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  1. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 80
    Mühsam versuchte Edward seine Augen zu öffnen. Wenn da nur nicht dieses grelle Licht wäre. Und diese vielen Stimmen, sie waren viel zu laut. Ein Stöhnen drang aus seiner Kehle und sofort war es still. Wieder öffnete er die Augen und erblickte seine Kameraden, die sich hoffnungsvoll blickend um ihn scharten. Nun da er erwacht war, brach sofort wieder helle Freude aus. Alle redeten durcheinander. Edward sah dies zwar, konnte jedoch nur Bruchstücke hören, geschweige denn verstehen. Und noch ein Stöhnen : "Seid doch ruhig! Seid doch endlich still! Der Lärm macht mich wahnsinnig."
    Joe schien als einziger zu spüren, welche Qualen seinen Steuermann plagten, hatte er all das doch auch schon durchmachen müssen.
    "Männer, ihr solltet euch an die Arbeit machen und die Segel setzen. Es ist an der Zeit, von hier zu verschwinden, bevor es zu spät ist." "Aye Captain, wie lautet unser neuer Kurs?" Henry nahm noch letzte Anweisungen entgegen, während sich die anderen Männer bereits zurück zogen. Ein jeder wusste, was er zu tun hatte und dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, Eds Rückkehr zu feiern. Phylixas nächste Attacke würde nicht sehr lange auf sich warten lassen. Und dann wäre es bei Gott besser, einige Seemeilen zurück gelegt zu haben.
    Und schon herrschte emsiges Treiben an Bord, Kommandos schallten herüber, die frisch gehissten Segel blähten sich sofort im Wind und die Black Mary nahm Kurs auf die fernen, nördlichen Inseln, wo außer unbewohnbarem Land und eisiger Kälte auch ein kleines Fünkchen Hoffnung auf die Männer wartete. Hoffnung auf den zweiten Schlüssel.
    Und während sich das Schiff den Weg zu neuen Abenteuern bahnte, wandten sich Joe und Juan, die als einzige bei Edward zurück geblieben waren, wieder dem erschöpften Steuermann zu. Die Stirn runzelnd sah Joe auf seinen treuen Begleiter, der sichtlich wieder zu Kräften kam. "Captain, ich..... ich habe...." "Schon gut, mein Freund. Ich weiß, wie du dich gerade fühlen musst, habe ich es damals in der Höhle doch selbst erlebt. Es braucht keine langen Erklärungen. Doch sag mir eins: Hast du, wonach du gesucht hast? Konntest du unsere gute alte Mary von dem Splitter befreien?"
    Daran hatte er gar nicht mehr gedacht und Edward versuchte, sich zu erinnern. Der Splitter, ja er hatte ihn gefunden. Doch was war dann damit geschehen? Er konnte es nicht sagen. Panik ergriff ihn. Sollte das alles umsonst gewesen sein? Er sah Joe´s fragenden Blick und spürte Juan´s beruhigende Hand auf seiner Schulter. Und plötzlich kam in Bruchstücken die Erinnerung zurück. Noch einmal befand er sich gedanklich unter Wasser und sah, wie durch einen Nebel, sich selbst. Er spürte noch einmal die stechenden Schmerzen seiner durch unzählige Schnitte verletzten Hände, die trotz allem immer weiter die Planken abtasteten. Noch völlig von seinen Gedanken gefangen blitzten seine Augen plötzlich schelmisch. Und er öffnete seine Hand, die er bisher aufgrund des Schmerzes immer noch zur Faust geballt hatte. Da war er. Klein, fast unscheinbar und doch ging solch eine große Gefahr von ihm aus. Und er hatte sich tief in die pochende, blutende Wunden gebohrt. Ein erleichtertes Glucksen drang aus seiner Kehle. Und während sich die Black Mary durch die eisigen Fluten kämpfte, drang sein befreites Lachen über Bord und schenkte seinen Begleitern neue Hoffnung.

    Tief unten auf dem Meeresgrund entlud sich in diesem Moment jedoch ein gewaltiger Sturm.....

     
  2. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 81

    Während sich Joe, Juan und Edward noch lange Zeit unterhielten nahm das Schiff langsam an Fahrt auf. Und draußen braute sich etwas zusammen.
    Schon kam Henry in die Kajüte gestürmt. "Captain, ihr werdet oben gebraucht. Die Mannschaft ist beunruhigt und braucht eure Führung".
    Joe trat auf die Brücke und blickte nachdenklich nach vorn. Das Meer hob und senkte sich, starker Sturm tobte um das Schiff und langsam brach die Nacht herein.
    Wenn Juan und seine Magier- Freunde Recht behalten sollten, dann war der zweite Schlüssel hoch im Norden zu finden. "Juan, ich habe ein ungutes Gefühl. Dieses Unwetter ist nicht natürlichen Ursprungs". - "Du sagst es, mein Freund. Das hier ist Phylixas Werk. Wir haben ihr eine Schlappe zugefügt und sie wütend gemacht. Und wenn du mich fragst, dann ist sie sehr, sehr wütend. Das sagt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sein müssen. Sie wird alles in ihrer Macht stehende versuchen, um uns aufzuhalten. Wir können also sicher sein, dass dies hier erst der Anfang ist."
    Dass die Beiden Recht behalten sollten, zeigte sich schon drei Tage später, als die Black Mary schließlich endgültig in das Südpolarmeer einlief. Ein kreischender Ostwind heulte und trieb das Schiff erbarmungslos vor sich her. Wirbelnder Schnee und Eis machten es schier unmöglich, die Hand vor Augen zu sehen. Nun ging die Sonne gar nicht mehr auf und die Tage blieben ebenso dunkel wie die Nächte. Die Männer waren gefangen in Dunkelheit und eisiger Kälte. Trotz ihrer wärmenden Kleidung versuchte jedermann, nur so viel Zeit in der eisigen Luft zu verbringen, wie unbedingt nötig war.
    Im Steuerhaus versuchte Joe irgendetwas da draußen zu erkennen und versuchte, gegen den Sturm anzuschreien: "Ed, Kurs Ost- Süd- Ost!" "Aber, Captain, bist du dir da sicher? So segeln wir direkt zur Polkappe. Was ist, wenn wir ins Treibeis geraten? Du weißt schon, dass wir dann zermahlen werden?" - "Ich weiß! Wir haben jedoch keine andere Wahl. Es ist nun mal der kürzeste Weg und uns läuft die Zeit davon." - "Aye, Captain!" Dem Steuermann widerstrebte es zwar, doch gab er den Befehl weiter. Schon wurden draußen die Signale gepfiffen, um die Segel entsprechend auszurichten.
    Henry betrat das spärlich erleuchtete Ruderhaus. "Bei Gott, Männer! Wisst ihr noch, dass wir immer davon geträumt haben, mit dem richtigen Wind im Rücken in wenigen Tagen den ganzen Ozean zu durchqueren? Ich hätte nie geglaubt, dass wir diesen Tag jemals erleben würden. Wir sind schon bei 29 Knoten, Captain."
    Joe blinzelte hinaus in die Polarnacht. "Mmh... 29 Knoten sagst du? Welche Segel sind gesetzt?" - "Nur die Großsegel." - "Dann lasst noch Top und Klüver setzen! Wir müssen schneller werden." - "Joe, das ist Wahnsinn. Die Masten werden dem Sturm nicht standhalten." Joe hob die Hand. "Ich weiß, dass wir damit ein Risiko eingehen. Wir müssen diesen Höllenwind nutzen. Nur so haben wir eine Chance." Zusammen mit seinem letzten Wort fiel der Rumpf des Schiffes erneut in das nächste Wellental.
    "Falls ich noch ein Herz und ein Hirn übrig habe, wenn das alles hier vorbei ist, werde ich für alle Götter dieser Welt Kerzen anzünden.", schrie Edward. "Es ist kein Wunder, dass alle Seeleute halb verrückt sind."
    Das Unwetter schien noch weiter an Kraft zuzulegen. Jede neue Welle ließ das Schiff erzittern und Joe erteilte den Befehl an die Männer, sich zu sichern und anzuseilen. Gerade noch rechtzeitig. Niemand hatte es sehen können. Und wenn, dann wäre keine Zeit gewesen, um noch auszuweichen. Während der Schneesturm erneut gewaltige Brecher über Deck spülte, krachte das Schiff gegen einen Berg aus Eis.
     
  3. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 82

    „Haltet euch fest!“, schrie Joe, bevor er zusammen mit Juan gegen die Wand geschleudert wurde.
    Draußen stürzten Masten, Segel und Leinen aufs Deck und ein gewaltiges Zittern durchlief das Schiff. „Eis!“, schrie Henry, den der Zusammenprall auf die Knie geworfen hatte und der gerade dabei war, sich wieder aufzurappeln.
    Edward, der als einziger stehen geblieben war, weil er Halt am Steuerrad gefunden hatte, fluchte lauthals vor sich hin und sah gebannt nach Steuerbord. Dort sahen die Männer eine gewaltige weiße Wand, an der das Schiff entlang schrammt. Doch ehe alle wieder auf ihren Füßen standen, war diese auch schon wieder verschwunden und das ohrenbetäubende Knirschen war verstummt.
    „Verdammt, wir haben einen Eisberg passiert!“, verkündete Joe, was eigentlich schon jedem klar war. „Steuermann, gehe du mit den anderen! Lasst mich wissen, welchen Schaden das Schiff genommen hat und ob es Verletzte gibt! Henry, suche dir noch einen Mann und halte mit ihm nach weiteren Eisbergen Ausschau! Ich übernehme derweil das Steuer.“ Schon waren die Männer durch die Tür.
    Juan war ans Fenster getreten und starrte nachdenklich in die tosende Dunkelheit. Noch immer wütete da draußen der Schneesturm und nahm ihm die Sicht. „Joe, ich vermag nicht zu sagen, was vor uns liegt. Aber eins weiß ich: Wir haben keine Masten mehr. Und Phylixa ist bestimmt ganz in unserer Nähe. Ich wünschte, ich könnte irgendetwas tun.“
    Joe versuchte mit ganzer Kraft,das Steuerrad in Position zu halten, während der Sturm das Schiff wie ein Spielzeug über die Wellen jagte. „Verfügst du nicht über irgendeine Zauberei, die es dir möglich macht, durch den Sturm zu sehen?“ - „Nein, leider nicht! Ich habe nur eine magische Sicht. Im Moment ist sie mir nicht hilfreich. Meine Augen sehen auch nicht mehr als deine.“ - „Wenn nicht bald ein Wunder geschieht, wird dies wohl unsere letzte Reise sein.“ Joe ballte wütend die Faust. „Verdammt, sie darf nicht gewinnen! Nicht so kurz vor dem Ziel.“
    Noch bevor der Magier etwas erwidern konnte, wurde mit Wucht die Tür aufgerissen und Simon, der Schiffsjunge stürmte herein. „Captain, die Männer schicken mich. Ich soll euch ausrichten, das der Großmast und der Besanmast hin sind. Der Besanmast ist bis zur Hälfte gespalten, der Großmast nicht ganz so schlimm. Den könnten die Männer vielleicht noch reparieren, aber erst, wenn wir in ruhigeren Gewässern sind. Jetzt sind alle damit beschäftigt, die Trümmer zu sicher, damit sie nicht das Schiff zerschlagen. Sie sagen aber auch, es wäre unmöglich, hier ruhiges Wasser zu finden.“, fügte er mit ängstlichem Blick hinzu.
    Joe nickte und überlegte nur kurz. „Sag ihnen, ich werde erst einmal mit mit den Wellen segeln, bis alles gesichert ist. Und ein paar Männer sollen versuchen, die Segel am Bugmast zu ersetzen. Wir brauchen wieder mehr Fahrt, damit wir so schnell wie möglich das Kap umrunden. Dann werden wir versuchen, im Schutz des Landes zu segeln. Und sag ihnen: Sie sollen beten, damit es uns nicht auch noch den letzten Mast zerhaut.“ - „Schaut es wirklich so schlimm für uns aus, Captain?“ - „Wenn du hier noch länger dumm herumstehst, Junge, dann bestimmt. Also lauf, die Jungs warten auf Anweisungen!“ Rumms, schon schlug die Tür ins Schloss und Simon war verschwunden.
    Und so kämpfte sich das Schiff weiter durch die tosende See. Die Männer draußen an Deck taten alles, was möglich war. Sie ersetzten, so weit es ging Segel, vertäuten die Trümmer und untersuchten das Schiff auf weitere Schäden. Joe stand weiter am Steuerrad und korrigierte nur hin und wieder etwas den Kurs, um dem Eis auszuweichen.
    Stunde um Stunde verging. Und endlich, als schon niemand mehr daran geglaubt hatte, brach die dunkle Wolkendecke auf, der Sturm flaute ab und der Schnee ließ nach.
    Edward, der mittlerweile ins Steuerhaus zurück gekehrt war, übernahm wieder das Ruder und Joe ging hinaus an Deck. Fest an eine Sicherheitsleine geklammert trat er an die Reeling und versuchte etwas zu erkennen. Doch rundherum war nur dieses weiße Einerlei. Doch Halt! Etwas war anders. Vorsichtig klammerte er sich mit einem Arm an die Leine und fingerte mit der frei gewordenen Hand in seiner Tasche. Da war er auch schon: Der Kristall, der schon seit langen keine Veränderung gezeigt hatte. Nun aber leuchtete er in den herrlichsten Farben und verströmte eine wohlige Wärme. Er war zu neuem Leben erwacht. Und Joe wusste in diesem Moment: Dies war noch lange nicht das Ende. Die Reise würde weitergehen und sei es bis ans Ende der Welt.
     
  4. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 83
    Die Stunden vergingen, die Tage zogen vorbei. Doch noch immer warteten die Männer auf ein Zeichen. Mittlerweile hatte sich das Meer so sehr beruhigt dass das Wasser glatt wie ein Spiegel vor ihnen lag. Nun ging es nur noch langsam vorwärts. Doch endlich kam die Mannschaft etwas zur Ruhe. Während sich der Großteil der Männer zurück gezogen hatte, um etwas Schlaf nachzuholen und der Rest der Besatzung den ihnen zugewiesenen Arbeiten nachging, standen Joe und Juan beieinander und blickten mit nachdenklichen Gesichtern auf die eisbedeckte Insellandschaft, an der die Black Mary langsam vorbei fuhr.
    „Eis, nichts als Eis! Wie sollen wir hier etwas finden?“ Joe rieb sich die müden Augen. Zu lange hatte er schon auf dieses eintönige Weiß gestarrt. Und der fehlende Schlaf tat sein Übriges. Die nötige Ruhe wollte und konnte er sich jetzt jedoch nicht nehmen. Zwischendurch war er immer nur für kurze Zeit unter Deck verschwunden, doch die Ungeduld trieb ihn immer wieder ganz schnell zurück an Deck. Das Ziel war so nah, das wusste er. Der Kristall zeigte es ihm. Doch wo sollten sie nur suchen? „Verflixtes Ding, warum hältst du mich nur so zum Narren!?“ Der Stein funkelte zwar unverändert hell, doch wie sollte er dies deuten? Für einen kurzen Moment überlegte er gar, den Kristall hinunter in die Fluten zu schleudern, konnte der Versuchung dann aber gerade doch noch widerstehen. Enttäuscht ließ er ihn zurück in seine Tasche gleiten. „Juan, mein Freund, was sollen wir tun? Ich weiß, dass wir hier richtig sind. Aber sag mir doch: Wo sollen wir suchen?“ Langsam drehte sich der Magier seinem Freund zu und sah ihn eine Zeit lang nur schweigend an. Fast schien es, als wüsste auch er keinen Rat mehr. Doch dann blitzte es in seinen Augen. „Einen Weg, es doch noch heraus zu finden, gibt es noch. Doch warte! Ich muss mich kurz konzentrieren. Da ist ein Zauber, den mir der weise Darudor einmal verraten hat. Ich werde hierzu versuchen, deine Augen und meine magische Sicht zu verbinden. Wenn es mir gelingt, unsere beiden Kräfte zu vereinen, schaffst du es vielleicht, durch das Eis zu sehen.“
    Joes Augen weiteten sich vor Verblüffung. Sollte die Lösung so einfach sein? Dann zeigte sich aber auch schon wieder ein schelmisches und verschmitztes Grinsen. „Das klingt wirklich klug, Juan. Ob es nun gelingt oder ob es fehlschlägt, wir müssen es versuchen. Alles ist besser, als blind durch diese vereisten Gewässer zu fahren. Glaubst du, dass du es kannst?“ - „Ich denke schon, dass es funktionieren könnte, so lange wir beide fest daran glauben. Und den Zauber, nun ich werde ihn versuchen. Auch wenn ich ihn noch nie selbst angewandt habe, Ich werde es versuchen.“ Fast schien es, als wolle sich der Magier selbst Mut zusprechen. Angestrengt streckte er beide Hände aus und versuchte dabei, ein leichtes Zittern zu beherrschen. Vorsichtig legte er die Finger um Joes Gesicht und seine zitternden Daumen federleicht auf dessen Augen. Ich glaube, ich muss ihn etwas verändern, den Zauber, meine ich. Hoffen wir, dass er nicht ins Gegenteil umschlägt und eine Blindheit bewirkt.“ Joe stöhnte auf und rief: Blindheit? Warte!“
    Doch zu spät. Juan murmelte bereits leise vor sich hin. Kurze Zeit später zog er vorsichtig seine Hände zurück. „Du kannst die Augen jetzt öffnen! Dann wissen wir mehr.“
    Joe zögerte nur kurz. Hatte der Zauber gewirkt? Gespürt hatte er jedenfalls rein gar nichts. Doch egal, was jetzt gleich passieren würde, es ließ sich nicht ändern. Ganz vorsichtig öffnete er die Augen und blinzelte gegen das grelle Tageslicht an. Er ließ seinen Blick in die Runde schweifen. „Diese Farben! Was ist das? Alles leuchtet.“ Fragend sah er hinüber zu seinem Freund, der ihn aufmerksam betrachtete. Die Augenfarbe seines Captains strahlten ihm eisblau entgegen. „Ha, es hat funktioniert! Es hat tatsächlich funktioniert. Doch sag, kannst du jetzt auch hinter das Eis blicken?“.....

     
  5. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 84
    Joe fuhr herum und sah sich noch einmal aufmerksam in alle Richtungen. „Alles ist so fremd. Diese leuchtenden Farben habe ich noch nie gesehen und hätte nicht für möglich gehalten, dass es sie überhaupt gibt. Es ist, als segelten wir gerade direkt durch einen Regenbogen. Doch wie lange wird dieser Zauber wohl anhalten?“ „Nun, genau so lange, bis du ihn mit deinem Willen beendest.“, ließ Juan ihn wissen.
    Mittlerweile hatte neuer Schneefall eingesetzt und erschwerte Juan und den anderen Männer erneut die ohnehin schwere Sicht. Joe jedoch schien es keinesfalls zu stören. Interessiert und wissend starrte er in die Ferne. „Haltet das Schiff im jetzigen Abstand zum Ufer! Hinter der nächsten Krümmung sehe ich etwas aufragen, einen Eisberg vielleicht. Ich weiß es nicht zu benennen, denn seine Farbe ist nicht weiß. Sie ist... einfach unbeschreiblich. Wir sollten aber gut daran vorbei kommen. Kurz darauf erkenne ich eine weitere kleine Insel. Sie scheint der Herrschaft des Eises zu trotzen denn ich sehe Bäume. Dort werden wir den Anker werfen. Material für die nötigen Reparaturen sollten wir dort sicher finden.“
    Und so segelten sie weiter. Der Sturm hatte wieder an Kraft gewonnen und ein ums andere Mal schlingerte das Schiff so gewaltig, dass es drohte, zu kentern. Doch, ebenso wie seiner Besatzung, konnten ihm die Kräfte des Sturms nichts anhaben. Ganz egal, ob dieser nun natürlichem Ursprungs oder durch dunkle Mächte herauf beschworen war.
    Stunden später war es dann endlich geschafft. Allein mit den Segeln des Bugmasts hatten sie den beschwerlichen Weg hindurch durch riesige Eisschollen zurück gelegt. Mittlerweile war die Nacht herein gebrochen und es schien, als hätte der Wintersturm all seine Kraft aufgebraucht. Es wehte nur noch leicht und auch der Schneesturm ließ immer mehr nach, bis kurz darauf die Wolkendecke endlich aufriss. Hier und dort funkelte sogar ein einsamer Stern. Und in deren Dämmerlicht segelte die Black Mary in die kleine Bucht und Joe ließ den Anker auswerfen. Am Morgen würden sie an Land gehen. Doch bis dahin stand ihnen noch eine lange, nicht enden wollende Nacht bevor, in der wohl keiner der Männer ein Auge zu bekam.
    Und auch Joe saß noch lange Zeit an Deck und starrte hinaus in die finstere Nacht. Was er dort sah, sollte ihnen allen später noch eine große Hilfe sein. Als er sich dann später in seine Kajüte zurück zog, konnte er fast körperlich spüren, welche Unruhe seine Männer befallen hatte. Die komplette Mannschaft war hellwach und alle warteten nur auf sein Kommando, um in ihr neuestes Abenteuer zu starten.
    So war es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass schon beim ersten Morgengrauen reges Leben an Deck herrschte. Und als Joe dann endlich eine Landmannschaft zusammen gestellt und das Boot zu Wasser gelassen wurde, ging ein erleichtertes Aufatmen durch die Runde.
    Sie landeten am felsigen Ostufer der bewaldeten Bucht. Während ein Teil der Gruppe am Ufer ein Lager einrichtete, zogen die Holzfäller bergauf in den Wald hinein. Joe, mit Henry in ein Gespräch vertieft, folgte deren deren Spur im tiefen Schnee. Als die beiden die Anhöhe erreicht hatten, hallten bereits die ersten Axtschläge durch den Morgen. Die beiden sahen herab auf das emsige Treiben dort unten am Ufer.
    „Hm?“, murmelte Joe in Gedanken verloren. Henry unterbrach sein Geplapper. „Joe, was ist los? Warum machst du so ein langes Gesicht?“ - „Ach, ich habe nur Juan betrachtet. Mir war gar nicht aufgefallen, dass er zurück geblieben ist.“
    Nun sah es auch Henry. Der Magier saß, etwas abseits von den anderen, auf einem großen Felsen am Ufer und starrte hinaus aufs Meer. „Captain, was ist mit ihm? Er wirkt so allein und verloren.“ - „Allein, verloren und... kraftlos. Ich fürchte, es hat etwas mit seinem letzten Zauber zu tun. Der hat ihm wohl mehr abverlangt, als wir alle geglaubt haben. Mir scheint, jeder Zauber, den er bewirkt, kostet ihm einen Teil seiner Lebensenergie. Wenn wir ihn nicht verlieren wollen, sollten wir Phylixas Spuk so schnell als möglich beenden.“ - „Aye Captain, das sollten wir wohl.“


     
  6. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 85
    Das laute Geräusch umfallender Bäume riss die beiden aus ihren Betrachtungen. Die Holzfäller kamen gut voran und doch dauerte es noch einen halben Tag, die beiden ausgewählten Stämme auf die richtige Länge zu kürzen und sie von Ästen und der Rinde zu befreien. Dann endlich konnten sie die Stämme durch den Schnee den Abhang zum Wasser hinunter gleiten.
    Nur kurz gönnten sich die Männer eine Pause, nahmen eine stärkende Mahlzeit und und ein heißes Getränk zu sich. Ein Schmiedeofen samt Blasebalg wurden aus dem Lagerraum geholt und alles wurde für die folgenden Reparaturarbeiten vorbereitet. Und so verging der Tag und die Sonne versank im Meer.
    Kurz noch saß man am wärmenden Feuer beieinander und ließ die zurück liegende Fahrt Revue passieren, doch schon bald ließ sich einer nach dem anderen zur Nachtruhe nieder. Schon viel zu lang hatten sie auf Schlaf verzichten müssen.
    Joe, Edward und Henry, die die erste Wache übernahmen, saßen eng beieinander und unterhielten sich leise über die Arbeiten, die am am folgenden Tag bevor standen, während Juan noch immer einsam auf seinem Felsen saß. Für kurze Zeit hatte Joe sich überlegt, ihm Gesellschaft zu leisten, doch spürte er ganz deutlich, dass der Magier die Zeit für sich benötigte und seine Gegenwart momentan nicht hilfreich wäre.
    Der Steuermann bemerkte, Joe`s nachdenkliche Blicke, mir denen er immer wieder hinüber sah. „Captain, ist mit Juan alles in Ordnung?“ Der Angesprochene war allerdings viel zu sehr in seinen Gedanken gefangen, als dass er hätte antworten können.
    „Der Captain meint, dass Juan`s Feuer nicht mehr sehr hell brennt.“ - „Aye, ich verstehe. Können wir etwas dagegen tun?“
    Nun wurde auch Joe aufmerksam. „Henry hat Recht. Das Feuer unseres Freundes brennt tatsächlich nicht mehr sehr hell, im Gegensatz zu allen anderen hier.“ - „Du kannst das astrale Feuer in uns sehen?“ - „Ja, dank des Zaubers. Und ich fürchte, genau dieser Zauber hat ihn zuviel Energie gekostet und ihm so einen Teil seines inneren Leuchtens genommen. Viel tun können wir wohl nicht, außer dafür zu sorgen, dass er seine Ruhe bekommt und nicht allzu viel Kraft einsetzen muss.“...
    Ab dem folgenden Morgen wurden in ununterbrochener Arbeit die Masten erneuert. Die Männer rieben die Stämmen mit besonderen Ölen ein, um sie für Wind und Salzwasser unangreifbar zu machen. Es wurden Eisenbänder geschmiedet, die die einzelnen Abschnitte der Masten zusammen halten sollten und als diese dann endlich in die dafür vorgesehenen Halterungen gehievt und fixiert waren, kletterten ein Teil der Männer an ihnen empor, um sie mit neuen Seilen, Krähennestern und der Takelage auszurüsten. Und so vergingen drei ganze Tage.
    Joe durchstreifte die Insel und versuchte nicht ein winziges Fleckchen davon auszulassen. Er wollte auf alles vorbereitet sein, wusste er doch schon, wie und wo sie den nächsten Schlüssel finden würden. Gern hätte er seine Streifzüge allein unternommen, doch die Besatzung bestand darauf, stets ein oder zwei Männer zum Geleit mitzuschicken. Schön wäre es gewesen, so wie in vergangenen Zeiten Juan an seiner Seite zu haben, doch dieser zog es auch weiterhin vor, sich abzusondern und allein auf seinem Felsen zu sitzen. Joe wusste, dass es an der Zeit war, den Zauber zu beenden, um seinem Freund nicht noch unnötig viel Kraft zu rauben, doch so sehr es auch bedauerte, war jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt.
    Die Sonne versank wieder einmal im Meer und endlich waren alle Arbeiten erledigt. Am nächsten Tag konnte die Black Mary wieder in See stechen. Ein letztes Mal saßen die Seemänner in ihrem Lager zusammen ums Feuer. Morgen würde ihr Abenteuer weitergehen.
    „Also gut“, Edward hielt die Spannung nicht länger aus. „morgen geht unsere Reise weiter. Doch welchen Kurs werden wir einschlagen, Joe?“ Der Captain zögerte nur kurz mit seiner Antwort. „Das wird sich zeigen. Bevor wir jedoch wieder an Bord gehen, haben wir noch etwas wichtiges zu erledigen. Dort drüben im Felsen wartet etwas auf uns, wonach wir schon so lange suchen.“ Und wieder war da dieses schelmische Blitzen in seinen Augen, konnte er doch die Verblüffung in den Gesichtern seiner Kameraden sehen. „Sobald wir den Schlüssel haben, stechen wir in See.“....
     
  7. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 86
    „Ja, ist den das zu glauben!? Da lässt der Kerl uns hier tagelang arbeiten und stattdessen hätten wir längst den Schlüssel holen können. Verdammt Captain, ich hoffe du hast eine gute Erklärung! Und überhaupt, seid wann weißt du es schon?“ Edward war mehr als erbost und tat dies auch lautstark kund. Und auch die anderen blicken düster drein, statt sich zu freuen. Nur Juan, der sich endlich wieder zur Gruppe gesellt hatte, nickte wissend.
    Edward war aber noch lange nicht fertig. „Zum Henker, Joe, was hast du dir dabei gedacht? Oder hast du jetzt komplett den Verstand verloren? Meinst du vielleicht, nur weil du den besonderen Blick hast, müsstest du nicht mehr denken? Uns läuft die Zeit davon und du....“ - „Zügle deine Zunge, Steuermann! Wenn du mich zu Wort kommen ließest, könnte ich es euch erklären.“
    Etwas schuldbewusst, jedoch immer noch sehr wütend drein blickend, ließ sich Edward auf den Boden nieder. Dort saß er nun mit verschränkten Armen und wartete auf die angekündigte Erklärung. Und die anderen taten es ihm nach.
    Nun... es ist so...“, hob Joe zu sprechen an. „Ich weiß es schon seit ein paar Tagen, ganz genau, seit Juan den Zauber gewirkt hat. Oder warum meint ihr, sind wir genau hier an Land gegangen? Doch was wäre wohl passiert, wenn ich es euch gesagt hätte?“ Ein Murmeln ging durch die Gruppe. Simon, der Schiffsjunge fand zuerst seine Sprache wieder. „Wir hätten uns das Ding natürlich längst geholt und wären auf dem schnellsten Wege wieder verschwunden.“ - „Genau das habe ich befürchtet. Und wie hättest du das mit zerbrochenen Masten machen wollen, Bursche?“
    Wieder ging ein Raunen durch die Runde. Die Männer schienen langsam Joes Beweggründe zu verstehen. Henry brach in schallendes Gelächter aus und klatschte sich auf die Oberschenkel. „Aye Captain, du bist ein echter Fuchs! Du kennst uns einfach zu gut. Wir wären blind los gestolpert, um den Schlüssel zu holen, ohne zu wissen, was uns erwartet. Und wenn Phylixa dann eine Überraschung für uns vorbereitet hätte, was sie ganz bestimmt hat, säßen wir in der Falle.“ - „Seht ihr, genau darum habe ich bis jetzt geschwiegen. Doch jetzt ist alles vorbereitet und wir können dieser alten Hexe den nächsten Stich versetzen.“
    Nachdem noch kurze Zeit weiter beraten wurde, wie man am besten vorgehen sollte, begab man sich ein letztes Mal zur Nachtruhe. Joe lag noch sehr lange wach und sah hinauf zu den Sternen. Ach, wenn sie ihm doch nur den Weg weisen könnten!
    Der neue Tag brach an und rund um das Feuer herrschte schon emsiges Treiben. Nur kurz nahm man sich Zeit für eine kleine Stärkung und ein wärmendes Getränk. Dann sofort begann ein kleiner Teil der Mannschaft damit, das Lager abzubauen und alles zurück aufs Schiff zu bringen. Ein weiterer Teil machte sich daran, die Black Mary soweit vorzubereiten, so dass ein schnellstmöglicher Aufbruch möglich war.
    Das alles nahm mehr Zeit in Anspruch, als den Männern lieb war, doch dann war es endlich soweit. Wie an einer Perlenschnur aufgefädelt, schlichen die Männer hintereinander die Anhöhe hinauf.
    Mittlerweile war der Tag schon größtenteils verstrichen und langsam legte sich die erste Abenddämmerung über die Insel. Doch Joe kannte den Weg genau. Und so führte er die Kolonne an, immer höher hinauf, hindurch durch das dichteste Dickicht, bis er abrupt vor einer kleinen Nische im Felsen stehen blieb. .…..
     
  8. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 87
    „Leise!“, zischte Joe und sah sich aufmerksam suchend um. Weder der magische Kristall noch das Amulett, welche beide vereint um seinem Hals hingen, hatten ihn bisher vor einer drohenden Gefahr gewarnt, doch kannte Phylixa viele Tricks und Kniffe. Doch im Moment schien tatsächlich alles ruhig.
    „Ich verstehe das nicht. Genau hier muss es sein. Doch es gibt hier es nur kaltes Felsgestein.“ Immer wieder tastete Joe die vor ihm befindliche Wand ab, achtete auf jede Kerbe, jeden Spalt, jedoch vergeblich.
    „Bist du dir da sicher?“ Mit zweifelndem Blick trat Edward einen Schritt vor. „Hier ist nichts außer kaltem und undurchdringlichem Fels.“ - „Ich bin mir ganz sicher. Ich konnte den Schlüssel sehen, genau hier. Hinter dieser Wand muss er sein.“
    „Es liegt an mir.“ Auch Juan trat jetzt vor. „Verflucht, es liegt nur an mir! Mir fehlt die Kraft. Wäre ich nicht so schwach, würde der besondere Blick bei dir auch nicht so schnell nachlassen. Joe, je länger dieser Zauber anhält, umso mehr Energie kostet es mich. Und je mehr Energie ich verliere, umso schwächer wird seine Wirkung. Ich kann nicht einmal sagen, wie lange ich ihn noch aufrecht halten kann.“ - „Genau, das habe ich schon befürchtet, mein Freund. Es ist allerdings ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt. Wir stehen so nah vor unserem Ziel. Doch wir brauchen dich noch. Also lass es uns beenden! Ich kann nicht sagen, wie, doch werden wir auch einen anderen Weg finden.“
    Joe schloss die Augen, um sich zu konzentrieren, wie Juan es ihm zuvor erklärt hatte, doch wurde er durch den Magier unterbrochen. „Halt! Warte damit noch einen Moment! Ich spüre zwar, wie meine Kraft schwindet, doch will ich es noch einmal versuchen, alle Energie zu bündeln. Konzentriere du dich auf den Fels, denn uns bleibt nur dieser eine Versuch!“
    Joe wusste, dass sein Freund Recht hatte, auch wenn er kurz zuvor noch versucht hatte, optimistisch zu klingen. Würde es jetzt nicht gelingen, den Eingang zu finden, würde ihnen der Weg zum Schlüssel wohl auf alle Zeit verschlossen bleiben und ihre Rettung wäre dahin. Also tat er wie ihm geheißen und wandte sich der kargen, grauen Felswand zu. Und während er mit aufmerksamen Blick die Wand absuchte, konnte er für einen kurzen Moment noch einmal spüren, wie sich dessen Farbe veränderte. Während Juan im Hintergrund noch einmal all seine verbliebene Kraft bündelte, schimmerte der Stein in den seltsamsten Farben. Auch den Schlüssel sah er jetzt wieder klar und deutlich vor sich. Er schien nur auf ihn zu warten. Doch wie sollte er nur zu ihm gelangen? Als würde das Objekt seiner Begierde seine Qual spüren, begann es ganz plötzlich zu vibrieren und zu schweben. Und wie von Geisterhand bewegt, bahnte es sich ganz allein und ohne sein Zutun, einen Weg hindurch durch die dicke Felswand. Schon schwebte der Schlüssel direkt vor seinen Augen, er musste nur noch zugreifen. Ohne noch lang zu überlegen, tat er dies dann auch. Geschafft!
    Noch völlig im Freudentaumel gefangen wandte Joe sich seinen Kameraden zu. „Habt ihr das gesehen? Wie, zum Henker, ist das möglich?“ Doch gerade in dem Moment, als alle das soeben geschehene begriffen hatten und in Jubel ausbrechen wollten, fiel Juan zitternd auf die Knie und ein kraftloses Stöhnen kam aus seiner Kehle.....

     
  9. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 88
    Während unter den Männern helle Aufruhr herrschte und einige von ihnen sofort zu dem Magier stürzten, um ihm behilflich zu sein, wusste Joe, es war allerhöchste Zeit, den Zauber zu beenden. Jede Minute, die dieser noch länger anhielt, würde seinem Freund nur noch zusätzlich schaden. Unbemerkt von den anderen, trat er ein Stück beiseite. Er schloss die Augen und konzentrierte sich, genau so wie es ihm Juan erklärt hatte. Als er sie wieder öffnete, war das Eisblau verschwunden und sie hatten wieder ihren ursprünglichen braunen Farbton angenommen. Selbst die kleinen goldenen Funken in ihnen waren zurück. Was für ihn allerdings ebenfalls verschwunden war, war diese faszinierende Regenbogen- Welt. Gern hätte er sie auch weiter für sich behalten, doch hätte dies wohl Juans sicheren Tod bedeutet.
    Juan hatte es währenddessen mit Hilfe der anderen geschafft , sich zu erheben. Links und rechts von einem Mann gestützt stand er da. Doch sein aschfahles Gesicht war von Furchen durchzogen. Sein Mund, bisher immer zu einem neckischen Spruch oder einem schallendem Lachen bereit, war verkniffen. Die blutlosen Lippen zitterten und Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel. Mit matten, halbblinden Augen starrte er vor sich hin. Aus ihnen war jede Wärme verschwunden. Und ihr Blick versetzte Joe einen Stich direkt ins Herz. Aus dem jungen, starken Spanier war ein kraftloser Greis geworden. Und er hatte das alles auf sich genommen, nur um ihnen zu helfen und um sie aus ihrer Ausweglosigkeit zu retten.
    „Was starrt ihr mich alle an, als wäre ich bedauernswertes Geschöpf?“, zeterte er jetzt. „Ich weiß, dass ich nicht mehr so aussehe wie am Anfang unserer Reise. Doch ich werde mir, so Gott will, meine Jugend zurück holen. Doch jetzt lasst uns gehen!“ Wie er es gewohnt war, wollte er jetzt davon stapfen, merkte jedoch schnell, dass er allein wohl nicht sehr weit kommen würde. Ohne seine Kameraden, die ihn stützten, wäre er sicher der Länge nach hin geschlagen. Diese Erkenntnis schien allerdings noch mürrischer zu machen. „Worauf wartet ihr noch?“, zischte er die beiden Männer neben sich wütend an. „Lasst uns endlich gehen!“
    Und so begab man sich auf den Rückweg. Allen voran, Juan, mehr getragen, als dass er selbst in der Lage gewesen wäre, zu laufen. Der Marsch gestaltete sich relativ schwierig, da mittlerweile die Nacht herein gebrochen war. War der Weg eh schon sehr uneben, so ging es jetzt in der Finsternis auch noch bergab. Zwar hatte man ein paar Laternen dabei, doch reichte deren Licht gerade einmal soweit, um den Weg vor ihnen zu beleuchten. Das dichte Gestrüpp links und rechts von ihnen lag jedoch finster vor ihnen. Hinzu kam auch noch der stark geschwächte Juan, den die Männer abwechselnd stützten und teilweise sogar trugen. Und als wäre das noch nicht genug, war jederzeit auch noch mit einem neuen Hinterhalt Phylixas zu rechnen. Joes Sinne waren geschärft und jedes noch so kleine Geräusch ließ ihn herum fahren. Nicht nur ihm fiel darum ein regelrechter Felsbrocken vom Herzen, als endlich der Strand und die in sanftes Mondlicht getauchte Black Mary in Sicht kamen....

     
  10. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 89
    Der Mond wies den Männern auch den Weg, als die Black Mary mit vollen Segeln aus der Bucht auslief und ihre Fahrt über den Ozean fortsetzte. Wohin sie ihre Reise als nächstes führen würde, niemand wusste es. Ein genaues Ziel gab es nicht. Doch war man sich einig, dass es sicherer war, erst einmal in See zu stechen, statt in der Bucht auf Phylixas nächste Attacke zu warten. Dass die sicher nicht sehr lange auf sich warten lassen würde, auch darin war man sich einig.
    „Wohin, Captain?“ Edward sah sich fragend um. Joe schaute hinauf zu den Sternen, fast so, als könnten die ihm eine Antwort geben. „Nach Osten, Ed, bis wir weit genug von der Küste entfernt sind. Dann sehen wir weiter.“ Bei seinen Worten sahen sich die Männer kurz nachdenklich an, doch niemand sagte ein Wort. Ihr Captain konnte kein neues Ziel benennen, wie sollten sie es denn können? Wenn kein Wunder geschah, würden sie wieder einmal ziellos übers Meer fahren und somit weitere wertvolle Zeit verlieren.
    Der Wind griff in die Segel und bauschte die Seide auf, so dass die Black Mary sehr schnell an Fahrt aufnahm.
    Nachdenklich sah Joe nach vorn, wo Juan an der Reling stand. Fast so, als spürte der, dass niemand einen endgültigen Kurs benennen konnte, drehte er sich um und kam langsam nach achtern. Er blieb am Fuß der Treppe stehen, die zum Achterdeck führte und ließ sich schwerfällig auf ihren Stufen nieder. Und während seine Haare im Wind flatterten, sah er mit halb blinden Auge zu Joe empor. Mit verbitterter Stimme fragte er: „Du bist genauso ratlos wie ich, oder? Auf Joes Nicken hin stöhnte er nur.
    Joe fügte hinzu: „Uns fehlt ein neuer Hinweis. Verdammt, wir fahren hier planlos über den Ozean und inzwischen läuft uns die Zeit davon!“
    „Ja, glaubst du, das wüsste ich nicht?“, entgegnete der Magier spitz. „Phylixa führt Böses im Schilde, das kann ich spüren. Und vielleicht ist inzwischen irgendwo schon wieder etwas Schreckliches geschehen. Was das sein könnte, vermag ich nicht zu sagen, doch wütend genug wird sie sein. Ja, wir können sie nicht aufspüren, aber vielleicht können es andere. Die Kinder des Meeres suchen schon nach ihr.“
    Joes Augen weiteten sich. „Du hast die Kinder des Meeres um Hilfe gebeten?“
    „Natürlich habe ich das!“, schnaubte Juan. „Was glaubst du wohl, was ich in der Bucht am Ufer gemacht habe!? Wie ein schwachsinniger Alter in die Ferne gestarrt und gesabbert?“
    „Nein, natürlich nicht, ich habe nur...“ - „Ist schon gut. Es spielt keine Rolle, was du über mich denkst. Tatsache ist, Ich habe sie gerufen und um Hilfe gebeten. Vorgestern Nacht kurz vor Sonnenaufgang sind sie dann endlich gekommen. Sie durchsuchen jetzt zusammen mit allen Wasserbewohnern die Meere. Vor ihnen wird sich Phylixa sicherlich nicht lange verstecken können. Sobald sie ihren furchtbaren Palast des Grauens unten auf dem Meeresboden verlässt, wird man es uns wissen lassen.“
    Joe legte seinem Freund die Hand auf die Schulter und meinte leise: „Mein Freund, ich habe niemals angenommen, dass du einfach so in die Ferne starrst und schon gar nicht, dass du du schwachsinnig geworden seist. Vielleicht, dass du schmollst oder niedergeschlagen seist.“
    „So so!“, kicherte der Magier. „Dass ich schmolle also! Nun, um die Wahrheit zu sagen, vielleicht habe ich tatsächlich etwas geschmollt. Aber auch nur, weil ich mir meine Jugend zurück sehne. Doch wie dem auch sei! Auch wenn ich derzeit körperlich nicht mit euch mithalten kann, so ist mein Geist noch der alte. Und ich habe uns vielleicht eine neue Möglichkeit verschafft, unsere Mission doch noch glücklich beenden zu können. Bis dahin aber bleibt uns nichts anderes übrig, als tatenlos abzuwarten.“

     
  11. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 90
    Tag für Tag segelten sie mit dem Wind ohne besondere Vorkommnisse gen Osten. Sie glitten vorbei an vielen kleinen, verwaisten Inseln, die wie es den Anschein hatte, schon vor sehr langer Zeit verlassen worden waren. Ein trauriger Anblick bot sich den Betrachtern. Fuhrwerke, Arbeitsgeräte... alles stand noch bereit gerade so, als hätten deren Besitzer nur kurz eine Pause eingelegt und würden im nächsten Moment schon wieder an ihre Arbeit zurück kehren. Wie es jedoch aussah, würden sie auch zukünftig nicht mehr gebraucht. Längst schon war die Natur dabei, sich das ehemals besiedelte Gebiet zurück zu erobern. Aus den Dächern und zerstörten Fenstern bahnten sich die ersten Bäume ihren Weg und Schlingpflanzen hangelten sich an den Wänden empor.
    „Himmel, was ist das!? Was mag da geschehen sein?“ Simon, der Schiffsjunge drängte sich weiter nach vorn, um besser sehen zu können und konnte dann doch nicht recht begreifen, was sich seinem Auge bot.
    „Was hier geschehen ist?“, grummelte Edward. „Du fragst wirklich noch, was hier geschehen ist? Und das nach allem, was wir schon erlebt und gesehen haben? Ich sag es dir: Das da ist Phylixas Werk. Wer sonst hinterlässt eine solche Spur von Elend und Trostlosigkeit?“
    In den darauf folgenden Tagen sahen die Männer noch viele verlassene Landstriche. Was aus den ehemaligen Bewohnern geworden war, niemand wusste es genau zu sagen. Doch jedem von ihnen gingen die schrecklichsten Gedanken durch den Kopf.
    Ohne etwas ausrichten zu können, ging die Reise weiter. Und noch immer war das Glück mit ihnen. Weder hatten sie eine Begegnung mit der Wasserhexe noch mit einem ihrer vielen Schergen. Und auch die Winde legten sich nicht und bliesen in genau der richtigen Stärke, um die Segel zu blähen und das Schiff voran zu treiben.
    Wieder einmal war die Nacht herein gebrochen und die Männer verbrachten ihre Zeit mit Gesprächen und dem Würfelspiel. Nur eine Handvoll von ihnen befand sich an Deck, um Wache zu halten und die wenigen nötigen Arbeiten zu verrichten, als plötzlich ein Ruf ihre Aufmerksamkeit erweckte. „Seht doch nur! Was für ein Schauspiel!“
    Über dem Meer ging ein riesiger Schauer von Sternschnuppen nieder, der den gesamten Himmel taghell erleuchtete. Die Männer waren begeistert, doch die unter, die in Sedira dabei gewesen waren, ächzten vor Entsetzen, schlugen sich ihre Kapuzen über den Kopf und vermieden es, in den Himmel zu schauen. Schweigend zogen sie sich unter Deck in ihre Quartiere zurück. Erst sehr viel später, als das Himmelsschauspiel längst vorbei war, tauchten sie nacheinander wieder an Deck auf.
    „Was ist mit euch?“, wollten die anderen von den noch immer traurig und besorgt drein blickenden Männern wissen. Joe, der nach vorn ans Bug getreten war, antwortete ihnen: „Uns allen kam unser Besuch im Wald Sedira in den Sinn und uns fiel wieder ein, welche Worte uns der weise Thorgus mit auf den Weg gab. Er meinte, wenn ein Stern vom Himmel fällt, heißt das, jemand würde sterben, oftmals ein Kamerad. Es muss nicht immer zutreffen, doch sehr oft schon war dies der Fall.“
    „Oh, wie schrecklich, dass ein so wunderbarer Anblick solche Furcht und so viel Trauer hervor rufen kann!“ Die Männer konnten es kaum glauben, wurden jetzt aber doch nachdenklich. Nie wieder würden sie eine Sternschnuppe mit den selben Augen sehen können, wie vor diesem Vorfall.......
     
  12. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 91
    Doch auch diese Nacht verging und nach ihr noch drei weitere. Wieder einmal graute der Morgen.
    Joe spürte, wie sich die Ungeduld unter den Männern ausbreitete. Sie waren es gewohnt, eine Aufgabe zu haben, zu kämpfen und dem Meer zu trotzen. Jetzt einfach so ganz ohne Ziel über den Ozean zu segeln, dazu waren sie nicht geboren. Um der schlechten Stimmung entgegen zu wirken, hatte er eine kleine Ablenkung für sie. Als die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen, verkündete er somit, dass er beabsichtigte, einen kleinen Abstecher nach Morknar zu machen.
    Schon oft hatten sie diese kleine Insel besucht, um Waren zu verladen, den Proviant aufzufüllen oder auch nur, um für kurze Zeit wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben.
    Und er hatte richtig vermutet. Kaum hatten sie wieder ein festes Ziel vor Augen, hellten sich die Gesichter der Männer auf und an Bord herrschte emsiges Treiben. Hin und wieder schallte sogar lautes Gelächter über Deck.
    Zwischendurch legte sich der Wind und die Schleppboote mussten zu Wasser gelassen werden. Die Männer ruderten durch die Flaute. Zum Glück hielt diese nicht sehr lange an. Und schon bald trieb die Black Mary, den günstigen Winden sei Dank, ihrem Ziel entgegen.
    Am Morgen des vierten Tages ging ein Ruck durch das Schiff, als hätte der Rumpf ein Riff gestreift. Dies war schon sehr ungewöhnlich, denn in diesen Gewässern gab es kein Riff. Doch obwohl sie anscheinend mit irgendetwas zusammen gestoßen waren, wurde das Schiff nicht langsamer.
    Einige Männer rannten an die Reling, doch konnten sie nichts im Wasser ausmachen. Schnell war man sich einig, dass sicher nur ein etwas größerer Meeresbewohner ihren Weg gekreuzt haben muss, als schon ein erneuter Ruck das Schiff erzittern ließ. Doch auch diesmal ließ sich kein Hindernis erkennen.
    Um sicher gehen zu können, dass Phylixa nicht doch einen Weg gefunden hatte, unbemerkt an den Kindern des Meeres vorbei zu kommen, wirkte Juan einen Zauber. Doch weder unter noch über dem Schiff war etwas zu finden.
    Am späten Vormittag dann endlich kam Morknar in Sicht. Und während die Männer es kaum noch erwarten konnten, an Land zu gehen, wurde das Schiff noch ein drittes Mal auf rätselhafte Weise erschüttert.
    Joe hoffte, die Menschen an Land würden des Rätsels Lösung kennen. Ungeduldig stand er am Bug und sah die Insel langsam näher kommen.
    „Captain, hörst du das?“ Henry trat neben ihn. - „Was soll ich hören?“ - „Glocken. Ich höre Glocken.“
    Jetzt trug der Wind das Glockengeläut auch zu ihm herüber. „Seltsam! Seit wann läuten die Glocken am Vormittag? Um diese Tageszeit kann das eigentlich nur eins bedeuten. Alarm!“
    Unter vollen Segeln schnellte das Schiff den Docks auf Morknar entgegen und holte die Seide erst im letzten Moment ein, um zügig an die Kais zu gleiten.
    Auf der Insel schien ein ziemlicher Aufruhr zu herrschen. Überall liefen die Menschen hin und her und von allen Seiten war die Glocken zu hören, die Alarm läuteten.
    Und als sich die Männer auf den Weg vom Hafen in die Stadt machten, durchlief die ganze Insel ein Beben, dass selbst das Gestein des Kais erzittern ließ......
     
  13. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 92

    Die Stadt war in Aufruhr. Die Leute rannten, von ihrer Angst getrieben, hin und her, während ihre Häuser mit jedem neuen Beben erzitterten. Doch seltsamerweise blieben fast alle Bauten unbeschädigt. Nur die von ihnen, an denen eh schon der Zahn der Zeit genagt hatte, hielten der Wucht nicht stand. Sie bebten und stürzten letztendlich in sich zusammen.
    An einigen Stellen loderten Feuer und die Bewohner kämpften mit Wassereimern dagegen an. Es war ein schier hoffnungsloser Kampf, den sie nicht gewinnen konnten.
    Die, die den Kampf verloren, aufgegeben oder auch gar nicht erst begonnen hatten, weil sie nur noch daran dachten, dem Unheil zu entkommen, rannten Richtung Hafen.
    Und über all diesem Durcheinander tönten noch immer die Glocken.
    Inmitten dieses Chaos standen unsere Freunde nun und konnten nicht fassen, welches Bild sich ihnen bot. Doch langsam begannen sie, zu begreifen, was auf den Inseln passiert war, an denen sie in den letzten Tagen vorbei gefahren waren. Sie mussten einmal erkennen, dass sie wieder einmal zu spät gekommen waren. Hier gab es nichts mehr zu tun, außer den bedauernswerten Bewohnern zu helfen und so vielen von ihnen wie möglich zur Flucht zu verhelfen. Also schlossen sie sich den Flüchtenden an und begaben sich, so schnell es dem noch immer geschwächten Juan möglich war, zurück in die Hafengegend.
    Dort angekommen sahen sie, unzählige Boote und Schiffe, die eiligst in See stachen. Alles, was man für seetauglich befand, wurde zu Wasser gelassen und war im nächsten Augenblick auch schon bis zum Kentern überfüllt. Alle wollten nur noch fort von hier.
    Nur einige wenige verängstigter Männer und Frauen saßen am Kai und hofften auf Rettung.
    Gerade als Joe und seine Begleiter über den Kai schritten, erschütterte ein weiterer Stoß die Insel. Die Menschen schrien, Kinder weinten vor Furcht. Und über allem klang noch immer das Glockengeläut.
    Endlich erreichten sie den Liegeplatz der Black Mary. Deren Landungsbrücke war jedoch an Bord gezogen worden und die Wachmannschaft stand bewaffnet entlang der Reling, aus Furcht, die flüchtende Menge könnte das Schiff stürmen.
    Als sie sich dem Schiff näherten, wurde die Brücke nur kurz ans Ufer geschoben und sofort versuchten die ersten Menschen mit an Bord zu kommen. Noch gelang es der Mannschaft, dies zu verhindern. Dass sie jedoch etwas unternehmen und den armen Leuten helfen mussten, war jedem von ihnen klar.
    Nach einer kurzen Beratung war man sich dann schnell einig. Sie würden versuchen, so viele, wie irgendwie möglich waren, auf eine der Nachbarinseln bringen.
    Wieder wurde die Landungsbrücke zum Ufer geschoben und es wurden hauptsächlich Frauen mit ihren Kindern, Kranke und Greise an Bord geholt. Schnell war auch der letzte freie Platz gefüllt und die Männer mussten wohl oder übel den Rest der Wartenden abweisen. Doch dies geschah nicht ohne das versprechen, auf dem schnellsten Wege zurück zu kehren, um auch die restlichen Menschen in Sicherheit zu bringen.
    Und so verließ die Black Mary Morknar mit der Flut und vollen Segeln Richtung Süden, während hinter ihm die Glocken läuteten und hatten erst am frühen Morgen eine scheinbar sichere Insel erreicht.
    Viel Zeit blieb den Männern nicht und so machte man sich, sofort auf den Rückweg. Diese Überfahrt verlief dann nicht mehr so ruhig. Der Wind heulte, die See bäumte sich zu gigantischen Wellen auf und trieb das Schiff wie einen Spielball vor sich her....
    Bestürzt sah Joe abwechselnd aus dem Fenster, dann wieder auf die vor ihm ausgebreiteten Karten. Ein Stöhnen drang aus seinem Mund und in tiefster Verzweiflung trommelte er mit den Fäusten gegen die Wand.
    Erschrocken fragte Edward:“ Captain? Joe, was ist mit dir?“
    „Ed, unsere Position“, flüsterte Joe mit Tränen in den Augen. „Die Black Mary fährt gerade über Morknar hinweg. Und ich meine, immer noch die Glocken zu hören.“ ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 Juni 2016
  14. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 93
    Das Wasser stieg höher und höher und bäumte sich zu einer gigantischen Welle auf. Diese fegte, mit winzig klein anmutenden Black Mary auf ihrer Schulter, über den Ozean. Wo das Wasser aufs Land traf, verschluckte es alles und ganze Landstriche verschwanden auf ewig in den Tiefen des Meeres.
    Mit einem heulenden Wind im Rücken wurde das Schiff weiter übers das Meer getragen, so dass den Männer keine Zeit für irgendeine Gefühlsregung blieb. Ein jeder war nur damit beschäftigt, das Schiff vorm Kentern zu bewahren und damit das eigene Überleben zu sichern.
    Erst viele hundert Meile weiter nordöstlich endete ihre rasante Fahrt. Das Wasser lief allmählich wieder flach aus, so dass Joe endlich das Kommando zum Wenden geben konnte, ohne ein Kentern befürchten zu müssen.
    „Joe?“, fragte Edward. „Welcher Kurs?“
    „Wir müssen zurück nach Morknar, Ed, vielleicht gibt es doch noch Überlebende.“

    In den nächsten drei Tagen blies der Wind nur sehr leicht und wechselte ständig. Dennoch segelte die Black Mary unaufhaltsam den Gewässern um Morknar entgegen. Und auf dem gesamten Weg waren die Hinweise auf die Zerstörung im Wasser zu sehen: Kisten, Fässer, Bretter, Teile von Hauswänden und Dächern, Bäume und noch viel mehr Treibgut. Und je näher sie an ihr Ziel kamen, umso mehr trieb ihnen entgegen.
    Die Männer weinten, als sie das Ausmaß der Katastrophe sahen. Doch das Entsetzlichste erwartete sie am Ende ihrer Fahrt. Denn als sie dorthin gelangten, wo sich zuvor noch Morknar befunden hatte, empfing sie eine leere Meeresoberfläche. Die Insel war vollständig verschwunden.
    Drei Tage lang suchten sie erfolglos, während sie immer wieder von Kummer und Mutlosigkeit übermannt wurden. Immer und immer wieder fuhren sie in langsam größer werdenden Kreisen, in der Hoffnung, doch noch etwas tun zu können oder vielleicht Überlebende zu finden. Vergeblich!
    Und während alle übers Wasser starrten, unterhielt man sich nur noch mit gedämpfter Stimme.
    „Was meint ihr, hat das zu bedeuten?“ - „Was ist mit den ganzen Schiffen? Habt ihr seit dem Unglück noch eins gesehen? Sie können doch nicht alle mit in die Tiefe gerissen worden sein. Und wenn doch, warum haben wir es denn überstanden?“ - „Seht doch nur den Captain! Wie wütend er drein schaut.“ - „Meint ihr, das war Phylixas Werk?“ - „Gewiss hat sie ihre Finger im Spiel. Wer sonst ist so abgrundtief böse und grausam?“
    In einem waren sich jedoch alle einig: Dafür würde Phylixa büßen.
    Die Tage vergingen, die Wochen strichen dahin und noch immer fuhren sie übers Meer, ohne zu wissen, wo sie als nächstes suchen sollten. Hin und wieder legten sie an einer der unzähligen Inseln an, um den Proviant und die Wasservorräte aufzufüllen. Unter den Männern eine angespannte Stimmung. Sie waren es nicht gewohnt, zum untätig sein verdammt zu sein und vermissten es, eine Aufgabe und ein Ziel zu haben.
    Joe und Juan nutzen diese Zeit der Ruhe immer öfter, um sich unter Deck zurück zu ziehen. Dort saßen sie oft stundenlang,dachten nach, diskutierten oder schwiegen einfach. Dass es ihr dringendstes Ziel war, Phylixa zu finden und zu vernichten, darin waren sie sich einig, nur das Wie und Wann sorgte noch immer für Meinungsverschiedenheiten.
    Während Joe in seinem Groll sofort etwas unternehmen wollte, vertrat sein Freund die Meinung, man solle jetzt nichts überstürzen und damit alles bisher Erreichte riskieren....
    „Glaube mir, Joe, sie direkt anzugreifen ist ein äußerst gefährliches Unterfangen. Phylixas Macht übersteigt all deine Vorstellungskraft. Und uns stehen im Moment nur die einfachsten Mittel zur Verfügung.“
    „Aber“, protestierte Joe, „glaubst du denn nicht auch, dass ihr die Zerstörung Morknars eine Menge abverlangt hat? Überlege doch nur, was es mit dir macht, wenn du einen deiner Zauber wirkst. Und welche Kraft hat Phylixa erst aufbringen müssen, um diese Grausamkeit zu begehen. Glaubst du nicht auch, dass sie nur noch wenig Macht übrig haben kann?“
    „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es tatsächlich so und sie ist geschwächt. Eins weiß ich aber ganz genau: Es ist gefährlich, sich direkt gegen sie zu wenden. Nur mit List und Tücke werden wir eine Chance haben. Und alles will sehr gut überlegt sein.“
    Mittlerweile war es kurz vor Sonnenuntergang und es schien, als würden sie sich auch heute nicht einigen. So wie auch an den vielen Tagen zuvor. Beide verfielen ins Schweigen und suchten, ein jeder für sich, nach neuen Argumenten, die den jeweils anderen vielleicht doch noch überzeugen würden, als plötzlich laute Rufe übers Deck schallten.
    Schon wurde die Kabinentür mit einem Schwung auf gerissen und Simon mit vor Aufregung hochrotem Kopf herein stürmte. „Captain, schnell... Der Steuermann schickt mich. Er meint, ihr solltet besser nach oben kommen. Im Wasser wimmelt es nur so von Delfinen.“
    Joe schüttelte ungläubig den Kopf, während er schon zur Tür hinaus stürmte. „Delfine? Aber doch nicht in diesen Gewässern. Das kann nicht sein.“
    Der Magier folgte ihm, so schnell es ihm möglich war und lächelte wissend. Diesen Tag hatte er erwartet und herbei gesehnt. Und jetzt waren sie endlich da - die Kinder des Meeres.....

     
  15. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 94
    An Deck angekommen, gab Joe sofort den Befehl, die Segel einzuholen und die Fahrt schnellstmöglich zu stoppen. Denn während die anderen lediglich eine Gruppe Delfine näher kommen sahen, hatte er diese unbegründete Ahnung, dass die Tiere nicht ohne einen bestimmten Grund in diesen entlegenen Teil des Ozeans gekommen waren, Wie recht er haben sollte, wurde ihm auch schon sehr bald klar.​
    Die Männer beugten sich über die Reling, um besser sehen zu können. Und als die Delfine das Schiff erreicht hatten, erkannten sie, dass in ihrer Mitte ein Kind des Meeres schwamm.
    In einem sonderbarem Akzent rief es ihnen etwas zu. Doch nur Juan, der auch endlich an der Reling angekommen war, schien zu verstehen, was es ihnen sagen wollte.
    Die Unterhaltung dauerte eine ganze Weile an und Joe und die anderen folgten ihr interessiert, obwohl sie nichts verstanden, hatten sie solch ein Geschöpf doch noch nie zu Gesicht bekommen.
    Das Kind des Meeres hatte scheinbar jede Menge Neues zu berichten. Aufgeregt wies es mal in die eine, dann wieder in die andere.
    Der Magier schien eine Menge Fragen zu haben, welche ihm alle geduldig beantwortet wurden. Die Antworten schienen ihm, seinem Tonfall und seiner sich stetig ändernden Mine zufolge, mal mehr und mal weniger zu gefallen.
    Nun, als die Neugier für die Männer kaum noch zu ertragen war, wandte sich Juan ihnen endlich zu.
    „Die Meeresbewohner haben Phylixas Reich entdeckt. Allerdings können sie nicht sagen, was dort vor sich geht. Eine furchtbare Kraft geht davon aus und kein Lebewesen kommt nah genug heran. Alles, was sie wissen, ist, dass die Hexe ihren Palast seit langem nicht verlassen hat. Dort unten schmiedet sie wahrscheinlich schon ihren nächsten zerstörerischen Plan. Sollte sie jedoch aus dem finsteren Reich heraus kommen, werden sie uns sofort Nachricht bringen.“
    „Verdammt!“, fluchte Joe laut. „Wie sollen wir ihr nur beikommen, wenn sie noch immer solch eine Macht hat? Ich hatte so sehr gehofft, wir hätten sie, nachdem wir die zwei Schlüssel an uns gebracht haben, geschwächt. Doch das war wohl ein Irrtum.“
    Juan sah die Mutlosigkeit in Joes Augen und entgegnete deshalb mit entschlossener Stimme: „Oh nein, mein Freund, wir werden jetzt gewiss nicht aufgeben und resignieren! Nicht ohne Grund sitzt sie dort unten auf dem Meeresboden in ihrem Palast, ohne ihn noch zu verlassen. Ich sage dir: Sie hat an Kraft verloren und fürchtet unseren nächsten Schlag.“
    „Wie gerne würde ich deinen Worten doch Glauben schenken! Doch wer sagt uns, dass sie ihren Palast nur nicht verlässt, weil sie in ihrer schwarzen Seele die nächste Abscheulichkeit entwickelt? Sag mir, wie um Himmels Willen, sollen wir ihr einen Schlag verpassen, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, die letzten Schlüssel zu finden?“
    Nun wurde Juan doch etwas ungehalten. „Was willst du tun, Captain? Einfach aufgeben? Nein, das ist nicht deine Art. Und selbst wenn es noch so ausweglos erscheinen mag, der Joe, den ich kenne, würde kämpfen bis zuletzt. Wir sind so weit gekommen, haben unzählige Schlachten geschlagen und das soll alles umsonst gewesen sein? Uns bleibt letztendlich gar keine andere Wahl, als weiter zu machen. Und wenn du einmal tief in dich hinein horchst, dann weißt du das auch. Ich sage dir jetzt, was wir tun werden. Wir machen uns auf den Weg, den dritten Schlüssel zu finden. Denn wenn du, statt zu jammern, mich hättest ausreden lassen, dann wüsstest du bereits, dass uns das Kind des Meeres den Weg weisen wird.“
     
  16. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 95
    Ein Raunen ging durch die Gruppe Männer und Juan hatte eine Weile zu tun, um alle Fragen zu beantworten. Joe jedoch stand die ganze Zeit, schweigend und in seine Gedanken vertieft, daneben. Die Mannschaft jedoch war kaum noch zu halten. Endlich gab es mal wieder gute Nachrichten und neue Aufgaben warteten. Edward trat nach vorn. Für welches Ziel würde sich Joe wohl entscheiden?
    „Die Zeit verstreicht, Captain. Schon zu lange waren wir untätig. Was soll es also sein: der Schlüssel oder Phylixa?“
    Joe sah hinauf zu den Windfähnchen, die in der auffrischenden Nordwestbrise flatterten. Dann wandte er den Kopf nach Westsüdwest, wo auf einer kleinen verlassenen Insel ein weiterer Schlüssel auf sie wartete. Sie würden über 400 Meilen segeln müssen, um ihn zu erreichen. Sein Blick wanderte weiter nach Nordwesten, wo direkt hinter dem Horizont Phylixas Reich lag. Die Entfernung war nicht einmal halb so groß, doch würden sie sich überhaupt ungehindert nähern können?
    „Joe?“, drängte der Steuermann, während er eine Hand in die Brise hielt. „ Der Wind frischt weiter auf. Wenn wir nach Nordwesten segeln, haben wir gute Aussichten, die Hälfte der Strecke zu schaffen, ehe der Mond morgen die Sonnen küsst. Soll ich den Kurs ändern?“
    Joe sah seinen ungeduldigen Steuermann lange an und meinte schließlich: „Westsüdwest, Ed. Wir holen uns den Schlüssel. Das Kind des Meeres wird uns den richtigen Weg weisen.“
    Die Black Mary glitt durch die Wellen, den Bug nach Westsüdwest gerichtet, während der Wind von schräg vorn aus aus Steuerbord wehte. Doch obwohl das Schiff gegen den Wind segeln musste, konnte es mühelos mit der Gruppe Delfinen mithalten, die ihm voran schwamm und in deren Mitte sich noch immer das Kind des Meeres befand.
    Die Mannschaft hatte die Zeit genutzt, ihre Waffen zu überprüfen und zum wiederholten Male zu reinigen. Nicht dass dies nötig gewesen wäre, waren sie doch schon viel zu lange nicht mehr im Einsatz gewesen. Doch niemand konnte wissen, ob sie nicht bald schon benötigt würden. Gleichzeitig war es für die Männer eine willkommene Ablenkung, denn viel zu langsam verstrich die Zeit und ihnen blieb nicht viel zu tun, außer zu warten. Zu warten, dass sie ihr Ziel erreichen würden. Zu warten, dass sie endlich erführen, welches ihre nächste Aufgabe sein würde, Zu warten und zu hoffen, dass in naher Zukunft der Tag kommen möge, an denen ihnen das Glück zur Seite stehen und sie Phylixa ein für alle mal den Garaus machen würden.
    Mehrere Male ging die Sonne auf und wurde wieder vom Mond abgelöst. Und während die beiden Wanderer unaufhaltsam auf ihrem Weg entlang zogen, wuchs die Anspannung in Joe.
    Das Kristall hatte schon längst allen Glanz verloren und die Kälte, die von ihm ausging, ließ das Schlimmste erahnen. Hatte er sich richtig entschieden und den rechten Kurs gewählt? In welche Gefahr würde er seine Männer diesmal führen?
    Das Schiff trieb weiter durch die manchmal tobende See. Und als wieder einmal der Morgen graute, dachte Joe, sein Herz müsste vor Anspannung zerspringen. Und sie hatten noch so viele Meilen vor sich. Die Himmelskörper kümmerte seine Not wenig, wieder einmal ging die Sonne auf.
    „Oh mein Gott, Juan““, meinte Joe gepresst; „wo ist der Mond geblieben?“
    Der Magier zeigt auf eine Stelle östlich der Sonne. „Da, obwohl wir ihn nicht sehen können.“
    Joe schaute hin, aber die Sonne brannte zu sehr in seinen Augen, als dass er etwas hätte erkennen können. „Was hat das zu bedeuten?“
    „Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Ich fürchte aber, die ungewöhnliche Konstellation, bedeutet nichts Gutes. Das große Ende scheint bevor zu stehen. Wenn wir wollen, dass es zu unseren Gunsten ausgeht, sollten wir uns beeilen, bevor uns die Zeit davon läuft.“
    Genau in diesem Moment ertönte der Ruf des Ausgucks im Großmast. „Captain, die Delfine schwimmen ab!“ Und der Ausguck im Bugmast vermeldete: „Land in Sicht!“
     
  17. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 96
    Während das Schiff an den Delfinen vorbei glitt, rief das Kind des Meeres Juan noch etwas zu, wies in Richtung der Insel und schon verschwanden alle in den Tiefen des Meeres.
    Die Männer traten vor, um sich genau zu besehen, was sich da vor ihnen befand.
    „Gute Güte!“, hauchte Joe. „Was, um alles in der Welt ist das?“
    „Du siehst es also auch?“, fragte der Magier.
    „Was, was seht ihr?“, wollten nun auch die anderen wissen, als sie den Schrecken in der Stimme ihres Captains hörten. Denn im Gegensatz zu den beiden sahen sie nur eine einsame, von Felsen zerklüftete Insel an deren Ufer sich die Wellen des Ozeans brachen.
    „Seht ihr es denn nicht?“, fragte Joe erstaunt.
    „Die Insel, ja. Aber ist es nicht eine wie viele andere auch?“, entgegnete Edward.
    „Ach, Ed“, hauchte Joe. „Die Insel ist in die brodelnde Aura eines schwarzen Feuers gehüllt.“
    „Nichts ist, wie es scheint. Die Aufgabe wird sein, heraus zu finden, was wahr ist und was Illusion.“, murmelte Juan. Und an die erschreckte Mannschaft gewandt fügte er hinzu: „Das waren die letzten Worte, die mir das Kind des Meeres zurief. Vielleicht ist dieses Feuer ein Trugbild, vielleicht aber auch nicht. Ich vermag es noch nicht zu sagen. Wir werden es jedoch sehr bald heraus finden.“
    „So ist es, Männer.“, ergriff nun wieder Joe das Wort. Mittlerweile hatte er sich von den ersten Schrecken erholt und sein alter Kampfgeist war wieder erwacht. „Egal, was uns an Land erwarten wird. Wir waren nicht so lange unterwegs, um jetzt einfach aufzugeben und umzukehren. Nein, wir werden uns diesen verfluchten Schlüssel holen. Ganz egal, wer oder was sich uns in den Weg stellt. Also, Ed, halte den Kurs! Männer, haltet euch bereit! Wir werden schnellstens an Land gehen.“
    „Aye, aye...“, ertönte es von allen Seiten und die Mannschaft machte sich an die Vorbereitungen.
    Alle wussten, dass Joe Recht hatte und das dies der einzige Weg war, den Fluch und ihre endlose Odyssee über die Meere dieser Welt zu beenden.
    Joe schaute hinauf zu der Sonne, von der er wusste, der der unsichtbare Mond sie in wenigen Augenblicken berühren würde.
    Die Männer hatten die Segel so getrimmt, dass sie so viel Tempo heraus holten, wie nur irgend möglich war und das Schiff jagte über die Wellen.
    Die Kanonen waren schussbereit und die Männer kampfeslustig. Und Edward lag sicher auf Kurs.
    In diesem Augenblick küsste der Mond die Sonne und die Welt erbebte.
    Der Boden unter dem Meer schien weg zu sinken und das Wasser über ihm ebenso.
    Fast hatten sie die Insel erreicht. Doch nun verschwand sie in einem riesigen Krater aus Wasser, der alles aufzusaugen schien. Die Black Mary war schon viel zu nah, als dass sie dem Unheil noch hätte ausweichen können. Das Wasser sackte förmlich unter ihr weg und das Schiff fiel mit ihm.
    Völlig unkontrolliert raste es einen gigantischen Abhang aus Wasser hinab
    Die Männer kullerten wie Kegel übers Deck, während das Schiff weiter kopfüber in die Tiefe fiel.
    Doch inmitten von all dem Chaos und den angsterfüllten Schreien hatte Joe das Gefühl, eine ihm sehr vertraute Stimme zu hören. Sich mit letzter Kraft an der Reling festklammernd, versuchte er ihr über das Getöse hinweg zuzuhören. „Vater? Vater, hilf uns!“
    Die Stimme jedoch war zu schwach, als dass er etwas hätte verstehen können.
    Das war also das Ende. So war es also, wenn es keine Hoffnung mehr gab.
    Und die Gefühle überkamen ihn: Trauer um all die verlorenen Freunde, Verzweiflung über das eigene Schicksal, Wut darüber, nichts dagegen ausrichten zu können und Liebe für all die Menschen, die ihm nahe standen und die er niemals wieder in die Arme schließen konnte.
    Mit letzter Kraft löste er eine Hand von der Reling und griff zu dem Amulett an seinem Hals. Von da an konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen.
    Und das Schiff fiel und fiel.......
     
  18. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 97
    Stille.... Ihn umgab nichts außer diese alarmierende, wabernde Stille.
    Vorsichtig öffnete Joe seine Augen und blickte sich um. Und er sah in die vor Schreck aschfahlen Gesichter seiner Kameraden.
    Der Steuermann schien etwas zu sagen, doch kam es nicht in seinem Ohr an.
    Er sah sich weiter um, sah die tobende See, die aufgeblähten Segel, das hin und her schlagende Steuerrad und doch drang nicht ein Geräusch zu ihm vor.
    Er versuchte, etwas zu sagen, öffnete den Mund, artikulierte die Worte und schrie sie förmlich hinaus. Doch nicht ein Ton verließ seine Kehle.
    Langsam kam wieder Leben in die Mannschaft. Doch schnell war klar, dass es ihnen ähnlich erging. Sie alle waren gefangen an diesem beängstigenden stillen Ort.
    Himmel, was war geschehen!?
    Mühsam trat Juan vor. Ihn schienen die Strapazen der letzten Stunden – Joe vermochte nicht zu sagen, ob es nicht gar Tage gewesen waren. – besonders mitgenommen zu haben. Er schien um Jahre gealtert. Doch auch der Magier schien ratlos und schüttelte ungläubig und resigniert den Kopf.
    Joe sah hinaus aufs Meer. Alles schien normal, so wie sie es seit vielen, vielen Jahren gewohnt waren. Er sah die sich aufbäumenden und von Schaum bedeckten Wellen und spürte die Wassertropfen auf seiner Haut, die der Wind herüber trieb. Aber wie konnte das sein? Waren sie nicht in die Tiefen des Ozeans gestürzt?
    Die Gedanken in seinem Kopf kreisten und er wollte sie hinaus schreien, doch musste er sie vorerst für sich behalten. Er tastete nach dem magischen Kristall, um zu sehen, wie akut die Gefahr war. Dieser jedoch lag warm und leuchtend in seiner Hand. War seine Magie hier unten außer Kraft gesetzt oder hatten die Männer tatsächlich nichts zu befürchten? Er vermochte es nicht zu sagen.
    Die Hand wanderte weiter zu dem Amulett um seinen Hals.Und es schien, als wolle dies ihm etwas sagen.
    „Nichts ist, wie es scheint. Nichts ist, wie es scheint.“ Diesen Hinweis hatte das Kind des Meeres ihnen mit auf den Weg gegeben und nun hämmerten die Worte unaufhörlich in seinem Kopf.
    Auch Juan schien sich dieser Worte mittlerweile wieder bewusst geworden zu sein, denn mittels Handzeichen versuchte er, den anderen etwas mitzuteilen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Alle schauten noch verwirrter als vorher drein.
    Eine Stimme drang an sein Ohr, ganz leise wie ein leichter Windhauch und doch eindringlich und ermutigend. Kadrya!
    Unten ist oben
    und heiß ist hier kalt.
    Habt einfach Vertrauen,
    dann wendet es sich bald!

    Lasst euch nicht verwirren
    und verliert nie den Mut!
    Vergesst nie euer Ziel,
    dann wird alles gut!

    Phylixas Macht zu splittern beginnt.
    Sie spürt, wie ihre Zeit verrinnt.
    Ihre trügerischen Bilder trüben euren Verstand.
    Doch ich werde euch leiten mit meiner schützenden Hand.

    Darum lasst euch nicht narren und schaut genau hin!
    Geht mutig voran und ergründet den Sinn!
    Der nächste Schlüssel ist zum Greifen nah
    und wartet auf euch immerdar.
    Joe hatte die Befürchtung, jetzt vollends den Verstand zu verlieren. War das alles nur Wunschdenken oder doch real? Doch ein Blick in die überraschten und doch scheinbar erleichterten Gesichter seiner Männer ließ ihn aufatmen. Es war also doch noch nicht alles verloren.
    Und mit diesem neuen Wissen und einer riesigen Portion neu geschöpfter Hoffnung, sahen sie nun, was da in gar nicht großer Entfernung auf sie zukam......
     
  19. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 98
    Niemand hatte vorher etwas bemerkt und so konnte sich auch keiner erklären, was ihnen da plötzlich den Weg versperrte. Umso überraschter starrten alle nach vorn. Die ersten Männer sanken auf die Knie und begannen, zu beten. Edward stürmte zum Steuerrad, um es eventuell noch herum reißen zu können. Dort angekommen ließ er jedoch resigniert die Hände sinken und schloss entsetzt seine Augen. Es war viel zu spät, um den Kurs noch ändern zu können.
    Er hatte sich sein Ende schon oft vorgestellt, hatte geglaubt, es wäre mit dem Schwert in der Hand. Aber so? Und schon jagte die Black Mary im halsbrecherischen Tempo hinein in eine riesige Wand aus Feuer.

    Rauch nahm ihm den Atem und die gleißenden Flammen blendeten seinen Blick. Joe konnte die vernichtende Kraft förmlich riechen. Es roch nach verkohltem Holz, versengten Haaren, doch seltsamerweise schien ihnen das Feuer nichts anhaben zu können. Die Männer rangen zwar alle sichtbar nach Luft und sanken überwältigt von ihrer Furcht auf die Knie, jedoch schienen sie alle körperlich unversehrt zu sein. Wie war das möglich?
    Langsam sank auch er zu Boden, mit der Gewissheit, sein letztes Stündlein hätte geschlagen.
    „Nichts ist, wie es scheint.“- Leise drangen wieder diese Worte an sein Ohr. - „Nichts ist, wie es scheint.“
    Mit kraftloser Hand tastete er nach dem Kristall. Kalt und keine Gefahren verheißend ruhte der auf seiner Brust.
    Noch einmal öffnete Joe mühsam seine Augen und sah hinüber zu der Stelle, an der er zuletzt Juan gesehen hatte. Der Rauch biss in seinen Augen und trieb ihm sofort die Tränen ins Gesicht.
    Die grellen Flammen blendeten seinen Blick und nahmen ihm fast jede Sicht. Doch dann sah er seinen Freund, schemenhaft nur, doch schien er als einziger noch aufrecht zu stehen.
    Scheinbar furchtlos stand der Magier da inmitten der lodernden Flammen. Einen Arm hatte er ausgestreckt. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen nach vorn und murmelte mit schmerzverzerrtem Gesicht etwas vor sich hin.
    Joe schloss wieder die Augen, zu sehr brannten sie. Und unaufhaltsam rannen ihm die Tränen in Bächen übers Gesicht. Himmel, was tat sein Freund da. Hatte er etwa auch einen Zauber gegen dieses alles zerstörende Unheil?
    Er zwang sich, seine Augen wieder zu öffnen und hinüber zu sehen. Und noch immer stand Juan in seiner Haltung, doch sein Stand schien längst nicht mehr so sicher. Immer wieder taumelte er, doch er machte weiter mit seinen Beschwörungen. Wie gern würde er zu ihm hinüber laufen, um ihm Halt zu geben. Doch sein Körper hatte längst alle Kraft verloren. Und auch sein Freund schien alle Energie verbraucht zu haben. Er stürzte auf die Knie und ein lauter Schrei löste sich aus Joe`s Kehle, doch konnte seine Stimme, wie schon vorher, niemand hören.
    Juan fiel nach vorn und seine zitternden Hände stützten sich auf den Boden, als wollten sie sich bis zur letzten Sekunde gegen den Niedergang wehren.
    Noch einmal versuchte Joe, zu schreien, auch wenn ihm innerlich längst bewusst war, dass es zwecklos sein würde.
    Doch diesmal schien sein Freund, etwas vernommen zu haben. Vielleicht hatte er es auch nur erahnt. Er schaute herüber und Joe zerriss es fast das Herz, erkannte er den Magier fast nicht mehr wieder. Er schien um Jahre gealtert, tiefe Furchen durchzogen sein schmerzverzerrtes Gesicht. Mühsam hob er einen Arm und strich sich eine Strähne seines inzwischen fast vollkommen weißen Haares aus dem Gesicht. Doch in seinen strahlend klaren Augen funkelten noch immer Zuversicht und Hoffnung. Mit letzter Kraft lächelte er noch einmal, bevor er vollends zu Boden ging und reglos liegen blieb.
    Und Joe umklammerte, den letzten Mut verloren, sein Amulett, schloss verzweifelt seine Augen und wartete auf das scheinbar nicht mehr zu vermeidende Ende......
     
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  20. -kulli-

    -kulli- Lebende Forums-Legende

    Teil 99
    Joe´s Lungen brannten so sehr und schienen, im nächsten Augenblick zerbersten zu wollen. Seine Glieder schmerzten, in seinem Kopf hämmerte es. Was war geschehen?
    Nur mit größter Kraftaufwendung gelang es ihm, seine Augen für einen kurzen Moment zu kleinen Spalten zu öffnen. Rauchschwaden zogen über ihn hinweg und ganz weit oben ließ sich der Himmel erahnen. Vergebens versuchte er, den Kopf zu bewegen. Er schloss die Augen wieder und horchte in die gespenstische Stille, die ihn umgab, hinein. Nichts! Kein Laut drang an sein Ohr. Und über allem lag der zerstörerische Gestank von Furcht und Verderben.
    Himmel, wo war er und was war mit ihm geschehen? Er vermochte es nicht, zu begreifen und konnte nicht einmal mit ziemlicher Gewissheit sagen, ob er überhaupt noch unter den Lebenden weilte. Wie von weit her drang ein leises Raunen an sein Ohr, doch er war müde und wollte nichts mehr hören, nicht mehr nachdenken, nicht mehr fühlen. Und langsam wurde es finster um ihn herum. Dunkelheit und eine wohltuende Leere breitenden sich in ihm aus und er glitt weiter und weiter in eine andere Welt. In eine Welt, die so schön war, wie er sie nie gesehen hatte...

    Ein gewaltiges Beben erschütterte seinen Körper und alles um ihn herum und eine Stimme, die ihn sehr stark an Christopher,seinen Vater, erinnerte, zwang ihn, aufzuwachen.
    Die nächste Erschütterung ließ seinen gesamtem Körper vibrieren. Und dann folgte wieder Stille.
    Joe zwang sich, die Augen zu öffnen und das erste, was er sah, war der strahlend blaue Himmel über sich. Nicht eine kleine Wolke war zu sehen. Alles schien so friedlich, läge da nicht dieser Geruch von verkohltem Holz in der Luft.
    Langsam wandte er den Kopf zur Seite. Was er sah, verwirrte ihn noch mehr und so begann er mühsam, sich auf zurichten.
    Seine Kameraden um ihn herum taten es ihm gleich. Während einige noch benommen am Boden lagen, knieten andere schon und die ersten standen schon wieder auf ihren Füßen. Noch immer geschwächt taumelten sie übers Deck, um irgendwo Halt zu finden. Orientierungslos stolperten die Männer vorwärts, sahen sich fragend um und niemand schien zu begreifen, was hier passiert war.
    Und noch immer herrschte diese gespenstische Stille.
    Joe schleppte sich auf Knien vorwärts und setzte sich an einen Mast gelehnt nieder. Er sah sich um und versuchte sich zu konzentrieren. Doch so sehr er sich auch bemühte, ihm fehlte jegliche Erinnerung. Den Gesichtern seiner Männer konnte er entnehmen, dass es ihnen ähnlich erging.
    Das Schiff war in die Tiefe des Meeres gestürzt, soviel wusste er noch. Und ach an die geräuschlose Welt hier unten erinnerte er sich sich. Doch was war dann geschehen?
    Joe sah sich um. Mittlerweile schienen die Männer alle wieder auf den Beinen zu sein und einige schauten hinunter aufs Wasser. Also erhob er sich mit einem Ächzen und stolperte zu ihnen hinüber. Nun sah auch er, was die Aufmerksamkeit der Mannschaft erregt hatte. Die Black Mary war auf eine große Sandbank aufgelaufen und saß nun darauf fest. Das also hatte das Schiff so erbeben lassen. Doch warum hatte das niemand vorher gesehen und wie waren sie überhaupt in diese Situation gekommen? In seinem Kopf jagte eine Frage die nächste, ohne dass er auch nur eine hätte beantworten können. Hier an Bord gab es nur eine Person, die das eventuell konnte, Juan.
    Suchend sah Joe sich um und entdeckte seinen Freund auf dem vorderen Teil des Decks. Zumindest hatte er die Ahnung, dass es sich um seinen Freund handelte, denn nicht mehr viel erinnerte an seinen jungen Kameraden. Nein, aus Juan war ein greiser alter Mann geworden. Leicht nach vorn gebeugt stand er da und starrte in die Ferne. Es schien, als würde er nach etwas bestimmten Ausschau halten.
    Als Joe sich zu ihm gesellte, schrak er leicht zusammen und ließ schnell seine Hände unter dem Mantel verschwinden, fast so, als wollte er etwas verbergen.
    Langsam wandte er sich nun um und für einen kurzen Augenblick war der Juan wieder da, der schon seit so vielen Jahren mit Joe durch dick und dünn gegangen war. Mit strahlenden Augen und einem Mut machenden Lächeln gab er Joe zu verstehen, nach vorn zu sehen.

    Der Nebel in der Ferne lichtete sich langsam und gab die Sicht frei auf eine felsige Insel, die sich majestätisch aus den Fluten erhob. Und Joe hatte die unbestimmte Ahnung, schon einmal hier gewesen zu sein...
     
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